Wer rettet unser Gesundheitssystem?

Von Michal Kornblum | Als ich vor kurzem in einem Bioladen war, um Brot zu kaufen, fiel mir eine Anzeige an der Theke ins Auge. Kaffee to go wird in diesem Laden auf Grund der aktuellen Situation nur noch in Einwegbechern und nicht mehr in eigenen mitgebrachten Behältern verkauft. Die Zeiten ändern sich und damit auch unser Verhalten.

Für die Banalitäten vergangener Wochen gibt es keinen Raum mehr. Es geht jetzt um existenzielle Fragen wie den Schutz der eigenen Gesundheit, die finanzielle und berufliche Absicherung vieler Familien oder, welcher Supermarkt gerade neue Lieferungen an Klopapier und Nudeln bekommen hat. Dabei warnt Jens Spahn, dass die aktuellen Zustände zwar noch die Ruhe vor dem Sturm seien, aber es werde auch wieder Zeiten nach Corona geben. Damit hat Herr Spahn natürlich recht. Wir werden irgendwann wieder zu einer neuen Normalität zurückkehren und das Leben wird weitergehen. Aber wir müssen uns auch dringend die Frage stellen, welche Maßnahmen und Änderungen notwendig sind, um ähnliche Zustände zu verhindern.

Einer der Bereiche, dessen kontinuierlich ignorierte Schwachstellen uns jetzt mit aller Härte treffen werden, ist unser Gesundheitssystem. Obwohl Pflegemangel, untragbare Arbeitsbedingungen, ein stetig wachsender Ärztemangel sowie weitere Engpässe im Gesundheitsbereich seit langem kein Geheimnis sind, schien die gesellschaftliche und politische Priorität dieser Themen eher gering. So langsam spürt man nun das böse Erwachen: Nicht genug Pflegekräfte, zu wenig Ärzte, nicht ausreichend Schutzmasken und andere Ausrüstung, Lieferengpässe bei Medikamenten; diese Liste ist um zahlreiche Punkte zu erweitern. Das Mantra, dass Deutschland bestens vorbereitet sei, wird nun von immer größer werdender Verunsicherung und Verzweiflung abgelöst.

Dringend überfällige Debatte über das Gesundheitssystem

In diesen Tagen kümmert man sich -zurecht- sehr viel um die wirtschaftlichen Folgen der Krise. Aber ich erlebe kaum Auseinandersetzung mit Änderungen im Gesundheitssystem. Von Geklatsche wird jedoch kein Pfleger die Miete bezahlen können und gegen Unterbesetzung und rekordverdächtige Überstunden hilft das auch nicht. Wir brauchen spätestens jetzt die dringend überfällige Debatte um unser Gesundheitssystem.

Auch im ärztlichen Bereich zeichnet sich – bereits vor Corona – ein düsteres Bild ab. Dr. Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bundes (also des Berufsverbands deutscher Ärzte) forderte im November 2019 mehr Medizinstudienplätze: „Wir haben zu wenig medizinischen Nachwuchs, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Wer den Ersatzbedarf ignoriert, der durch die Babyboomer-Ruhestandswelle der nächsten Jahre auf uns zukommt, verkennt schlichtweg die Realität.“

Dabei gibt es beim Medizinernachwuchs in Deutschland ein unverständliches Paradoxon: Einen immer größer werdenden Ärztemangel trotz vieler Studienbewerber. Es bewerben sich jährlich ca. 45.000 Anwärter auf knapp unter 10.000 Medizinstudienplätze deutschlandweit. Warum bei eindeutigen Zeichen von höherem Bedarf nicht mehr Studienplätze geschaffen werden, wird häufig mit den hohen Kosten eines Medizinstudiums begründet. So koste die Ausbildung eines Arztes an einer staatlichen Universität um die 250.000 € – die privaten Hochschulen in Deutschland veranschlagen dafür maximal 90000€, die jedoch komplett vom Studenten getragen werden müssen. Wodurch sich die Differenz ergibt ist unklar. Wenn ein Abiturient jedoch Genderwissenschaften, Kulturwissenschaft oder Europäische Studien studieren möchte, dann kann er dies meist ohne große Hürden oder Aufnahmebeschränkungen tun. Natürlich sind diese Studiengänge viel weniger kostenintensiv als die Ausbildung eines Mediziners, aber – und das wird oft vergessen – eben auch nicht umsonst. Und wie viele studierte Europäer braucht ein Land? Wie viele Soziologen und Kulturmanager helfen uns durch die Coronakrise? Zusätzlich sprießen neue Studiengänge, über deren Sinn und Nutzen diskutiert werden muss, wie Pilze aus dem Boden. Die Uni Regensburg plant zur Zeit ab diesem Jahr den neuen Masterstudiengang „Perimortale Wissenschaft“, laut Website ein „Zukunftsthema“.

