Syrien: Warum Russland nicht der Gewinner der Eskalation ist 

Von Max Zimmer | Die aktuelle Situation in Syrien ist ein Novum der jüngeren Geschichte des Konflikts: Es kommt im Rahmen einer militärischen Offensive zu einer direkten Konfrontation zwischen Syrien und einem anderen Staat. 

Nach dem Luftangriff – angeblich durch die syrische Luftwaffe – eskaliert die Situation, mittlerweile greift die Türkei aktiv in den Krieg ein. Einige deutsche Medien deuten die Situation in Idlib als Erfolg der russischen Außenpolitik, so bewertet beispielsweise die „Welt“ Russland als „großen Gewinner im syrischen Drama“. Worauf diese diffuse Analyse stützt, ist dabei fraglich. Russland wird häufig als Gewinner außenpolitischer Verwerfungen verklärt, während diese in der Regel ein Zeichen der eigentlichen Schwäche Moskaus sind. 

Auch wenn Putin mit der Annexion der Krim – mit der er durchkam – genau so wie mit seiner hegemonialen Rolle in Syrien durchaus strategische Erfolge erzielen konnte, offenbart sich in Syrien momentan, dass der Kreml einen Bluff auch verlieren kann. 

Nach den schnellen Erfolgen der syrischen Regierungstruppen bei der Offensive in Idlib und der Einnahme von knapp 150 Ortschaften drängen die Rebellen Assads Truppen mittlerweile unter dem Bombenhagel der türkischen Luftwaffe zurück.  Entgegen der leeren Drohung aus Damaskus, den Luftraum über Idlib für alle „fremden Flugobjekte“ zu schließen, besitzen türkische Drohnen aktuell die Lufthoheit über dem Gebiet. Tatsächlich wurden bislang zwei, manche Quellen berichten sogar von drei syrischen Kampfflugzeugen über der Region abgeschossen. Gegenangriffe von Rebellen, unterstützt durch türkische Artillerie, hat die Regierungstruppen zum Rückzug gezwungen. Von der russischen Luftwaffe – bislang wenig zu sehen. Aus Moskau kommen nur leere Worte. 

Man stehe an der Seite von Damaskus, seie legitim in dem Land und vordere die Türkei zur Zurückhaltung auf – weder eine Drohung an Ankara, noch die minimalste Andeutung, möglicherweise militärisch zu reagieren. Zwar wurden Kriegsschiffe ins Mittelmeer entsendet, jedoch ist das eher als versuchte Demonstration der Stärke zu bewerten, die sich aber durch die Zurückhaltung auf dem Schlachtfeld selbst angesichts der fatalen militärischen Situation auflöst. 

Moskau lässt Damaskus in Idlib im Stich – aus Angst vor der Konfrontation mit Ankara. Idlib ist keineswegs ein Sieg für Russland, es ist eine herbe Niederlage für Assad und eine katastrophale Entwicklung für die Verbündeten.

Das zweitgrößte Militär der Nato, das gleichzeitig ein Nachbarland mit Grenzanbindung zur Rebellenhochburg darstellt, greift direkt in den Krieg zu Ungunsten der Regierungstruppen ein – das kann Moskau nicht als Sieg verkaufen. Sofern der Türkei vonseiten Russland keine – wenn nötig militärischen – Grenzen aufgezeigt werden, wird Idlib möglicherweise zum Wendepunkt des Syrienkrieges, der Assads mittlerweile sehr stabile Situation in sein Gegenteil verkehren könnte. So gab es am Sonntag bereits Berichte über erneute Aufstände im südlichen Teil des Landes, in dem sich wohl erneut Oppositionelle erheben – die Lage für Damaskus ist extrem ernst. Abhängig von Russlands Reaktion ist wohl ebenso das weitere vorgehen der Türkei, Erdogan wird seine Grenzen nun immer aggressiver austesten. Die angekündigte Militäroperation ist wohl nur der Anfang. 

Alleine hat das syrische Heer jedenfalls keine Chance gegen eine türkische Intervention. Sollte Russland also weiterhin auf klare Signale wie Luftschläge verzichten, wurde es vielleicht doch noch in Syrien besiegt, obwohl der Sieg Assads eigentlich schon feststand.

4 Antworten

  1. Thorben Meyer sagt:

    Wenn Russland keinen Militärschlag durchführt, dann, weil es dies nicht will. Angesichts der Politik Erdogans, die auf ein gewaltsames Durchbrechen der griechischen Grenze abzielt, wird ihn die aktuelle Regierung in Washington kaum unterstützen. Assads Problem ist vor allem, dass Putin keine Prinzipien hat, sondern vor allem die NATO schwächen will. Deswegen arrangiert er sich mit Erdogan, in der Hoffnung, den Westen weiter schwächen zu können. Das Problem ist nur, dass Erdogan größenwahnsinnig wird und jetzt seine Attacken immer weiter ausweitet.

  2. David sagt:

    Ich würde das mal ganz gelassen sehen. Im Nahen Osten ist nichts, wie es scheint. Putin ist ein ausgebuffter Taktiker mit langem Atem.

    Man kann das alles nämlich z.B. auch so sehen:
    https://www.anti-spiegel.ru/2020/russische-medien-was-ist-los-mit-erdogan/

  1. 3. März 2020

    […] über Syrien: Warum Russland nicht der Gewinner der Eskalation ist  — Apollo News […]

  2. 3. März 2020

    […] • Weiterlesen • […]