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Sturm auf Zentrale der Atatürk-Partei: Wie Erdoğan die türkische Rest-Demokratie zerschlagen will

Am Sonntag stürmte die Polizei die Zentrale der wichtigsten türkischen Oppositionspartei CHP. Präsident Erdoğan versucht, die Parteispitze mithilfe der Justiz zu kriminalisieren und ihre Führung durch schwache Opportunisten zu ersetzen.

Der CHP-Vorsitzende Özgür Özel am Sonntag, nachdem die Polizei die Parteizentrale stürmte (IMAGO/Depo Photos)

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Am Sonntag stürmte die Polizei die Zentrale der größten türkischen Oppositionspartei CHP in Ankara. Vorausgegangen war ein Gerichtsurteil vom Donnerstag, das die Wahl Özgür Özels zum Parteivorsitzenden im Jahr 2023 wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten annullierte. Durch das Urteil wurde sein Vorgänger Kemal Kılıçdaroğlu eingesetzt, der damals Özel unterlegen war und nun die Räumung der Parteizentrale vorantrieb.

Der Vorgang ist von historischer Bedeutung für die türkische Demokratie. Denn die CHP ist nicht irgendeine Oppositionspartei, sondern die traditionsreichste Partei der Türkei: gegründet vom Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk selbst und seit mehr als einem Jahrhundert prägend für das politische Selbstverständnis des Landes. Nach Jahren der Schwäche wurde sie zuletzt wieder stärker – und damit zu einem ernsten Problem für die AKP, die Partei von Präsident Recep Tayyip Erdoğan.

Das bekam Erdoğan schon in seiner Heimatstadt Istanbul zu spüren. 2019 verlor seine AKP die Bürgermeisterwahl gegen den CHP-Politiker Ekrem İmamoğlu, 2024 wurde dieser im Amt bestätigt. Seither gilt İmamoğlu als der gefährlichste Herausforderer des Präsidenten und als möglicher Kandidat für die nächste Präsidentschaftswahl. Seit März 2025 sitzt er in Untersuchungshaft. Der fadenscheinige Vorwurf: Korruption und angebliche Nähe zum Terrorismus.

Dass auch die Ereignisse vom vergangenen Wochenende einem politisch motivierten Justizskandal gleichkommen, zeigt sich bereits an der fehlenden Rechtskraft des Urteils vom Donnerstag. Mit rechtsstaatlichen Grundprinzipien ist es kaum vereinbar, dass eine nicht endgültige Entscheidung umgehend genutzt wurde, um die Führung der größten Oppositionspartei faktisch zu entmachten.

Die CHP ging gegen die Entscheidung vor, Özels Absetzung war also politisch und juristisch umkämpft. Dennoch stürmte die Polizei die Parteizentrale und schuf Fakten, bevor der Rechtsweg ausgeschöpft war. Mit Erfolg: Nach seiner Wiedereinsetzung entließ Kılıçdaroğlu drei Parteianwälte, die gegen das Urteil Rechtsmittel eingelegt hatten, und ließ den Einspruch beim Obersten Gericht zurückziehen. Damit kontrolliert ausgerechnet der durch das Urteil Begünstigte nun den Rechtsweg gegen seine eigene Einsetzung.

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Dass Erdoğans Umfeld die Justiz nutzt, um in eine innerparteiliche Angelegenheit der wichtigsten Oppositionspartei einzugreifen, ist so perfide wie durchsichtig. Die Frist, um Özels Wahl anzufechten, war längst abgelaufen. Spätere Parteitage hatten seine Führung längst bestätigt. Trotzdem griff das Gericht zweieinhalb Jahre später ein – und erklärte eine politisch längst vollzogene Entscheidung nachträglich für ungültig.

Worum es Erdoğan geht, ist leicht zu erkennen: Er will die CHP nicht direkt verbieten, sondern politisch entkernen. Statt die Partei Atatürks offen zu zerschlagen, was historisch und symbolisch schwer zu vermitteln wäre, nutzt er die Justiz, um ihr eine Führung aufzuzwingen, die sie schwächt und kontrollierbar macht.

Kılıçdaroğlu wäre in dieser Rolle kein ernsthafter Herausforderer der AKP, sondern der Kopf einer simulierten Scheinopposition. Eine solche CHP könnte Erdoğan zudem als demokratisches Feigenblatt dienen und unter Verweis auf die nach wie vor stattfindenden Wahlen den Eindruck erwecken, die türkische Demokratie sei trotz aller Blessuren noch halbwegs intakt, ohne dass Erdoğans Macht ernsthaft gefährdet wäre.

Für Özel, İmamoğlu und ihre Mitstreiter entsteht in dieser Situation so oder so eine strategische Zwickmühle. Bleiben sie, müssen sie sich einer Marionette Erdoğans unterordnen. Gehen sie und gründen womöglich eine neue Partei, drohen Spaltung und organisatorischer Substanzverlust. Ein Teil der Wählerschaft würde bei der alten CHP bleiben. Zudem würden die beiden CHPs angesichts der jüngsten Vorfälle erwartbar kaum miteinander kooperieren können. Die Opposition wäre vollends entzweit.

