Der letzte seines Namens
Eine prophetische Warnung von Wolfgang Schäuble schlug Merz in den Wind, weil er keine Romane liest. Jetzt ist er dazu verdonnert, als Karikatur einer Figur der Weltliteratur zu leben.
Über Friedrich Merz erzählte die FAZ einmal diese Geschichte: Der späte Wolfgang Schäuble, der wichtigste Mentor von Merz, soll dem frisch gebackenen CDU-Vorsitzenden 2022 den Roman „Der Leopard“ geschenkt haben. Merz aber gab das Buch eine Woche später zurück, etwas irritiert, mit den Worten: „Das ist ja ein Roman, was soll ich damit anfangen?“
Interessant ist das nicht nur, weil das für einen Bundeskanzler eine vielleicht etwas eindimensionale Geisteswelt ist, sondern auch, weil es die ihm eigene Ignoranz gegenüber gut gemeinten Ratschlägen zeigt. Politische Berater berufen sich gerne auf den Roman, um für einen „modernen Konservatismus“ zu werben und wiederholen gebetsmühlenartig das berühmte Zitat: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern.“ Aus heutiger Sicht muss man allerdings vermuten, dass Schäuble Friedrich Merz vor allem vor sich selbst warnen wollte.
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Die Hauptfigur des Klassikers der italienischen Literatur ist ein hochgewachsener, steifer Mann deutscher Abstammung, der mit seiner Umwelt nicht mehr zurechtkommt, sich ihr aber dennoch intellektuell überlegen fühlt – der letzte wahre Fürst von Salina. Den Zeichen des Niedergangs für seinen Stand tritt der sizilianische Adlige mit einer Mischung aus Apathie, Beschönigung und Realitätsflucht entgegen. Und er flüchtet sich am liebsten in seine große Leidenschaft: die Astronomie. Die Sterne reizen ihn, weil sie dem Chaos um ihn herum entzogen sind, berechenbar und verlässlich – bis er schließlich beginnt zu glauben, die Sterne würden seinen Berechnungen gehorchen.
Der Roman handelt von einer sich im Niedergang befindenden Adelsfamilie auf Sizilien während der italienischen Einigung in den 1860er Jahren. Damals überrollte der radikal-republikanische Revolutionär Garibaldi das noch gespaltene Land – um sich zu retten, stellte sich das liberale Königreich Sardinien-Piemontdaraufhin an die Spitze der Nationalbewegung, um Italien schließlich unter bürgerlichen Vorzeichen und unter Teilrettung der alten Ordnung zu vereinen.
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Konfrontiert mit den düsteren Umständen des Umbruchs, wiederholt der Fürst von Salina immer wieder den Satz, alles würde gleich bleiben, weil sich alles ändern würde – eine Hoffnung, die sich für sein Haus aber kaum bewahrheitet. Es ist die Geschichte eines langen, milden Sterbens, so weit narkotisiert von der brennenden Sonne Siziliens und den vielen Annehmlichkeiten des alten Lebens, dass der Fürst seinen eigenen Tod erlebt wie ein unbeteiligter Beobachter, erlöst von seinen Umständen und glücklich, den Sternen näherzukommen.
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Die Brandmauer, Dreh- und Angelpunkt aller politischen Fragen in dieser Zeit, ist längst weniger ein Machtinstrument – Merz & Co. haben sich so lange an ihr festnageln lassen, dass sie nun glauben, sie könnten an ihr immerhin zu Märtyrern werden. Ein Verlierer kann seine Niederlage ja immerhin noch dadurch rechtfertigen, dass er seinen Prinzipien treu geblieben wäre. Der Leopard lehrt uns aber, dass es denjenigen, die an der Welt vorbeileben, nicht einmal vergönnt ist, ehrenvoll an ihr zugrunde zu gehen.
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Das Geschlecht von Salina endet mit drei alten Jungfern, die sich aus ihrer Unfähigkeit im Umgang mit dieser Welt (und den Männern) in die Enthaltsamkeit der Religion gerettet zu haben glaubten. Im hohen Alter schließt die heilige katholische Kirche aber ihre Privatkapelle – das über Jahrzehnte bewunderte Bild einer betont liebreizenden jungen Frau zeigte nicht, wie geglaubt, Maria, es war einfach nur ein erotisches Gemälde. Es ist die finale Demütigung für ein Haus, in dem man sich an Reliquien festklammerte, die auch noch falsch waren.
