Wegen des Brexits: Die Forderung nach Schottischer Unabhängigkeit wird laut wie lange nicht

Von Leopold Vogt | 1707, vor vor über 300 Jahren, wurde Schottland durch den Act of Union Teil des Vereinigten Königreichs – Teil Großbritanniens.

Doch wie in vielen anderen großen Staaten, die sich aus mehreren Ländern und Kulturen zusammensetzen, konnten Unterschiede nie überwunden werden: So wie sich die Katalanen primär als Katalanen und nicht als Spanier sehen, so sehen sich auch die Schotten heute noch mehr als Schotten denn als Briten.

All diese Unstimmigkeiten mündeten 2014 in einem Unabhängigkeitsreferendum.  Damals stimmten die Schotten für den Verbleib in Großbritannien, aber auch für den in der EU. Dieser Verbleib wurde nämlich, genau wie jüngst bei den Katalanen, in Frage gestellt: Wer ein eigenes Land gründet, muss der EU erst wieder von Neuem beitreten. Doch dieser Beitrittsprozess dauert lange und könnte – wie im Falle Spaniens – vom territorial beschnittenen Staat ausgiebig torpediert werden.

Nun ist ja – wie allseits bekannt – die letzte Wahl in GB mit einem Wahlsieg Johnsons ausgegangen und der Brexit scheint zum Greifen nahe. Ein Brexit mit vor allem englischen Rückhalt – die überwältigende Mehrheit Schottlands sprach sich für „Remain“ aus. Vielleicht ist das ein Grund, warum Schottlands Ministerpräsidentin nun Pläne für ein zweites Referendum angekündigt. Die Schotten würden dann vor einer veränderten Lage stehen:  Sie würden jetzt zwischen dem definitiven Austritt aus der EU, voraussichtlich mit einem irgendwie gearteten Deal, und der Möglichkeit, eigenständig wieder Mitglied der EU zu werden, wählen müssen.

Zu einer so weitreichenden Entscheidung gehört natürlich auch noch mehr als die bloße Zugehörigkeit zur EU, zum Beispiel das Gefühl der Ohnmacht gegenüber den Entscheidungen aus dem fernen London, also die Abgabe von Souveränität. Aber auch das Ideal des Landes, das sich selbst regiert und seine eigenen Entscheidungen trifft, das im Zweifelsfall nicht immer Kompromisse eingehen muss.

Nun ist Großbritannien natürlich nicht begeistert von jeglichen Unabhängigkeitsbestrebungen – und allgemein: All diese Ideen kochen nicht erst seit dem Brexit. Wie oben schon beschrieben, entschieden die Schotten 2014 schon einmal darüber, damals votierten sie noch für einen Verbleib in GB. Etwas, worauf auch London vehement verweisen wird. Denn – und das wird mann dort auch ahnen – ist der Geist der schottischen Eigenständigkeit schon aus der Flasche, wird man ihn kaum wieder dahin zurückbringen. Bei der Wahl 2014 fehlten nur ein paar Prozentpunkte, diese könnten nun schon zusammenkommen, wenn man bedenkt, dass in Schottland die öffentliche Meinung  zum Verbleib in der EU tendiert.Treibende Kraft ist hierbei zurzeit die SNP (Scottish National Party),deren erklärtes Ziel die Abspaltung von GB ist und die jetzt auf eine neue Chance für ihre Bestrebungen hofft.

Dafür müsste natürlich erst einmal eine Abstimmung stattfinden. Ist diese Hürde jedoch genommen, wird die Brexit-Debatte mit weiteren interessanten Ereignissen angereichert werden – dem Fortbestand der Union. Und eines will auch BoJo nicht: Der Premierminister sein, der Schottland „verloren“ hat. 

4 Antworten

  1. Ex-DE sagt:

    Man sollte bei aller Euphorie jedoch nicht vernachlässigen, dass vor 10 Tagen, in absoluten Zahlen, die nationalistische SNP ‘nur’ 45% der abgegebenen Stimmen erhalten hat. Bei der Sitzverteilung liegt das Ergebnis zwar weit über dem Ergebnis von 2017, jedoch auch deutlich unter dem von 2015. Mit dem derzeitigen Haushaltsdefizit von ca. 7% werden die EU-Aufnahmekriterien ebenfalls signifikant verfehlt.
    Langfristig wird sich Schottland sicher vom UK trennen. Daraus eine pro-EU Stimmung abzuleiten ist m. E. ziemlich naiv. Viele Schotten verachten die Brüsseler Institutionen genauso wie die Mehrzahl der Briten. Die Abneigung der Nationalisten gegenüber England ist einfach nur größer.

  2. Die Schotten werden sich mehr Autonomie von Westminster aushandeln, ich denke Bo wird einen hervorragenden Deal aushandeln, dank dem Abschied von der EU hat er ja wesentlich mehr Freiheiten. Die Schotten wissen genau, dass sie als kleines Land keine Chance haben, in der EU Gehör zu finden.

  3. moneypenny sagt:

    Also wenn die jetzt unabhängig werden wollen, um von der EU abhängig bleiben zu dürfen, halt ich’s mit Obelix: „Die spinnen, die Schotten!“

  4. dasLinkeParadox sagt:

    Wenn die Schotten das mehrheitlich so wollen, dann ist das eben so, und sie sollten es auch bekommen. Genau wie die Katalanen, Flamen…. im Gegensatz zu den Sozialisten wollen wir niemanden zu seinem Glück zwingen.