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Negative Exportpreise, teure Zukäufe: Die verdrängte Wahrheit über Deutschlands Stromhandel

Deutschland war in den ersten Monaten des Jahres wieder Nettoexporteur von Strom. Ökonomisch ist die Bilanz aber schlechter, als die Mengenstatistik suggeriert: In Deutschland wird Strom oft genau dann produziert, wenn er nirgends benötigt wird.

Strom wird regelmäßig über weite Strecken transportiert, auch über Staatsgrenzen hinweg. Doch nicht jede Wattstunde ist gleichviel wert. (imago/CHROMORANGE)

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Deutschland exportiert wieder Strom – und zahlt trotzdem drauf. Genau das zeigen die Zahlen für die ersten vier Monate 2026. In diesem Zeitraum wurden 19,78 Terawattstunden Strom exportiert und 16,53 Terawattstunden importiert. Der physische Stromsaldo war damit mit 2,76 Terawattstunden wieder positiv – zum ersten Mal nach dem Atomausstieg im Jahr 2023. Wer nur auf diese Mengenbilanz schaut, könnte bereits die Rückkehr Deutschlands zum Stromexportland ausrufen. Doch ökonomisch ergibt sich das Gegenteil: Den Exporten im Wert von 1.640 Millionen Euro standen Importe im Wert von 1.836 Millionen Euro gegenüber. Unter dem Strich floss also trotz positiver Mengenbilanz Geld ins Ausland.

Wer die Entwicklung des Stromsystems seit Jahren verfolgt, erkennt in diesen Zahlen kein neues Phänomen, sondern die Zuspitzung eines lange sichtbaren Problems. Mengenbilanz und Wertbilanz des Stromaußenhandels driften seit Jahren auseinander, genauer gesagt seit dem starken Ausbau wetterabhängiger Energien in den Jahren um 2010. Die ersten beiden Grafiken machen diese Verschiebung sichtbar.

Deutschland erzielte von 2015 bis zum endgültigen Atomausstieg 2023 in den jeweils ersten vier Monaten der Jahre sowohl bei den Strommengen als auch beim Wert einen positiven Saldo. 2024 und 2025 kippte beides ins Negative. 2026 ist nun die Mengenbilanz wieder im Plus, die Wertbilanz aber bleibt mit minus 230 Millionen Euro negativ. Genau hier liegt der Denkfehler der öffentlichen Debatte: Sie verwechselt einen physischen Überschuss mit ökonomischem Erfolg.

Der Grund dafür liegt in den Preisen. 2026 lag der durchschnittliche Exportpreis bei 82,90 Euro je Megawattstunde, der durchschnittliche Importpreis dagegen bei 111,00 Euro. Die Differenz von 28,10 Euro je Megawattstunde zeigt, was tatsächlich geschieht: Deutschland exportiert vergleichsweise billigen Strom und importiert vergleichsweise teuren. Das ist kein neues Phänomen. In jedem einzelnen Jahr von 2015 bis 2026 lag der durchschnittliche Importpreis über dem Exportpreis. Schon lange bevor die Energiekrise in den Jahren 2021 und 2022 die Märkte erschütterte, war importierter Strom im Schnitt teurer als exportierter. Die saldierte Strommenge taugt deshalb immer weniger als Maßstab für den wirtschaftlichen Erfolg des Außenhandels.

Der Kieler Ökonom Prof. Dr. Stefan Kooths bringt diesen Zusammenhang präzise auf den Punkt: „Entscheidend sind die Geldströme, nicht die saldierten Mengen, wenn es um Nettogrößen im Außenhandel geht.“ Genau darin liegt der Kern. Wenn Deutschland netto Zahlungen an das Ausland leistet, nimmt es ökonomisch Leistungen der übrigen Welt in Anspruch, weil der importierte Strom wertvoller ist als der exportierte.

