Das ewige links-rechts-Wirrwarr

Von ADRIÁN | Links und rechts. Diese zwei Begriffe sind seit Jahrhunderten in den Köpfen der Menschen als die politischen Richtungen eingespeichert. Und seit jeher sorgen sie für Chaos und Ausgrenzung, für Missverständnisse und nicht zuletzt für ein stark vereinfachtes Schubladendenken.

Aber woher stammen diese Begriffe überhaupt? Ursprünglich entstanden sind die politischen Begriffe „rechts“ und „links“ laut der bpb 1814 in der französischen Abgeordnetenkammer. Die konservativen Parteien, die eher für für die Beibehaltung der aktuellen Verhältnisse standen, saßen vom Präsidenten aus rechts, während die progressiven, also eher fortschritts- und veränderungswilligen Parteien auf der linken Seite saßen. Auch in Deutschland (im deutschen Reich von 1871 bis 1918) wurde diese Verteilung übernommen, so saß dann zum Beispiel die Sozialistische Arbeiterpartei (=spätere SPD) links und zum Beispiel die Deutsche Reichspartei rechts. Doch schon die NSDAP, also die Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei, sprengte diesen Rahmen. Sollte man sie eher links zu den sozialistischen, aber internationalistischen, also progressiven Parteien oder eher zu den nationalistischen, aber eher kapitalistischen Parteien setzen?

Heute gilt die NSDAP als rechte, sogar rechtsextreme Partei. Warum? Die Begriffe wurden stark verwässert. Als rechts sehen viele heute Ansichten und Parteien, die sehr national und konservativ, aber zum Teil auch sozialistisch sind. Als links gelten heute vor allem Ansichten und Parteien, die sehr internationalistisch, aber eben auch wieder sozialistisch sind. Unterscheidbar sind sie unter diesen Gesichtspunkten nur, weil die einen nationalistisch und die anderen internationalistisch sind. Selbst im Punkt Konservatismus sind sich Nationalsozialismus und der heutige Linksbegriff erschreckend ähnlich: man kann die Nazis mit ihren Bücherverbrennungen, also dem Vernichten von Kulturgut und dem Willen zur radikalen Umwälzung von wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen freilich nicht als konservativ bezeichnen. Selbst die heutige Version der Ideologie nicht, diese ist wenn überhaupt Reaktionär.

Auch der Liberalismus tut sich schwer in dieser Einordnung. Er gilt ja schon als eher progressiv, weil man ja für freiheitliche Veränderungen steht, aber andererseits steht er eben für einen freieren Markt, den es eben schon in der Vergangenheit unter Ludwig Erhard annähernd gab.

Ein sehr guter Klärungsversuch ist der „political compass“, der zwar das links-rechts-Schema aufgreift, aber eher in eine andere Richtung bringt. Es ist nicht einfach nur eine Achse, sondern eine Art Koordinatensystem mit einer horizontalen Achse für die Art der Wirtschaft (links=absoluter Kommunismus bis rechts=absoluter Kapitalismus) und einer vertikalen Achse für den Grad der Unabhängigkeit oder Staatsstärke (oben=Totalitarismus bis unten=Anarchie). Hier müsste man den Liberalismus unten und mittig-rechts einordnen, also freiheitlich im Bezug auf Gesellschaft und Markt. Den Nationalsozialismus müsste man hier sehr weit oben und leicht links von der Mitte einordnen, also totalitär und auch wirtschaftlich eher einschränkend. Aber auch hier gibt es einige Probleme. Der Bezug zu Konservatismus-Progressivismus fehlt, denn da bräuchte man wahrscheinlich eine dritte Dimension dafür. Stellt sich nur die Frage, wie relevant die Einordnung des Konservatismus oder Progressivismus wirklich ist, da man diese Begriffe in jedem Land aufgrund der historischen Gegebenheiten anders definieren muss. In den USA zum Beispiel kann man Liberale unter Umständen gar als Konservative sehen, da das Land am Anfang bis spätestens 1913 ein Minimalstaat war, also der Idealzustand der Liberalen. In Deutschland hingegen gilt Liberalismus eher als progressiv, da wir den minimalstaatlichen Zustand in der Neuzeit nie wirklich hatten.

Eine zweite Möglichkeit der Einteilung sind die Achsensysteme wie zum Beispiel das von 8values. Es gibt hier vier Achsen für die Begriffe ökonomisch (Gleichheit-Markt), diplomatisch (Nationalismus-Internationalismus), zivil (Freiheit-Autorität) und gesellschaftlich (Tradition-Fortschritt). Zugegeben, die Oberbegriffe sind minimal unverständlich, aber man versteht im Gesamtbild, was gemeint ist. Hier ist man völlig losgelöst vom links-rechts-Schema und muss seinem Gegenüber etwas länger erklären, wie man bei den Achsen steht, aber eigentlich ist das auch gut so.
Denn man kann und sollte politische Ansichten nicht mit wenigen Worten erklären. Politik ist zu komplex, um Leute mit „ich bin liberal“, „ich bin national“ oder „ich bin sozialistisch“ zu bewerfen. Auf lange Sicht führt dieser Umgang zur am Anfang erwähnten Ausgrenzung, da Leute sich lieber mit ihresgleichen politisch beschäftigen. Auch heute schon kann man diese Ausgrenzung sehr gut sehen, wenn zum auf Facebook dazu aufgerufen wird, alle AfD-Wähler aus der Freundesliste zu entfernen oder wenn von irgendwem mal wieder „gegen rechts“ gehetzt wird. Auch liberale sind in einer gewissen Art und Weise Rechts, zumindest, wenn man dem political compass folgt. Aber diese Ausgrenzung muss nicht sein. Wenn jemand zum Beispiel sagt, dass er „rechts“ sei, sollte man nicht einfach mit gut oder schlecht antworten. Man sollte fragen, was er damit meint. Ist er konservativ oder progressiv? Ist er sozialistisch oder kapitalistisch? Ist er freiheitlich oder autoritär? Und selbst diese Fragen reichen eigentlich nicht ganz aus, um die Ansichten des Gegenübers gut zu verstehen. Aber wichtig ist, den Austausch und die Debatte zu wahren und nicht einfach nur in seiner Blase zu leben. Nur damit kann eine Radikalisierung vermieden werden und ein gutes Gesellschaftsklima gewahrt werden. Das links-rechts-Schema hat längst ausgedient und richtet mehr Schaden an als es nutzt. Es wird Zeit für viele, das endlich zu realisieren.