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„Können wir uns nicht mehr leisten“: Jetzt wackelt die 35-Stunden-Woche

Die 35-Stunden-Woche galt in der Metall- und Elektroindustrie jahrzehntelang als unantastbar. Doch angesichts der Industriekrise wächst der Widerstand der Arbeitgeber. Stihl-Aufsichtsratschef Nikolas Stihl fordert längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich, Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger nimmt zugleich den Achtstundentag ins Visier.

Gewerkschaften halten an der 35-Stunden-Woche fest – aus der Industrie werden dagegen zunehmend längere Arbeitszeiten gefordert. (IMAGO/Anadolu Agency)

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Wie viel beziehungsweise wie lange jemand arbeitet, sollte in einer freien Marktwirtschaft zunächst eine Angelegenheit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sein. In bestimmten Wirtschaftsbranchen, wie etwa der deutschen Metall- und Elektroindustrie, wird diese Größe jedoch seit drei Jahrzehnten durch einen Flächentarifvertrag festgelegt. Seit Oktober 1995 gilt für tarifgebundene Arbeitnehmer eine regelmäßige tarifliche Vollzeitarbeitszeit von 35 Stunden. Das hat mitunter weitreichende negative ökonomische Folgen.

Auch in Zukunft wird in der Industriesparte wohl weiterhin eine Vorgabe für die Arbeitszeit bestehen bleiben, wenngleich inzwischen Konflikte über deren genaue Ausgestaltung entbrannt sind. Den jüngsten Anstoß gab Nikolas Stihl, Aufsichtsratschef des Waiblinger Motorsägen- und Gartengeräteherstellers Stihl. „In den guten Zeiten konnte sich Deutschland die 35-Stunden-Woche leisten. Aktuell können wir das nicht mehr“, sagte er jüngst im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Er vertritt die Position, die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich zu verlängern.

Stihl verband seinen Vorstoß mit einer konkreten Erwartung an die Gegenseite. Er schaue insbesondere auf die IG Metall, weil sie die Zugeständnisse letztlich machen müsse. Wenn die Branche auf 500.000 verlorene Industriearbeitsplätze zusteuere, „sollte man nun wirklich alles tun, um die Blutung zu stoppen“, führte der Aufsichtsratschef aus.

Eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich würde die Arbeitskosten nach seinen Worten relativ schnell senken. Diese Argumentation ist durchaus nachvollziehbar: Schneller als viele andere Stellschrauben könnte eine solche Maßnahme wirken, da sie ohne beträchtliche zusätzliche Investitionen und auch ohne Entlassungen auskommt. Zugleich räumte Stihl jedoch ein, wie schwierig der Weg dorthin wäre. Die 35-Stunden-Woche sei einst mit heftigen Geburtsschmerzen vereinbart worden. „Und wenn man das Ganze zurückdrehen will, wird der Verlustschmerz sehr groß.“

Vor allem Arbeitnehmer, die sich über Jahre an die 35-Stunden-Woche gewöhnt haben, dürften kaum damit einverstanden sein, ohne zusätzlichen Lohnausgleich länger zu arbeiten. Es entsteht für sie praktisch kein Anreiz. Tarifkonflikte und großflächige Protestbewegungen wären wohl vorprogrammiert, falls die tarifliche Wochenarbeitszeit in der Metall- und Elektroindustrie angehoben werden sollte.

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Streit um die 35-Stunden-Woche erreicht die Industrie

Wie hart die Auseinandersetzungen um längere Arbeitszeiten bei ausbleibendem Lohnausgleich derzeit bereits geführt werden, zeigt sich auch in anderen Branchen, etwa in der Automobilindustrie. Erst Ende Juni regte Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller im Gespräch mit dem Handelsblatt mit Blick auf die rund 108.000 deutschen Beschäftigten von Mercedes-Benz an, in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr zu arbeiten. Er brachte auch die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ins Spiel. Derzeit ist die 35-Stunden-Woche für viele Vollzeit-Tarifbeschäftigte bei den großen, tarifgebundenen Herstellern und Zulieferern, mitunter auch bei Mercedes, der Regelfall. Brudermüller erklärte, länger zu arbeiten, leiste einen Beitrag dazu, auch im hohen Alter gesund und aktiv zu bleiben. Und: „Arbeit gibt den Menschen außerdem Struktur, Teilhabe und Sinn im Leben.“