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Bei negativen Exportpreisen verschärft sich diese Logik noch: Dann importiert Deutschland wirtschaftlich betrachtet sogar eine Entsorgungsleistung des Auslands für heimische Überschüsse. Exportiert wird in solchen Stunden nicht, weil der Strom besonders werthaltig wäre, sondern weil das System ihn im Inland weder ausreichend speichern noch flexibel nutzen kann. Importiert wird dagegen dann, wenn Strom knapp und entsprechend teuer ist. Wer nur auf Mengen schaut, verfehlt deshalb den eigentlichen Befund.

Die Ursachen sind systembedingt. Der Ausbau von Wind- und Solarenergie vergrößert die Zahl der Stunden, in denen sehr viel Strom gleichzeitig in den Markt drängt und die Spotmarktpreise daher ins Negative kippen. Fehlen dann Speicher, flexible Verbraucher oder ein ausreichend leistungsfähiges Leitungsnetz, fallen die Preise stark – bis in den negativen Bereich.

Der Export von Strom ist in solchen Momenten kein Zeichen der Stärke des heimischen Marktes. Vielmehr handelt es sich oft nur um das Ventil für einen Überschuss, den das System im Inland nicht sinnvoll verwerten kann. Umgekehrt zeigen teure Importstunden, dass die heimische Flexibilität in Zeiten geringer Einspeisung wetterabhängiger Energien nicht ausreicht. Kurz: Im Außenhandel zeigt sich wie unter einem Brennglas die Fehlsteuerung eines Strommarktes, der auf Zeiten von Knappheit und Überfluss nicht mehr ausreichend reagieren kann.

Gerade deshalb muss man beide Seiten der Bilanz zusammen lesen. Die Mengenentwicklung zeigt, dass Deutschland immer wieder physische Überschüsse oder Defizite hat. Die Wertentwicklung zeigt, ob diese Stromflüsse ökonomisch nützen oder schaden. Erst beides zusammen ergibt ein realistisches Bild. Der europäische Strombinnenmarkt bleibt sinnvoll und notwendig, weil er regionale Unterschiede bei Wetter, Nachfrage und Kraftwerksverfügbarkeit ausgleicht. Aber er setzt die ökonomische Logik nicht außer Kraft. Wer in Niedrigpreisstunden exportiert und in Hochpreisstunden importiert, kann auf dem Papier gut dastehen und real trotzdem verlieren. Genau das ist derzeit der Fall.

Die Debatte über Deutschlands Stromhandel muss sich daher ehrlich machen: Sie darf nicht länger physische Mengen mit ökonomischem Nutzen verwechseln. Ein positiver Stromsaldo ist kein belastbarer Beleg für wirtschaftliche Stärke, wenn der wertvollere Strom aus dem Ausland kommt und die Nettozahlungen dorthin abfließen. Energiepolitisch kommt es deshalb nicht darauf an, möglichst viele Exportstunden zu produzieren.

Entscheidend ist, ein System zu schaffen, das Überschüsse sinnvoll nutzt und in Knappheitszeiten verlässlich liefert. Wetterabhängige Energien erzeugen anwachsende Probleme, deren Lösung in planwirtschaftlichen Maßnahmen gesucht wird, wohingegen thermische, also regelbare Kraftwerke in einer Marktwirtschaft gut funktionieren. Bis wir zu einer solchen Marktstruktur zurückkehren, bleibt Deutschlands Stromexportbilanz vor allem eines: eine trügerische Erfolgsmeldung.

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23 Kommentare

  • Deutschland ist nicht umsonst Weltmeister beim Strompreis und wird deswegen deindustrialisiert.

    • Wenn Mercedes negative „Verkaufspreise“ hat gönne ich mir eine S-Klasse;) Oder einen Porsche. Geht nicht mehr lange.

