Wahlkampf in einer verlorenen Stadt
Zum Wahlkampf in Berlin erinnern die Grünen an Honecker, alle wollen enteignen, und die CDU landet im Müll. Eine Wahlplakat-Stilkritik.
Es ist Wahlkampf in Berlin – und das so kurz nach dem „Pride Month“. Wo keine Variation des Regenbogens mit dem Logo irgendeiner Firma hängt, sind es Wahlplakate. Keine arme Straßenlaterne bleibt unbehelligt. Also, was wird uns hier geboten? An der Warschauer Straße, einer viel befahrenen und belaufenen Straße in Friedrichshain, an der Amazon Tower, veganer Rewe und Waffenverbotszone aufeinandertreffen, werden an meterhohen Straßenlaternen meterweise Wahlplakate zur Lektüre bereitgestellt.
Diese Straße ist wegen ihrer viel besuchten S- und U-Bahn-Station auch ein beliebter Ort für Infostände. Oder vielmehr Info-Lastenräder. Denn wenn man morgens in Eile mitten im Berufsverkehr seiner Bahn hinterherrennt, wünscht man sich doch nichts sehnlicher als einen Parkour aus Grünenmitgliedern, die einem Flyer andrehen wollen. Und wenn man dann abends k.o. wieder nach Hause kommt und dann noch von einem Linken-Vertreter mit offensichtlich sehr schlechten Menschenkenntnissen angelabert wird, dann ist man doch richtig froh über seine demokratischen Teilhaberechte.
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Zurück zu den Plakaten. An einer besonders voll besetzten Laterne findet sich ganz oben ein Grünen-Plakat: „Unser Stadtbild ist Vielfalt“. Was für ein schöner Spruch – vielleicht für einen Stadtteil wie Charlottenburg oder vielleicht Reinickendorf. Eben Orte, wo man nicht gerade über fünf Obdachlose mit von Alkohol und Drogen ganz aufgequollenen Gesichtern und unansehnlichen Fleischwunden steigen musste. Die Grünen geben sich in diesem Wahlkampf hipp und schick. Entweder nur Schrift und harmonisierende Grüntöne oder hübsch gestellte Symbolbilder und dann die Plakate mit den Gesichtern der Kandidaten, die – auch wenn sie mal nicht in die Ästhetik passen – natürlich Pflicht sind.
Auf einem anderen Plakat, auf dem sie irgendwas zu Kultur schreiben, sieht man einen Pappkarton mit der Aufschrift „zu verschenken“, darin eine Discokugel, eine „Progress-Pride-Flag“ und noch anderes Gerümpel, das man nicht mehr erkennen kann. So ganz verstehe ich nicht, was die Grünen uns damit sagen wollen. Das wirkt doch eher so, als wäre da jemand über seine wilden queeren Party-Tage hinweg, aber das ist doch eigentlich das Klientel der Grünen? Zumal nach dem jüngsten Anschlag auf eine Pride-Parade diese Symbolik doch etwas eigenartig ist.
So, wie man die Grünen kennt, dürfte das Bild wohl eher zum Ausdruck bringen wollen, was für eine tolle Kulturerscheinung es in Berlin ist, dass man seine alten Sachen nicht wegschmeißt, sondern fremden Menschen schenkt und damit eine Freude macht. Ich habe auch so eine Nachbarin, die uns immer alle mit ihren Altkleidern beglücken will. Erst steht die Kiste eine Woche im Flur am Eingang. Irgendwann hängen dann andere Nachbarn wütende Zettel hin. Dann stellt sie oder irgendwer anders die Kiste auf die Straße (übrigens eine Ordnungswidrigkeit).
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Auf einem anderen Plakat der Grünen steht groß: „Raus aus dem Rückwärts“. „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ ist eben schon vergeben. Aber genug zu den Grünen, nicht dass man mir noch „Grünen-Bashing“ vorwirft. Wobei, einen tollen Spruch hab ich noch gefunden: „Gegen Hitze und Hetze“. So, jetzt weiter. Die Berliner Linke – aufgrund ihrer erschreckend hohen Wahlergebnisse in aller Munde – gibt sich interessanterweise gar nicht so viel Mühe.
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Jedenfalls sehe ich nichts anderes als Plakate mit den Gesichtern der Spitzenkandidaten, ohne besondere Sprüche. Sie ist sich ihrer Sache wohl zu sicher, als dass sie mir jetzt Stoff für meine Kolumne bieten müsste. Schade. Ich möchte aber noch mal betonen, dass mich bitte jede arme Sau von Parteimitglied, die sich für diese Pop-up-Infostände hat abstellen lassen, doch bitte in Ruhe lassen soll. Das gilt nicht nur für die Linke. Bitte lasst mich doch einfach nach Hause.