Außerdem wurde als Sofortmaßnahme zur Kosteneinsparung eine tarifliche Sonderzahlung in Höhe von 18,4 Prozent eines Monatsentgelts für rund 90.000 Mitarbeiter auf das kommende Jahr verschoben. Die Beschäftigten wollten dies jedoch nicht einfach hinnehmen und gingen deshalb auf die Barrikaden. Im Juli folgten weitreichende Protestaktionen. Mehr dazu erfahren Sie hier: „Jetzt rebellieren die Mitarbeiter: Sparkurs bei Mercedes stößt auf Widerstand“

Auch der Gesetzgeber will die Arbeitszeit neu ordnen

Parallel zu den Auseinandersetzungen in der Metall- und Elektroindustrie sowie der Automobilbranche hat sich inzwischen auch eine gesetzliche Front gebildet, die sich mit den Arbeitszeiten in der Bundesrepublik beschäftigt. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger hatte in einer Stellungnahme Anfang August die Forderung formuliert, die tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden im Arbeitszeitgesetz durch eine wöchentliche Obergrenze zu ersetzen – orientiert an der EU-Arbeitszeitrichtlinie, die 48 Stunden pro Woche erlaubt. „Die Spielräume der europäischen Arbeitszeitrichtlinie werden fast überall genutzt, nur bei uns nicht“, sagte Dulger.

Auch aus der Politik gibt es hierfür Zustimmung: Union und SPD haben die Möglichkeit einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit bereits im Koalitionsvertrag vereinbart. Bundeskanzler Friedrich Merz erwartet im Herbst einen Gesetzentwurf von Arbeitsministerin Bärbel Bas.

Wenn der Tarif den Markt ersetzt

Ökonomisch betrachtet existiert unabhängig von den aktuellen Konflikten durch die Tarifbindung beziehungsweise die generell begrenzte Wochenarbeitszeit ein Markt, auf dem der Preis der Arbeit nicht mehr frei gebildet wird. Arbeitszeit und Entgelt sind festgelegt: Ob ein einzelner Betrieb dringend Arbeitskräfte benötigt oder seine Beschäftigten kaum auslasten kann, verändert den Stundenpreis nicht.

Ein zweiter Streitpunkt: Ein einheitlicher Tarif entkoppelt das Entgelt von der individuellen Leistung. Wer schneller, besser oder länger arbeitet, erhält dafür innerhalb des Tarifgefüges nicht automatisch mehr Geld. Kritiker erklären, dass dadurch die Anreize sinken, die eigene Produktivität über den vereinbarten Standard hinaus zu steigern. Auch der Gruppendruck, sich einem niedrigeren Leistungsniveau anzupassen, kann dadurch verstärkt werden.

Letztlich gilt festzuhalten: In einer freien Marktwirtschaft sollte jeder selbst entscheiden dürfen, wie viel er arbeitet. Das sollte weder die Politik noch der Arbeitgeber oder die Gewerkschaft einseitig vorschreiben.

Eine Gewerkschaft, die das Arbeitsangebot ihrer Mitglieder gezielt verknappt – etwa durch festgelegte Wochenarbeitszeiten –, kann erhebliche negative Auswirkungen auf den wirtschaftlichen Aufschwung haben. In Zeiten voller Auftragsbücher kann dies die Profitabilität der Unternehmen beeinträchtigen.

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29 Kommentare

  • Dank den Folgen der Schwarz-Rot-Grünen Energiewende haben viele IG-Metaller bald eine 0 Stunden Woche. Und Dank der 100% Unterstützung der ROT- Grünen Funktionäre dieser Industrieabbau-Energiewende darf der verbleibende Rest länger arbeiten und später in Rente gehen. So geht die Politik des Brandmauerkartells.

    • Jürgen, du machst es dir viel zu einfach und das weißt du auch.

      Die Entwicklung der deutschen Industrie lässt sich pauschal nicht auf einzelne Parteien reduzieren. Da spielen deutlich größere und langfristige Faktoren zusammen: der demografische Wandel und der damit verbundene Fachkräftemangel, veränderte Konsum- und Wohlstandsentwicklung, hohe Kostenstrukturen sowie vor allem die internationale Konkurrenz und die Entwicklung der globalen Märkte.

      Deutschland ist stark exportorientiert und damit in erheblichem Maß von weltweiter Nachfrage, Energie- und Rohstoffpreisen, technologischen Veränderungen und Entscheidungen internationaler Unternehmen abhängig.

