Der Mythos vom deutschen Michel

Von MARVIN WANK | Der Glauben an die Obrigkeit ist eine typisch deutsche Eigenschaft, genau wie Pünktlichkeit, Fleiß und Sparsamkeit. Im Gegensatz zu etwa den USA haben Werte wie Freiheit, Eigenverantwortung und Selbständigkeit hierzulande kulturhistorisch überhaupt keine Bedeutung. Deutschland wurde schon immer von starken, autoritären Anführern regiert, die die Dinge für den Bürger anpacken. Oder?

Tatsächlich ist der treuherzige deutsche Michel ein fataler Mythos. Freiheit hat in deutschsprachigen Raum durchaus eine lange Tradition. Schon bevor man überhaupt von so etwas wie „Deutschland“ sprechen kann, gab es auf dem Boden der heutigen Bundesrepublik eine Vielzahl unabhängiger germanischer Stämme. Diese waren zwar keinesfalls liberal im gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Sinne. Doch verteidigten sie vehement und letztlich erfolgreich ihre Unabhängigkeit gegen das römische Reich. Das römische Reich war ein Obrigkeitsstaat sondergleichen und der Drang der Germanen nach Unabhängigkeit, die auch eine Form der Freiheit ist, beispiellos. Der deutsche Michel hat noch nie geschlafen.

Dieses Unabhängigkeitsstreben setzte sich auch nach Gründung des heiligen römischen Reichs deutscher Nation fort. Die Fürstentümer und vor allem auch die freien Reichsstädte widersetzten sich jeglichen Zentralisierungsversuchen von oben.

Die Revolution von 1848 hatte zwar das Ziel, einen zentralistischen Nationalstaat zu schaffen. Dennoch war diese aus liberaler Sicht positiv. Denn wieder einmal haben die Deutschen gezeigt, dass sie bereit sind gegen die Obrigkeit aufzubegehren. Auch wenn diese Revolution letztlich scheiterte, so hat die in der Paulskirche ausgearbeitete Verfassung nicht zuletzt die Väter des Grundgesetzes inspiriert.

Der Siegeszug zumindest des wirtschafltichen Liberalismus ging auch nach dem Scheitern der Revolution weiter. Mit der preußischen Gewerbeordnung von 1869 oder dem Bürgerlichen Gesetzbuch von 1900 wurden zwei ausgeprochen liberale Gesetzesbücher herausgegeben. Auch die wirtschaftliche Freiheit war in dieser Zeit unfassbar: Die Staatsquote lag bei lediglich 14%, der Spitzensteuersatz bei 8%. Ein Goldstandard erlaubte keine nenneswerte Inflation. Entsprechend stieg der allgemeine Wohlstand auf ein unvorstellbares Niveau. In dieser Zeit waren selbst radikalliberale Denker wie Julius Fauchern oder Bernhard Oppenheimer durchaus salonfähig. Auch nach Reichsgründung 1871 war die Macht des Zentralstaats deutlich eingeschränkt: um Reichsgesetze zu erlassen, war die Zustimmung des Bundesrates notwendig.

Dies änderte sich mit Kriegsausbruch 1914: Behörden, die geschaffen wurden, um die Wirtschaft auf Kriegsproduktion umzustellen, überlebten den Krieg. Selbst der Goldstandard wurde den Kriegsanstrengungen geopfert. 1918 kam es erneut zu einer Revolution. Bedauerlicherweise war diese allerdings stark von sozialdemokratischen Ideen geprägt. Entsprechend war die Weimarer Republik zwar ein Fortschritt für gesellschafltiche Freiheit, ein Rückschritt aber für die wirtschaftliche Freiheit. Doch auch hier zeigte sich: Das deutsche Volk hat gegen die Obrigkeit aufbegehrt und sich politische Mitbestimmung erkämpft.

Nach der Weimarer Republik brach das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte an. Wirtschaftliche Freiheit war ein Fremdwort für die Nationalsozialisten und von so etwas wie Bürgerrechten zu sprechen wäre zynisch. Doch auch im dritten Reich gab es Widerstand: Insgesamt 42 Attentate wurden auf „Führer und Reichskanzler“ Adolf Hitler verübt.  Die Kapitulation der Nazi-Tyrannei 1945 war die Stunde Null für den deutschen Liberalismus.

Im Westen Deutschlands nutzten die Liberalen diese Chance. Ludwig Erhard und seine Mittstreiter führten in der BRD die „soziale Marktwirtschaft“ ein – letztlich nur ein rhetorischer Trick um der aufkommenden antikapitalistischen Stimmung entgegenzuwirken. Erhard selbst definierte den Begrif wie folgt: „Mit sozialer Marktwirtschaft ist gemeint, dass die Marktwirtschaft an sich sozial ist, nicht dass sie durch den Staat sozial gemacht werden muss.“ Die weitgehend liberale Wirtschaftsordnung führte in Westdeutschland zu einem spektakulären Aufstieg, von dem Deutschland bis heute profitiert.

Im Osten wurde hingegen der Weg der Unfreiheit gewählt. Der Sozialismus verhinderte nicht nur einen Boom wie im Westen, er schränkte auch die individuelle Freiheit maßgeblich ein. 1953, als das Wirtschaftswunder in der BRD im vollen Gange war, gingen in der DDR die Massen auf die Straßen. Die DDR war nicht mehr in der Lage diesem Aufstand Herr zu werden und musste die Sowjetuinon um Hilfe bitten. Panzer schlugen am Ende den Aufstand nieder und die gesellschaftlichen Repressalien wurden verschärft. Aber auch hier zeigt sich: Der Deutsche Michel kämpft für seine Freiheit.

Aber selbst schwerstes Kriegsgerät konnten den Untergang der DDR nur hinauszögern: 1989 war das Jahr der friedlichen Revolution. Hunderttausende gingen auf die Straße und forderten ihre Freiheit ein – mit Erfolg.

Die Deutschen als Obrigkeitsvolk ohne Freiheitssinn zu diffamieren verhöhnt die Taten all derer, die für ihre Freiheit gekämpft haben. Wir Deutschen haben immer wieder bewiesen, dass wir uns nicht alles gefallen lassen. Der Liberalismus ist tief in der deutschen Geschichte verwurzelt. Wir müssen uns auf diese Tradition beziehen und uns unsere Freiheit zurückholen – notfalls auf der Straße.

2 Antworten

  1. Phan-Tom2001 sagt:

    Warum ist Hitler denn gerade uns Deutschen passiert? Viel bürgerlicher Liberalismus scheint da ja nicht vorhanden gewesen zu sein!

  2. jonesthecapitalist sagt:

    Hm sehe ich ein wenig kritisch. 2. Weltkrieg, Preußischer Militarismus und auch heute wieder der deutsche Merkelwähler. Eine überproportionale Obrigkeitshörogkeit kann man den deutschen nicht absprechen.

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