Die Partei „Volt“ hat sich derweil noch mehr an den Sprachgebrauch der neuen Berliner Szene angepasst und macht sich zum Wahlspruch: „unf*ck Berlin“. Das tun sie nicht nur über Plakate kund, sondern haben es in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auch wild gestickert und gesprayt. Der Teil von Berlin, der wirklich mal dringend „unf*ckt“ werden müsste – die unglaubliche Verdrecktheit und Verwahrlosung, die einem entgegenschlägt, sobald man das Haus verlässt – wird von Volt dann wohl nicht bekämpft, im Gegenteil.
Aber man muss sich zumindest in seiner Kommunikation hervortun, wenn man es im Programm nicht tut. Auch sie ist besorgt um den Klimaschutz und fordert Wohnungen für alle. Wobei, Volt hat als Alleinstellungsmerkmal ja noch ihre Europaliebe. Vielleicht würde sich Berlin unter ihrer Führung ja von Deutschland abspalten, um die Republik Europa auszurufen. Dem Länderfinanzausgleich wäre es zu gönnen.
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Ebenfalls eine kleine Partei, die sich an einem gottverlassenen Ort wie Berlin offenbar Chancen ausmalt, ist „Die Urbane“, ihres Zeichens „Hiphop-Partei“. Sie fordert: „Sichert Bus & Bahn für LGBTQIA+, Flinta, BiPoc & Be_hinderte“. Wie ich mich vom „Missy Magazine“ nach einer kurzen Google-Recherche habe aufklären lassen, soll der Unterstrich in „Be_hindert“ die Hürden ausdrücken, die Behinderten in ihrem täglichen Leben in den Weg gestellt werden. Ok, also dass Bus und Bahn für Behinderte unsicher sein könnten, leuchtet mir zumindest logisch ein, aber was ist mit LGBTQIA+, Flinta und BiPoc? Kann man zu schwul sein, um mit den Öffis zu fahren?
Im Ernst stimmt es ja, dass Bus und Bahn zunehmend unsicherer werden. Als Frau – als welche ich ja im Begriff Flinta, glaube ich, mit gemeint bin – hat das Fahren mit den „Öffis“ zu gewissen Tageszeiten etwas Lebensmüdes. Das wird man aber mit dem Plakat nicht gemeint haben, sonst hätte man einfach schreiben können: „Sichert Bus & Bahn“. Vielleicht meint man damit auch die Nius-Werbeaktion, die Berlin vor ein paar Monaten in helle Aufregung versetzt hat. Sicher hat sich der ein oder andere LGBTQIA+-Mensch unsicher gefühlt.
Ich will mich jetzt aber nicht dazu hinreißen lassen, darauf hinzuweisen, welches Ereignis in Berlin vor zwei Wochen sehr evident gemacht hat, woher die Gefahr für diese Menschen wirklich sehr akut kommt – die meisten werden es mitbekommen haben. Die anderen können ja die Hiphop-Partei wählen.
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Hoffnungen macht sich auch Florian Fleischmann, dessen Plakat nicht so stylisch aussieht wie die anderen. !OHNE PARTEI! schreibt er unter seinen Namen. Ein Gesicht sehen wir nicht, stattdessen ein Foto von einer Görli-Demo. „Wohnt wo? seit ewig am Görli, im Wahlkreis. Tickt wie? links, kooperativ, mit Familie. Erfahrung? Bezirksparlament, Görli-Parkrat, (dann ein Wort, das ich nicht lesen kann), Mietendemos, Spielstraße, Zaunfrei. Will was? Mehr Park, Öffis, Radwege“. Ok, also das hätte man auch kürzer machen können: „Wählt mich, denn meine Erfahrung ist Spielstraße, und ich bin links.“
Was an diesem Plakat allerdings interessant ist, ist, dass es offenbar wirklich so etwas wie einen Parkrat gibt – und das auch noch am Görli. Ich hab es gegoogelt, und es ist wahr. Es ist offenbar ein kleines Parlament beim Straßen- und Grünflächenamt Friedrichshain-Kreuzberg. Er wird von den Anwohnern und Nutzern (beziehungsweise „Anwohner*innen und Nutzer*innen“, wie es auf der offiziellen Webseite von Berlin heißt) in den Parkratswahlen gewählt.