      Darauf haben deutsche Parteien naturgemäß fast gar keinen Einfluss. Aber für Menschen, die sich einreden, eine neue Partei, die nach all denselben Regeln spielt, angeblich alles verändern und für das persönliche Glück sorgen wird, ist das nur schwer nachvollziehbar.

      Jürgen, sei doch endlich mal ehrlich zu dir selbst.

      -10
      • Auf die höchsten Energiepreise der Welt und Millionenfache Einwanderung in die Sozialsysteme haben die Brandmauerparteien keinen Einfluss?

  • Die Verteilungskämpfe haben gerade erst begonnen. Ich beneide die nachkommenden Generationen wirklich nicht.

    • „ich habe das Land mit ruiniert für die nachkommenden Generationen“.

      • „Papa, was hat Opa damals gemacht, als die Menschen hätten zusammenhalten und alle mit anpacken müssen, in einer Zeit, in der längst absehbar war, dass es so nicht weitergehen konnte?“

        „Nun, Junge … Er hat im Internet lähmende Kommentare geschrieben. Er hatte sich so sehr an seinen Wohlstand und an ein bequemes Leben gewöhnt, dass er irgendwann nicht mehr in der Lage war, uns zu helfen.“

  • Bedeutet das im Umkehrschluss, dass man als Bürgergeldempfänger noch weniger arbeiten muss bei keinem Bürgergeldausgleich ?

  • Westdeutsche Luxusprobleme…
    Wer im Osten hat eine 35Std. Woche?

    • Zu wenige. Siehe PEGIDA, Plauen, freie Sachsen. Chronisch unterbeschäftigte Leute die in ihrer Freizeit nur Probleme machen.

  • „Letztlich gilt festzuhalten: In einer freien Marktwirtschaft sollte jeder selbst entscheiden dürfen, wie viel er arbeitet.“ Anmerkung: Funktioniert aber nicht in der Industrieproduktion. Jeder Arbeitsplatz der zur Verfügung gestellt wird (Werkzeug und Platz für den Mitarbeiter) kostet Geld und deswegen kommt ja die Schichtarbeit ins Spiel. Wäre es nicht so dann würde man einfach weitere Gebäude (wo produziert wird) errichten und die Schichtarbeit mit all den Zuschlägen (Spät, Samstag- und Sonntagszuschläge) wäre passe.

  • Nur mal für die ganz Jungen. Die 35-Stunden Woche gab es nicht zum Nulltarif in der Industrie. Als die eingeführt wurde, wurden die Gehälter entsprechend gekürzt und das Ganze wurde als Gewinn an mehr Freizeit (+Gesundheitsschutz) verkauft. Gleichzeitig wurde auch in vielen Betrieben ein Flexkonto-Arbeitszeit eingeführt wo man Zeiten auf- und abbauen konnte. Das ganze war natürlich so gedacht, daß wenn ein Arbeitnehmer mal eine wichtige Erledigung (Arztbesuch/Behördengang) während der Arbeitszeit zu erledigen hatte daß diese Zeit dann nicht geschenkt wurde sondern vom Arbeitszeitkonto abgezogen wurde. Natürlich haben etliche Arbeitnehmer andere Wege gefunden um den Abzug von ihrem Arbeitszeitkonto zu umgehen aber wenn die Firmen zu Blöde sind dann kann man denen auch nicht helfen.

    • Lüge!

      Frage an Gemini:

      Gab es bei Einführung der 35-Stunden-Woche eine Lohnkürzung?

      Antwort:

      Nein, bei der tariflichen Einführung der 35-Stunden-Woche gab es keine Lohnkürzung. Sie wurde mit vollem Lohnausgleich umgesetzt.

  • Können wir uns nicht leisten ?
    Neue SOZIAL Touristen aus Ceuta können wir uns nicht leisten.

  • „sollte man nun wirklich alles tun, um die Blutung zu stoppen“
    Die „Blutung“ sind die jetzige und die vergangenen Bundesregierungen und ihre Katastrophale „Klima-“ und Energie Politik.
    Arbeitnehmer jetzt wöchentlich 5 Stunden „for free“ arbeiten lassen zu wollen, ist dreist, geht am Problem vorbei und kann er sich abschminken, der Herr Stihl.
    Macht der Regierung und der EU Kommission Feuer unterm Hintern, oder macht den Laden eben zu.

