“Cancel Culture” und der Angriff auf den offenen Diskurs

Von Sebastian Thormann | Ist die Meinungsfreiheit im Westen unter Attacke, wie von manchen behauptet? Nicht im juristischen Sinne. Wir leben nicht in einer von manchen heraufbeschwörten “Meinungsdiktatur”. 

Allerdings braucht ein freies Land und eine freie und demokratische Zivilisation mehr als nur einen freiheitlich-demokratischen Staat. Man braucht auch ein gesellschaftliches Klima, in dem diese Werte tagtäglich gelebt werden und eine offene Debatte möglich ist. Und in letzter Zeit sieht man leider mehr und mehr eine Tendenz, die in eine andere Richtung geht. Dafür gibt es im Westen in letzter Zeit mehr und mehr Beispiele.

Datenanalyst gefeuert, weil er sich für friedliche Proteste statt gewaltiger Randale aussprach

Ein deutscher Professor etwa wurde vom Journal of Political Economy der University of Chicago gefeuert, nachdem er auf Twitter darauf hingewiesen hat, dass sich Black-Lives-Matter-Demonstranten mit Forderungen, dass die Polizei nicht mehr finanziert werden soll, selbst schaden.

Ein weiteres Beispiel ist das eines Boeing Managers, der von seiner Position zurücktreten musste. Was hatte er getan? Vor mehr als 30 Jahren hatte er einen Artikel geschrieben, in dem es darum ging, ob Frauen im Militär im Kampf eingesetzt werden sollten. Dafür, dass er damals die weitverbreitete Meinung teilte, die übrigens auch der offiziellen Handhabung des Militärs entsprach und diese Frage verneinte, wurde er jetzt “gecancelt.”

Oder der Fall eines linken Datenanalyst, der bereits für Barack Obamas Kampagne gearbeitet hat. Er hatte auf die Ergebnisse eines Princeton Professors hingewiesen, in denen deutlich wurde, dass Ausschreitungen und Randale in den 1960ern den Demokraten Stimmen kosteten, während friedlicher Protest ihnen half. Daraufhin wurde er auf Twitter attackiert und von seinem Arbeitgeber entlassen. Weil er dabei friedlicher Protest besser dargestellt hat als gewalttätige Ausschreitungen.


Wenn Unternehmen aber aus vorauseilendem Gehorsam vor einem realitätsfernen Online-Mob Leute feuern, dann läuft nicht alles prima, nur weil kein staatlicher Zwang im Spiel ist.



Jedes Unternehmen hat natürlich das Recht und die Freiheit zu entscheiden was für Leute es anstellen will, was für Produkte und Dienstleistungen es anbieten will. Trotzdem gehört zu einer freien und offenen Gesellschaft mehr dazu, als dass man machen kann was man will. 

Wenn Unternehmen aber aus vorauseilendem Gehorsam vor einem realitätsfernen Online-Mob Leute feuern, dann läuft nicht alles prima, nur weil kein staatlicher Zwang im Spiel ist. Deshalb braucht einen freien und offenen Diskurs, und zwar nicht nur dadurch, dass Staat und Gesetz diesen zulassen, sondern auch indem er wirklich aktiv und aus eigenem Willen gelebt wird.

Cancel Culture gleicht religiösem Dogma

“Cancel Culture” ist genau der Gegenentwurf dazu. Keinerlei kontroverse, oder aber eigentlich völlig unkontroverse Meinung, die nicht dem eng-definiert Gewünschten entspricht, ist tolerierbar. Selbst das einfache, nicht-wertende Einbringen von Fakten kann schon einen Aufschrei verursachen. 

Der prominente Psychologie-Professor und Bestseller Autor Jonathan Haidt, selbst übrigens ein Linksliberaler, vergleicht diese Einstellung mit religiösem Dogma. Wenn Annahmen, die Teil dieses Dogma sind, widersprochen wird, dann ist das wie Blasphemie. 

In Deutschland ist Cancel Culture noch nicht so angekommen wie in manchen englischsprachigen Ländern, trotzdem sollten wir wieder lernen, im gesellschaftlichen Diskurs auf ein paar Werte zu achten, die zwar oft gefeiert aber längst nicht immer auch konsequent angewendet werden: Nämlich Vielfalt und Toleranz.

3 Antworten

  1. karlchen sagt:

    Also ich kann mit diesen ganzen schlauen neuen Wörtern wie „Framing“, „Identity Politics“, „Cancel Culture“ etc. nicht viel anfangen. Erstens sind sie nur neuer Lack auf alten Dingen, und zweitens suggerieren sie gezieltes Vorgehen, wo es sich einfach um beobachtbare Dynamiken von gewaltsamer Raumeinnahme handelt. Das macht den Benenner angreifbar, weil er sich dann leicht den Vorwurf einer Verschwörungstheorie einhandelt. Der Begriff Cancel „Culture“ ist bei Lichte betrachtet sowieso völlig unglücklich – auch wenn das engl. „Culture“ was anderes bedeutet als unsere „Kultur“. Folgt dann die „Denouncement Culture“ oder gar eine „Killing Culture“? Nein nein Leute, das ist alles nicht so zivilisiert, das nennt man Lüge, Randale, Rufmord, Gewalt… Verschleiert das nicht mit solchen akademischen Begriffen!

  2. Dr. Götze sagt:

    Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gleiche liegt so nah! Wo habe ich es gelesen, auf der Achse? Die Personalchefin von Adidas Deutschland wurde doch erst kürzlich gefeuert, weil sie in der Firma keinen generalisierten Rassismus sähe.

  3. M. Sonntag sagt:

    In Deutschland ist Cancel Culture noch nicht so angekommen …? Das funktioniert besser als gedacht. Ich habe dies selbst mehrfach als (ehemaliges) Mitglied des Leserbeirates einer großen Regionalzeitung erlebt. Bei Belanglosigkeiten war eine Diskussion möglich, bei Politik wurde durch die Journalisten hartnäckig und boshaft blockiert. Fakten sind in den elitären Kreisen im Gegensatz zu Emotionen unerwünscht, sie könnten schnell aufs Glatteis führen.

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