Target 2: die tickende Zeitbombe

Von MARVIN WANK | Stellen Sie sich einmal vor sie würden zur Bank Ihres Vertrauens gehen und im Beratungsgespräch einen nahezu zinslosen Kredit fordern. Selbst in Zeiten der nahezu unbegrenzten Geldschöpfung würde das zunächst zumindest für hochgezogene Augenbrauen bei Ihrem Gegenüber sogen. Wenn Sie auf die spöttische Frage Ihres Bankberaters, was es denn sonst noch sein solle, zusätzlich eine unendliche Laufzeit und unbegrenzte Höhe für diesen Kredit fordern, würde Ihr Berater sie auslachen und Ihnen von den netten Herren in Schwarz höflich den Ausgang zeigen lassen.

So abstrus Ihnen das erscheinen mag: In der Welt der Zentralbanken ist dies alles möglich. Auf unglaubliche 976 Milliarden Euro beläuft sich das Target-2-Saldo der Bundesbank. Target 2? Wenn Sie diesen Begriff hier das erste Mal lesen, dann ergeht es Ihnen wie den meisten Menschen in Deutschland. Kaum einer weiß um die drückende Schuldenlast, die letztlich auf dem Rücken der Bürger liegt.

Target 2 ist ein System, dass transnationale Überweisungen innerhalb des Euroraums schnell und einfach ermöglicht. Das Target-2-Saldo steigt, wenn Geld in ein Land hineinfließt und sinkt, wenn Geld aus einem Land herausfließt. Wenn, zum Beispiel für einen Import, Geld von einem französischen auf ein deutsches Konto überwiesen werden soll, dann schickt die französische Geschäftsbank das Geld an die französische Zentralbank und diese meldet den Transfer der EZB. Die EZB gibt nun der Bundesbank den Auftrag das entsprechende Geld dem deutschen Exporteur zu überweisen. Die Bundesbank tut dies und so ist zwischen den beiden privaten Händlern alles ausgeglichen. Volkswirtschaftlich entsteht allerdings ein Problem: Das Geld was aus Frankreich nach Deutschland fließen soll, fließt nicht sondern bleibt vielmehr bei der Zentralbank in Frankreich hängen und muss von der Bundesbank selbst wieder aufgebracht werden. Im Gegenzug kriegt die EZB lediglich einen zweifelhaften Schuldschein aus Frankreich und die Bundesbank einen noch zweifelhafteren von der EZB. Der einzige Ausgleichsmechanismus in diesem System ist, wenn ein Deutscher nun etwas aus Frankreich kauft. Da Deutschland aber weitaus mehr exportiert als importiert entsteht im Target-System ein riesiges Minus für Deutschland – 976 Milliarden! Die Franzosen (oder Italiener oder Griechen…) haben zwar Schulden bei der EZB, die aber niemals eingefordert werden und somit ein riesen Haufen Geld für fast umsonst und immer. Wenn Deutschland etwas exportiert zahlt Deutschland also indirekt selbst für das Exportprodukt.

Das riesige Problem daran ist, dass diese 976 Milliarden Euro letztlich eine Schuld auf Rücken der Staatsbürger sind. Sollte die Eurozone jemals zerfallen, bleibt die Bundesbank auf ihren Forderungen sitzen – und zahlen darf der deutsch Michel. Für die Target-2-Salden gibt es keine Laufzeitbeschränkung und fast keine Zinsen. Natürlich nicht – das System wurde zur Abwicklung von Überweisungen entwickelt, nicht zur Staatsfinanzierung. Hans-Werner Sinn bezeichnete das System schon 2012 als „goldene Kreditkarte“ für defizitäre Südstaaten. Geglaubt hat ihm das freilich keiner.

1 Antwort

  1. Jonesthecapitalist sagt:

    Das ist so irre. Wer denkt sich sowas aus? Da muss doch Sabotage im Spiel sein…

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