    • Die Eierschaukler von der IGM sind an Rotieren, weil sie wie der Rest jetzt auch 40 Stunden pro Woche arbeiten sollen.

  • der Vollständigkeit halber…

    STIHL gehört übrigens auch als Rädelsführer zu dem vorlauten Club der „AFD Warner n der Wirtschaft“ , die unter dem Deckmantel “ wir lieben Vielfalt und Zuwanderung“ ihre Produkte bewerben.

    Die übrigens über die Jahre hinweg zunehmend aus China stammen.

  • Glaube kaum das viele bereit sind unseren Betrieben Geld zu schenken. Jede Stunde muss bezahlt werden. Schon alleine wegen der Rente. *ROFL* Das Lügenmärchen von der Rettung des Jobs durch Verzicht auf Geld usw, haben anderen schon mehr als genug erzählt. Am Schluß standen die Angestellten dann ohne Geld und Job da. Sollen die Firmen doch Pleite gehen. Andere werden die Geschäfte weiterführen und neue Jobs schaffen. Und zwar sobald die „menschlichen Fehler“ aus der Politik abgewählt und Pleiten-Chefs der Wirtschaft den Insolvenzverwalter das Zepter in die Hand geben.
    Die Zeche durch die gemachten Fehler der Wirtschaft und Politik, wie die ganzen Wenden (wie Energiewende,Mobilitätswende etc pp) und den Handel mit China können die schön alleine Tragen.

  • Auf den Gesetzentwurf von Bärbel Bas braucht man nicht gespannt warten.
    Jeder der Denken kann, weiß, dass von ihr nichts zu erwarten ist.

  • Warum sind Arbeitnehmer eigentlich noch immer in einer Gewerkschaft?

    • Damit die eine Interessenvertretung gegen Ausbeuter Arbeitgeber wie die genannten haben.

      • Die Gewerkschaften sind heute doch nur noch strunzdumme Antifa-Ableger die Demos gegen Rääächts organisieren und keine Ahnung von irgwas haben. Braucht absolut niemand mehr.

  • Arbeitszeiterhöhung bei gleichzeitigem Stellenabbau macht vielleich Sinn für die Firmeninhaber oder Aktionäre aber dient sicherlich nicht der Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Lage. Im Gegenteil, es verschärft die Arbeitslosenquote.

    • Was meinen Sie, wie sich die Arbeitslosenquote erst erhöht, wenn der gesamte Konzern pleite geht oder die Arbeitsplätze ins Ausland verlagert?

    • Das Problem ist die katastrophale Regierungspolitik, auch die der vergangenen Regierungen.
      Dieses „schwarz-rot“, eigentlich weder das eine, noch das andere, muss dringend weg.

  • Die Kommentarspalte hier zeigt, dass es noch immer Leute in Deutschland gibt, die chronisch unterbeschäftigt sind. Renteneintrittsalter mit sofortiger Wirkung auf 70 anheben.

  • Natürlich müssen wir mehr arbeiten. Denn die ReGIERung braucht Geld um es munter weiter zu verschwenden. Die Gelder kann man der arbeitenden Bevölkerung doch ganz einfach aus der Tasche ziehen. Es wird nie genug sein! Von sinnvollen Einsparungen und Strukturreformen ist längst keine Rede mehr. Viel bequemer ist es, den dummen Bürger zu melken.

  • „Brudermüller erklärte, länger zu arbeiten, leiste einen Beitrag dazu, auch im hohen Alter gesund und aktiv zu bleiben. Und: „Arbeit gibt den Menschen außerdem Struktur, Teilhabe und Sinn im Leben.““

    Aber nur, wenn Lohn und Arbeitsbedingungen passen. Ausbeutung ist eher ungesund.

  • „Stihl fordert längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich, Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger nimmt zugleich den Achtstundentag ins Visier.“

    Wer sowas fordert, riskiert die „Mutter aller Streiks“.

  • „Stihl-Aufsichtsratschef Nikolas Stihl fordert längere Arbeitszeiten OHNE Lohnausgleich, Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger nimmt zugleich den Achtstundentag ins Visier.“

    Ihr könnt uns mal gepflegt ……………
    Wer Arbeitssklaven braucht, soll sich am prekären Sklaven-Markt umsehen.
    Der ist in Deutschland ja wohl groß genug, da ist für jeden was dabei.
    IHR wolltet sie unbedingt haben, jetzt stellt sie auch ein!!

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