Kapitalismus in der DDR

Von MARVIN WANK | Bei jeder Familienfeier schwelgen die älteren Verwandten früher oder später in alten Erinnerungen und langweilen den Rest der Sippe mit Anekdoten aus der Zeit ihrer Jugend. Meine normale Taktik besteht darin, auf Durchzug zu schalten und mich stattdessen gänzlich auf das meist überaus üppige Essen zu konzentrieren. Gestern aber hat meine Großmutter eine Geschichte ausgepackt, die mich plötzlich aufhorchen ließ.

Zeitlich spielte diese irgendwann in der DDR und Thema war der Schrebergarten, den sie mit ihrem Mann damals bewirtschaftete. Tatsächlich wurde der private Anbau von Obst und Gemüse von staatlicher Seite begrüßt und gefördert, sparte man sich so doch etwa teure Importe. Da mein Großvater wohl einen überaus grünen Daumen besaß, konnte er jedes Jahr viel mehr Gurken ernten als die beiden und ihre nächsten Verwandten und Bekannten essen konnten. Stattdessen haben sie diese eingetauscht, vor allem gegen Obst und Gemüse der Nachbarn, aber auch gegen begehrte Raritäten wie etwa Ersatzteile für den Trabi. Meine Großmutter bezeichnete dies als „große Solidarität, die es so nur im Sozialismus gab“.

An der Stelle konnte ich mir ein leichtes Schmunzeln kaum noch verkneifen und süffisant fragte ich: „Haben eure Nachbarn denn das gleich angebaut wie ihr und haben sie das auch getauscht?“. Überrascht über mein plötzliches Interesse begann sie sogleich mit einer ausführlichen Auflistung der Ernte sämtlicher Mitglieder des Kleingartenvereins. Tatsächlich stellte sich heraus, dass sich einige Gärtner auf bestimmte Obst- und Gemüsesorten spezialisiert hatten und diese dann gegen die Ernte der Nachbarn eintauschten.

Das war nämlich erstaunlicherweise viel effizienter als alles, was man essen wollte, selbst anzubauen. Dadurch haben alle Schrebergärtner profitiert, da es nun insgesamt viel mehr Ernte gab, die man tauschen konnte und sie auf diese Weise besser mit Lebensmitteln versorgt waren. Die Menschen in der DDR haben also ganz allein herausgefunden, dass Arbeitsteilung und freiwilliges Handeln positiv für den eigenen Lebensstandard ist. Ein Glück nur, dass der SED niemand gesagt hat, dass man diese Verfahren Kapitalismus nennt.

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