„Der Parkrat ist Sprachrohr der Parknutzenden und vertritt ihre Belange“. Was es nicht alles gibt. Ob die örtlichen Drogendealer da auch mitwählen dürfen? Nutzen tun sie den Park ja mehr, als es den meisten Anwohnern möglich ist. Da verweise ich gerne auf die sehr eindrücklichen Geschichten, die meine Kollegin Pauline Schwarz aufgeschrieben hat, die jahrzehntelang am Görli gewohnt hat.
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Wir haben uns noch nicht durch alle Parteien und Kandidaten durchgekämpft, die aktuell die Stadt verschönern. Die „Mera25“ ist eine Kleinpartei, die sich insbesondere ihre Palästina-Unterstützung auf die Fahnen geschrieben hat. In diesem Wahlkampf setzt sie sich aber auch mit innenpolitischen Themen auseinander (wobei Palästina in Berlin-Neukölln auch ein innenpolitisches Thema sein dürfte) und fordert: „Berlin brennt für Local Tech! Konzerne enteignen, Code befreien!“ Sie bezeichnet sich dabei als „die radikale Wahl für deinen Bezirk“. Na super.
Die SPD gibt es in Berlin natürlich auch noch. In Berlin-Mitte bin ich da auf eine sehr interessante Straßenlaterne gestoßen. „Mitte ist Liebe“ steht da. Das Gleiche dann noch mal auf Englisch, das auf Französisch, dann Spanisch, dann Italienisch, dann Arabisch, dann Türkisch und dann Russisch. Die Sprüche sind dann jeweils in unterschiedlichen Farben, sodass sie eine Regenbogenflagge ergeben. Wie schön. Auf dem Plakat darunter steht: „Stoppt den Krieg“. Und auch hier das gleiche Spiel: das Gleiche auf fünf weiteren Sprachen. Welcher Krieg? Keine Ahnung. Da dieser Spruch sowohl mit kyrillischen Buchstaben als auch auf Arabisch übersetzt wurde, wahrscheinlich einfach alle Kriege. Diese Plakate könnten so wirken, als wären sie von der gleichen Partei. Doch das untere stammt von der Sozialistischen Gleichheitspartei. Irgendwer hatte hier offenbar Humor, oder aber das ist unfreiwillig lustig.
Zwischenfazit: Das Angebot an linken Parteien ist also groß. Alle buhlen um die Menschen in Berlin, die die Stadt genauso lassen wollen, wie sie ist, und am liebsten noch mehr davon hätten. Gibt es auch noch andere Parteien? Ja, schon. Man muss sie nur ein bisschen suchen. Falls es noch Leute gibt, die das Bündnis Sarah Wagenknecht dazuzählen, dem muss ich jetzt mal endgültig ein Pflaster abreißen. Auf deren Plakaten heißt es etwa: „Volksentscheide umsetzen! Deutsche Wohnen und Co. enteignen!“.
Die CDU plakatiert relativ viel. Doch viele Plakate sieht man abgerissen, weggeworfen und verunstaltet. Und ich weiß, dass es bei der Berliner CDU nach Wegner mit einem gewissen Störgefühl einhergeht, sie als nicht links zu bezeichnen. Für die Anwohner sind sie aber rechtsextrem. Dabei ist „Mehr Sauberkeit in unseren Straßen, mehr Sicherheit in unseren Kiezen, Prioritäten richtig setzen für die Menschen“ als Forderung doch extra so vage formuliert, dass man es auf jedes Plakat hätte schreiben können.
Die FDP weiß offenbar wie die AfD, dass es Stadtteile gibt, in denen sich das Plakatieren einfach nicht lohnt. Damit die Plakate überhaupt mehr als zehn Minuten hängen bleiben, müsste man sie hoch oben mit einem Kran befestigen – und selbst dann darf man seine örtlichen Junkies nicht unterschätzen. Mit der richtigen Dosis von was auch immer die Drogentaxis gerade liefern, erscheint doch jede Höhe erkletterbar.
Es sind aber nicht nur die rechten Plakate, die abgerissen werden, das gehört zur Wahrheit dazu. An der Warschauer Straße, auf einem Platz, der zuletzt als Campingplatz für eine ganze Horde an besoffenen und bekifften Punks hergehalten hat, wurde kürzlich eine Holzkonstellation aufgestellt. Auf den Rahmen angetackert sind die Rückseiten von abgerissenen Plakaten, sodass sie zusammen eine Leinwand ergeben. Müllkunst ist in Berlin ganz groß, müssen Sie wissen. Auf diese Leinwand wurde auch irgendwas gezeichnet, was, kann ich Ihnen aber nicht sagen. Auch diese Konstellation hat nicht lange durchgehalten, bis sie wiederum Opfer von Vandalismus wurde. Das ist der Kreislauf in Berlin.
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