Friedensengel Putin?

Von MAX ZIMMER |
Es ist immer das gleiche Spiel: Irgendwas mit Bezug zu Russland, dem Kreml oder Putin passiert, und löst eine tagelange, wenn nicht gar wochenlange Debatte aus. Während die „etablierten Medien“ und so manch ein Politiker sich nur allzu gerne auf diese Skandale stürzen, und dabei sich, das eigene Blatt, die eigene Partei oder gar das eigene Land zum moralischen Zeigefinger machen, agiert die Gegenseite teils noch extremer, spricht Russland und Putin jegliche Schuld ab, verherrlicht den starken Mann im Kreml und spricht dem bösen Westen und vor allem den hinterhältigen Amerikanern jede erdenkliche Schuld zu.
In diesem Chaos an diametral zueinander stehenden Meinungen ist es schwierig, einen rationalen Standpunkt einzunehmen. Nicht etwa, weil die Thematik zu komplex und kaum zu verstehen wäre, sondern viel mehr weil einem die verfeindeten Lager keine Möglichkeit geben, einen professionellen, sachbezogenen Dialog zu führen. Weicht man zu sehr vom Putin kritischen Standpunkt ab, ist man für die einen der „Putinversteher“ und Agent des Kremls, wagt man es jedoch auch abseits des Mainstreams inhaltlich fundierte und tiefgründige Kritik an Putin zu üben, ist man für die anderen der „russophobe Kriegstreiber“, der „Nato Propagandist“ oder die CIA Marionette.
Es ist schlichtweg nicht möglich, zwischen Klaus Kleber, der Zeit, Spiegel Online und Ken Jebsen, Compact und Russia Today eine sowohl Putin als auch Mainstream kritische Haltung einzunehmen, die nicht von dem einen oder dem anderen Lager in der Luft zerissen wird.
Und nein, Putin ist nicht der Teufel, er ist nicht an „allem schuld“ und er ist auch kein westlicher Sündenbock. Aber es ist ein liberales Selbstverständnis, auch diesen Herrscher in aller Schärfe zu kritisieren, sei es wegen seiner autoritären Innenpolitik oder wegen seiner fragwürdigen, durchaus kriegerischen Außenpolitik.
Putin ist weder Bösewicht noch Friedensengel, er ist genau so ein machtorientierter, vor unmenschlichen Mitteln nicht zurückschreckender Stratege, wie es wohl ein Großteil derer sind, die auf der Weltbühne etwas zu sagen haben.
Insofern ist die apologetisch anmutende Hysterie kaum zu ertragen, die einem aus der alternativen Szene oder gar „Friedensbewegung“ entgegenschallt, wenn man denn Kritik an Putin übt, oder ihm und seiner Regierung gar Sachen unterstellt, die diese noch gar nicht eingeräumt haben (weil Regierungen ja auch dafür bekannt sind, immer zu den eigenen Machenschaften zu stehen).
Der Punkt ist: Wir sollten alle mal wieder runter kommen, und auf dem Boden der Tatsachen verweilen.
Das gilt auch für alt eingesessene Friedens- und Freiheitskämpfer wie Ken Jebsen oder Jürgen Elsässer, die sich noch nicht so recht zu einer Putin Kritik durchringen konnten.