Die De-facto-Zerschlagung der größten Oppositionspartei der Türkei wäre kein plötzlicher Bruch, sondern der logische Endpunkt einer Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet. Erdoğan hat die Demokratie nicht auf einmal abgeschafft. Er hat sie schrittweise ausgehöhlt und die Grenzen des Sag- und Wählbaren über Jahre hinweg systematisch enger gezogen.

Die historischen Zwischenschritte auf diesem Weg sind bekannt: die brutale Niederschlagung der Gezi-Proteste 2013, die Massenentlassungen und Verhaftungen, für die der Putschversuch von 2016 als Vorwand diente, die Säuberung des Staatsapparats und die Gleichschaltung großer Teile der Medien. Erdoğan hat es geschafft, mit zahlreichen Eingriffen ein System zu schaffen, das seinen Regeln gehorcht. Und auch das Ausland verlor im Verlauf der Jahre zusehends das Interesse an diesen Vorgängen.

Lange galt die CHP in dieser Logik als eine Art Tabu: Ihre symbolische Bedeutung als Atatürk-Partei war zu groß, als dass sie offen hätte zerschlagen werden können. Doch bereits die Inhaftierung İmamoğlus hat angedeutet, dass Erdoğan auch bereit ist, dieses letzte Tabu zu brechen. Am Wochenende hat dieser Prozess seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Özel selbst gibt sich trotz der widrigen Umstände kämpferisch: „Unser Kampf ist der Kampf für die Heimat“, sagte er in einem Beitrag auf X. Dabei kommentierte er treffend, was seiner Partei von Erdoğans Justiz tatsächlich zum Vorwurf gemacht wird: „Unser Verbrechen ist, die Partei nach 47 Jahren wieder zur führenden Partei gemacht zu haben“.

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44 Kommentare

  • Mal schauen, wie lange es noch dauert, bis Unseredemokratie die Parteizentrale der AfD stürmen lässt.

    • Wenn sie nicht so große Angst vor dem Ausland hätten, wäre das längst geschehen.
      In dem Moment, wo die demokratischen Parameter schlechter werden, hat das nämlich auch jede Menge Nachteile bei der Kreditvergabe. Einem Bananstaat möchte niemand so gerne Geld leihen.

      • wenn jucken Kredite, wenn man aus den „nichtmigranten“ in „unserer Demokratie“ faktisch ohne Limit Geld per „Sondervermögen „raus pressen kann?

    • Leider ein nicht ganz unwahrscheinliches Szenario, wobei sich „Unseredemokratie“ hinter dem AntiFa Straßenmob verstecken wird.

      • Das ist schon klar. Aber einer aus der sog. SPD muss dann den Noske geben.

  • Wo ist der Aufschrei? Wo sind die Verbotsverfahren gegen DTIB und andere türkische Unterwanderungen? Wenn alle Zeichen in Richtung Diktatur deuten, dann sollten doch hier alle Vereine und Verbindungen zu dieser Diktatur verboten werden, denn schließlich sind wir doch eine „Demokratie“.

    • Die Türkei von Erdogan ist doch bestens befreundet mit unserer Regierung und unserem Spaltmeier.

    • DEMOKRATUR !

      • Nein, wir folgen nicht.
        Hatten wir schon einmal mit dem Slogan.
        1933-1945.

      • Grä: Sie müssen nicht jedem Troll seine Trolligkeit nachweisen.

      • @StAG auf Stand 1998!
        Es passiert hier ja sonst nichts.

        Der Eintrag geht durch die KI-Prüfung. Die sieht das nicht. Möglicherweise prüft die nur den Text, aber nicht den Usernamen?

        Keiner der Kommentatoren hier reagiert. Der „Beitrag“ wird munter geliked, übrigens auch nach meiner ersten Einlassung, sodass ich das noch einmal genauer anmerken und erläutern muss. Erst dann ändert sich das.

        § 86a StGB steht im Raum. Ich habe dazu etwas recherchiert und auch einige KI befragt – alle sagen, dass der Eintrag mindestens problematisch sein könnte, da er zunächst einmal erkennbar affirmativ ist.

        Eine Moderation scheint nicht vorhanden zu sein.

        Ich habe da auch keine Lust drauf. Noch weniger Lust habe ich aber darauf, dass so ein Mist hier steht – und unkommentiert stehen bleibt.

      • Linke Nazis wie 1933.

  • Und die GroKo versucht mit Hilfe der Justiz die AfD als einzige Opposition zu kriminalisieren. Und jetzt?

  • Vorbild für die „demokratischen“ deutschen Parteien: So kann man‘s machen, wenn man die Macht hat. In Deutschland fehlt nicht mehr viel zur Eliminierung der AfD.