  • Sehr guter Artikel! Die ökonomische Bilanz wird in den Propagandamedien selbstverständlich vollkommen ausgeblendet und damit die Erfolgsmeldung herbei gelogen, die die siechende Energiewende so dringend braucht.
    Solange Wind – und Sonnenstrom auch bei Unverkäuflichkeit zwangsweise vergütet wird, solange haben die Stromproduzenten auch keinerlei Anreiz, den unverkäuflichen Strom selbst nützlich zu verwerten.

  • Nebenbei
    Aktionärsvertreter haben sich bei der Vonovia-Hauptversammlung kritisch zur Höhe der Abfindungszahlungen an den früheren Vorstandschef Rolf Buch geäußert. Der Manager hatte das Unternehmen vor Ende seines ursprünglichen Vertrages zum Jahresende 2025 verlassen.
    Seine Abfindung betrug knapp 5,8 Millionen Euro. Hinzu kommen weitere Zahlungen in Millionenhöhe.
    „Wenn hier Verträge eingehalten wurden, findet das grundsätzlich unsere Zustimmung“, sagte Daniel Vos von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger vor mehreren hundert Aktionärinnen und Aktionären in Bochum.
    Es sei aber zu fragen: „Wie konnten Vertragskonditionen so entstehen, die die aktuell diskutierten Abfindungen überhaupt ermöglichen?
    “ Dies führe zu einer grundsätzlichen Governance-Frage: „Ist es wirklich angemessen, dass die Rolle einer einzelnen Person eine solche wirtschaftliche Dimension erreicht für ein Unternehmen?“ (handelsblatt)

    • Ist ein alter Hut.
      Das ist der Mechanismus des „goldenen Fallschirms“ der ehemaligen CEOs. Es soll verhindert werden, dass sie Geschäftsgeheimnisse an die Konkurrenz ausplaudern.
      Die werden also nicht für ein Versagen vergütet, sondern für das Schweigen.
      Wenn einem Laden das nicht passt, dann sollen sie halt Verträge ohne solche Klauseln machen. Fragt sich nur, ob man dann so leicht gescheite Leute dafür findet.

  • Dazu kommen noch die Kosten für Abregelungen und die Redispatch Maßnahmen.
    Allein in 2024 was das eine halbe Milliarde Euro für nichts, was die Endverbraucher zahlen mussten. Die PV Anlagen werden da zu einem immer größeren Problem.
    https://www.zfk.de/energie/strom/redispatch-2025-pv-abregelung-verteilnetz

    Es spricht nichts gegen Windkraft und es spricht auch nichts gegen Solar, aber das muss man so machen, dass eine Versorgungssicherheit entsteht und dass nicht Milliarden Kosten für die Netzsteuerung entstehen. Man hat es versäumt zu stoppen, als man die Lage nicht mehr im Griff hatte. Habeck hat mit seinen Gesetzen ein absolutes Chaos angerichtet.

  • Hier sollte man mal Herrn Habeck befragen, der etwas ganz anderes aussagte…

  • „Verdrängte Wahrheit“? Passt „bewusstes Lügen“ nicht besser?

  • Deutschland neuer Exportschlager!, Kartoffeln für drei Euro verbuddeln und anschließend für null Euro verkaufen. Die Menge muss es dann halt bringen.

    Und diese Knallchargen zu Berlin wollen uns immer noch erzählen, „die Welt“ würde diesem großartigern Exportschlager nacheifern!

    Die Welt lacht über Deutschland wie wir über die Knallchargen. Dummerweise müssen wir aber diesen Quatsch-Comedy-Club auch noch bezahlen!

    • Na das funktioniert ja auch nur mit dem Geld der anderen wenn die Grünen in ihren Vorstädten nicht ihre Anlagen und überflüssigen Strom nicht vom Mietmichel gesponsert bekämen gäbe es den ganz ökostromquatsch garnicht !
      Das gleiche gilt auf für die Migration. Wenn jeder der dafür ist einen bei sich wohnen lassen müsste und ihn versorgen würden wir heute nur über die WM reden !