Über diese CDU senkt sich bereits der Daumen, weil sie an der Welt vorbei auf Prinzipien beharrt, die aber gar nicht ihre und gar nicht ehrenwert und letztendlich gar nicht echt sind. Und auch wenn die Hänge vor der Stadt schon in Flammen stehen, tanzt man noch einen Walzer, eng umschlungen, für einen letzten Hauch der alten Welt. Eine Welt wie ein längst erloschener Stern, der uns durch die Trägheit des Lichts noch am Firmament erscheint.
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Schäuble mag zwar ein begnadeter Politiker und Taktiker gewesen sein. Aber er hat vor allem Merkel vor den Kritikern in der Partei gedeckt und so auch alle ihre politischen Einzelgänge ermöglicht hat. Wenn die CDU/CSU mal einen Markenkern hatte, so hat Merkel ihn endgültig verramscht. Merz ist jetzt nur noch Insolvenzverwalter.
Schäuble war auch mehr Europäer als Deutscher, genau wie Merkel und Merz.
Unsere „europäische Integration“ bis zur vollständigen Selbstaufgabe auf allen Ebenen, haben wir diesen „deutschen Größen“ zu verdanken.
Der nächste Coup steht auch schon an: die Europäisierung der National-Banken.
„Schäuble mag zwar ein begnadeter Politiker und Taktiker gewesen sein“. Er war ein verlogener alter Mann, der sich nicht an 100 Tausend Euro erinnern wollte, die man ihm übergab. Und ausgerechnet so einer wurde Finanzminister…
Die Ironie: Schäuble hätte die CDU und Deutschland vielleicht retten können, aber seine Nibelungentreue zu Merkel hat den Untergang der Partei endgültig besiegelt. Eine Meuterei kam für ihn nicht in Frage. So wie die preussischen Offiziere nicht gegen Hitler im großen und ganzen rebellierten, als es offensichtlich war, das der Krieg verloren war. Es waren einige wenige.
Als nunmehr strammer Konservativer ist diese Partei für mich überflüssig geworden. Selbst wenn sie die AfD nun mit voller Wucht, was für mich höchst unrealistisch ist, von rechts überholen wollte, wählt die kein Enttäuschter (wie mich) mehr. Sie hatten genügend Chancen. Die Torys im Vereinten Königreich merken das gerade ganz besonders. Die Cristiana Democrazia ruft aus dem Grab und erwartet die Ankunft der CDU.
Bald hat sich’s (hoffentlich)ausgetanzt!
Ein sehr schöner Kommentar Herr Mannhart und ein passender Vergleich !
Nicht nur das Buch ist lesenswert ,sondern auch der Film (1963) der Leopard , mit Burt Lancaster ,Claudia Cardinale und Alain Delon ist sehenswert.
Beste Grüße von der Donau
Gut geschrieben, Herr Mannhart. Fast schon literarisch.
Ein brillantes Editorial, überzeugt durch Stil, Tiefe und Weitsicht. Chapeau!
„Der späte Wolfgang Schäuble, der wichtigste Mentor von Merz…“
Der wird mir postum immer suspekter. Hat er doch schon eine herausragende Rolle bei Merkels Inthronisierung gespielt.
Mir kommt es eher so vor wie auf der Titanic, die 2015 den Eisberg gerammt hat.
Der Maschinenraum liegt längst unter der Wasserlinie.
Und in der zeitlichen Abfolge sind wir nun an der Stelle, wo die Rettungsboote zu Wasser gelassen werden.
Aber was weiß ich schon von Literatur. Oder von großen Schiffen.
Sehr poetisch wird hier der Anführer des Christlich-Demokratischen-Untergangs beschrieben. Und eigentlich stellt man sich die Frage, ob er diesen Vergleich überhaupt verdient.
Denn das italienische Adelshaus hatte zumindest in vergangenen Tagen Stil und eine bedeutende Aufgabe. Bei der CDU ist dies seit nunmehr 20 Jahren nicht mehr erkennbar.
Wer sich noch an die Fussball-WM in 2006 erinnert, stellt unweigerlich fest, dass dies ungefähr am Höhepunkt Deutschlands war, was Gesellschaft, Wohlstand und Anerkennung in der Welt anbetrifft.
Und seit dieser Zeit hat die CDU alles dafür getan, dass es abwärts geht. Zurück bleibt keine schöne Architektur, sondern ein abbruchreifes Land.
Die CDU wird das ganze selbst verursachte Debakel vermutlich sogar überleben. Sie ersetzt einfach die SPD als Mitte-Links-Partei für etablierte Wähler mit konformistischen Tendenzen. Die SPD hingegen rennt lachend in den Abgrund.
Schäuble hat Merkel ermöglicht! Ein grandioser Fehler!
Absicht, alles Absicht!