  • Und warum fliegt die Türkei nicht sofort aus der Nato?

    • Sehr gute Frage……

    • Wenn Ihnen der Gründungsgrund der NATO bekannt ist, haben Sie die Antwort.

  • Ich sage ja immer, man hat von der SED gelernt. Heute geht das viel subtiler. Da muss nicht eine Opposition gestürmt werden. Man hetze einfach die Menschen untereinander auf. Das ist viel „smarter“…

  • Die AfD hatte ihren Moment internationaler „Management-Attention“. Mit Vance und Musk.
    Die Hand zu beißen, die schützend über einem ruht, ist nicht immer klug.

  • irgendwie erinnert mich das an Deutschland 2015 – 2026

  • Erdogan war wohl zu lange in der Brüsseler Neo-Zentrale!

  • Deutsche Verhältnisse eben.

  • Wir diskutieren ein AfD Verbot.
    Aber die Anderen, die sind undemokratisch.
    Ist eine Brandmauer ein Demokratie Verständnis?

  • …demnächst auch in Ihrem🫵🏼Kino!

  • Wahrscheinlich applaudiert „Unsere Demokratie“ bei diesem Akt der Verteidigung der Demokratie in der Türkei.

    Ein funktionierende Demokratie würde sofort de Rausschmiss der Türkei aus der Nato fordern. Die DITIP verbieten….

    Aber sie freuen sich, dass sie es gerne kopieren würden…

  • „Kılıçdaroğlu wäre in dieser Rolle kein ernsthafter Herausforderer der AKP, sondern der Kopf einer simulierten Scheinopposition. “

    Erinnertman an „unsere Demokratie“ und die Kartellparteien, die sich gegenseitig decken,schützen und als Blockpartei gegen die einzige Oppositionspartei vorgehen.

  • Die Altparteien haben bestimmt schon duzende Mitarbeiter dort um zu lernen wie das geht.

  • Macht es den Deutschen gar nichts aus in einer Diktatur Urlaub zu machen? … oder sind die noch mit einem Israel-Boykott beim nächsten ESC beschäftigt?

  • „Präsident Erdoğan versucht, die Parteispitze mithilfe der Justiz zu kriminalisieren und ihre Führung durch schwache Opportunisten zu ersetzen.“
    Das deutsche Regime macht es mit der AFD und ihren 12 Millionen Wählern genauso

  • Nach Afghanistan und Syrien kommt bei den Flüchtlingszahlen an dritter Stelle die Türkei. ca 60% der wahlberechtigten Deutsch-Türken hier wählte zuletzt Erdowahn. ca 3Mio leben hier und ca die Hälfte hat einen türkischen Pass.
    Was die hier dann wollen? Wovor die eigentlich flüchten? Von was die hier leben?
    Das kann wohl nur Bärbel Bas fachkundig beantworten…
    Wie man an den Zahlen sieht sind ca 1,5Mio hier zuhause und ich kenne auch sehr gut integrierte aber da passt bei den anderen irgendwas nicht richtig zusammen.

  • Nach Erdalwahns „Röhm-Putsch“ vor ein paar Jahren nochmals ein Gleiches… – Könnte zur Blaupause für Dummland werden.

  • yep, auf einmal hatte der „Böhmi“ doch nicht ganz so unrecht?

    -12
    • Die kann ich beide nicht ausstehen. Aber sein Gedicht ist allerunterste Schublade und das ist ja nicht das einzige mit dem der unangenehm auffällt.
      Der andere hat eigentlich Politikverbot und seine Drohung mit den Bajonetten und Helmen ist unverzeihlich. Von dem hätte man sich nie erpressen lassen dürfen sondern Druckmittel suchen und Grenzen schließen.

  • „Furchtbare Juristen“: Überall, immer wieder.

  • Ich habe diverse Artikel anderer Medien bzw. Portale zu diesem Thema gelesen. Und ich muss sagen, dieser hier ist der beste. Kurz und prägnant zusammengefasst.

  • Atatürk war links. Seine Partei ist links. Deswegen muss diese zerschlagen werden. Das ist hier bei uns nicht anders, die linken Parteien und Meinungen müssen weg, damit Deutschland überhaupt eine minimale Chance zum Überleben hat.

    • Das finde ich nicht. Atatürk stand für die Trennung von Religion und Staat und das würde der Türkei gut tun. Bei uns sollten die Erdowahn-Anhänger nach Hause geschickt werden mitsamt den ganzen türkischen Verbänden einschließlich DITIB. Und bei uns müssen die linken Parteien und NGO mit demokratischen Mitteln ihr zunehmendes Machtmonopol verlieren bevor es zu stark wird und diese Chance vorbei ist. Und da muss insgesamt der Staat schlanker und billiger werden um zu überleben.

    • Super Analyse!!!!!

  • Irgendwann wird er lustig wie Gadaffi enden!

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