  • Strom für Schildbürger-Land

    • Wir könnten doch den nicht gebrauchten Strom in Tüten packen, um ihn dann zu gebrauchen, wenn er nötig ist;-) Fragen wir doch mal Habeck ob das nicht sinnvoll wäre…

  • Viele Worte um eine einfache sache zu beschreiben: Wenn zuviel Solarstrom und/oder Windstrom in Deutschland produziert wird, müssen wir das Ausland bezahlen, damit die den abnehmen. Nehmen die uns den überflüssigen Strom nicht ab, dann droht uns ein Black Out wie in Spanien. Weht bei bewölktem Himmel oder nachts wenig Wind müssen wir Strom importieren, sonst droht wiederum ein Black OUT. Wir haben also, erste und ernste Schlußfolgerung, keine sichere Stromversorgung aus eigener Kraft. Die zweite Frage wäre: wo kann man das als Tagesbilanz sehen? An wievielen Tagen und an welchen mussten wir Strom importieren, an welchen musste uns das Ausland entlasten. Wohin geht der Strom dann? Wie machen die das dass sie den Strom in ihren Netzen aufnehmen können? Wie groß und wie teuer müsste ein Batteriespeicher sein der uns aus der Klemme hilft?

    • Die meisten dieser Fragen sind in einschlägiger Literatur und/oder alternativen Medien bereits beantwortet. Batteriespeicher sind teuer und benötigen viel Platz. Die Menge, die man bräuchte, um einige Stunden Erzeugungsknappheit zu überbrücken, dh TWh Strom, würden mehr als 1Billion kosten. D.h der Strom, den man evtl. mal billig einlagert, wird extrem teuer. Da Batteriespeicher eine begrenzte Lebenszeit haben, drohen ihnen diese Investitionen alle 12 – 15 Jahre. Viel Spaß!

    • Wenn wir doch nur schon abgeschriebene, betriebsbereite, sehr sichere Atomkraftwerke hätten…
      Ach stimmt, die grünen wieder auf Zerstörungstour.

  • … die fantastische Hinterlassenschaft eines Robert Habecks …

    • Sie meinen den grünen Rechenmeister?

  • So ist die Erneuerbare Energiewende und wenn sie zu viel Strom haben wird der Erneuerbare Strom zu Schleuderpreisen und mit Subventionsverlust ins Ausland verkauft.

    Die Deutschen sind die Schildbürger im Klimawahn!

    Ein weiterer irrer Beweis gefällig?

    Deutschland importiert jährlich etwa 3 bis 5 Millionen Tonnen Steinkohle aus Südafrika um das Klima zu retten.

    • Nicht nur im Klimawahn sind die Deutschen Schildbürger.

  • Da hier nur Steuergelder verbrannt werden, kümmert es unsere Politclowns ein Dreck.
    Solange Politiker für ihre Fehlentscheidungen nicht gerade stehen müssen, ändert sich nichts.

  • ..und was der Doktor vergisst, die garantierte Vergütung der deutschenWind-Barone, und damit zahlen wir dann sogar doppelt: ..für die sinnlose Produktion im Inland und für die Verklappung im Ausland.

    Also das ist ein typisches Produkt dieser BRD-SED Lügen-CDU.
    Bei der CDU zahlen wir Deutschen immer drauf!

    Aber dieser gottgleiche „schulden-un-gebremste“ grundgesetzprostituierende nachwahlbetrügende (faule, braune)CDU-Lügenkanzler sorgt jetzt endlich dafür, das das für immer aufhört: R.I.P. CDU
    Nur noch AfD.

  • juhu wir sind wieder Exportweltmeister
    oder so oder so ähnlich
    fragt doch mal die Bullshit Bärbel
    die kann das bestimmt gut erklären.

    • Na klar
      Ohne unseren Grünen Strom würde in Europa die Lichter ausgehen.

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