Die Medizinstudienplätze haben sich sogar reduziert

Schon heute können in ländlichen Gegenden einige Hausärzte nicht mehr in den Ruhestand gehen, da sie keine Nachfolger für ihre Praxen finden. Auch in der Coronakrise sehen sich viele pensionierte Ärzte – in Anbetracht des Kapazitäten unseres Gesundheitssystems – dazu gezwungen mitzuhelfen, nachdem sie u.a. von der Landesärztekammer Schleswig-Holstein dazu aufgerufen wurden. Für ein Land wie Deutschland sollten das keine tragbaren Zustände sein, da Pensionäre wegen des Alters  selbst zur Risikogruppe gehören.

Der Medizinische Fakultätentag sieht aber keine Notwendigkeit in der Schaffung weiterer Medizinstudienplätze, denn die Ursache soll bei den vielen Ärzten (und besonders Ärztinnen), die in  Teilzeit arbeiten sowie in der falschen Verteilung der vorhandenen Ärzte, zu finden sein. Wo ist der Aufschrei aller Feministen bei dieser frauenfeindlichen Ansicht? Dass die Medizin immer weiblicher wird ist nichts Neues und, dass auch diese Frauen Kinder und Familie haben und dementsprechend weniger arbeiten, ist verständlich. 

Tatsächlich haben sich durch die Wiedervereinigung die Medizinstudienplätze sogar reduziert, da einige Städte in den neuen Bundesländern – wie die einst bedeutende Medizinerstadt Erfurt – ihre medizinischen Fakultäten verloren haben und ein heutiger Wiederaufbau zu teuer sein soll.

Inzwischen merken die Bürger den Ärztemangel immer häufiger im Alltag: Monatelange Wartezeiten bei bestimmten Fachärzten oder gar Aufnahmestopps von neuen Patienten, überlastete Krankenhäuser und Ärzte, die auf Grund mangelnder Deutschkenntnisse Schwierigkeiten haben, mit Patienten und Kollegen zu kommunizieren. Die Vorschläge der Einwanderung von Ärzten aus dem Ausland sind eine bodenlose Frechheit, da Deutschland mit vergleichsweise guten Gehältern Ärzte anlocken kann, aber damit einen Ärztemangel in den Ländern vor Ort bewirkt. Die Ausbeutung des Auslands darf nicht die Lösung für mangelnde personelle Ressourcen in Deutschland sein. Daraufhin werden dann die „Ärzte ohne Grenzen“ aus Deutschland in ihrer Freizeit in diese Länder fahren und bei der medizinischen Versorgung helfen. Ein Teufelskreis der Unvernunft.

Die Probleme sind älter als Corona

Jetzt ist Corona hier und wir werden mit diesen eigentlich schleichend erwarteten Veränderungen aller Voraussicht nach sehr schlagartig konfrontiert werden. Nicht zu vergessen ist aber, dass sich trotz Corona auch die „regulären“ Erkrankungen und Unfälle nicht plötzlich in Luft auflösen. Fehlendes Material lässt sich in einigen Wochen bis Monaten herstellen und neu produzieren, aber die wertvollen menschlichen Ressourcen müssen langfristiger geplant werden. Ausbildungen und Studienzeiten dauern mehrere Jahre.

Was ist, wenn nun Ärzte – wie auch in China, Italien und Spanien – selber an Corona erkranken und ausfallen? Oder in Quarantäne müssen, weil sie Kontakt zu Infizierten hatten? Wie lange wird unsere Personaldecke das aushalten? Corona hat keinen Ärztemangel erschaffen, Corona macht ihn nur noch bemerkbarer. Dabei prognostizieren Studien und der Marburger Bund den wirklichen Crash, sobald die Babyboomer ins Rentenalter kommen, da diese Generation einen Großteil der in Deutschland tätigen Ärzte – besonders in der hausärztlichen Versorgung – ausmacht.

Das Thema ist für mich auch sehr persönlich, weil ich selber gerne Ärztin werden möchte. Aber ich kann sie (nicht) beruhigen: ich skizziere nicht aus Frust wegen ein paar Ablehnungen ein Horrorszenario, ich weise auf reale Probleme hin. Gerade viele Gleichaltrige denken, dass sie diese Angelegenheit nicht betrifft, da sie jung und gesund sind, aber aktuell zeigt Corona, dass es jeden plötzlich treffen kann. Wenn die medizinische Versorgung, die Studienplatzsituation, die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung aller medizinischen Berufe in unserem Land nicht verändert wird, dann sollte die Regensburger Uni über eine Ausweitung des Studiengangs „Perimortale Wissenschaft“ nachdenken, denn dann wird es wirklich ein Studium mit Zukunft.

3 Antworten

  1. nordseeschwalbe sagt:

    Vielen Dank für diesen informativen Artikel! Drücke die Daumen für Medizinstudium!

  1. 30. März 2020

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  2. 30. März 2020

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