Regentänze für die Wirtschaft
Aufgrund der Energiewende will die Bundesnetzagentur, dass sich die Industrie nach dem Wetter richtet. Wir haben uns angeschaut, wie so etwas in der Praxis aussehen kann.
„Los Männer, wir haben wieder Strom! An die Maschinen!“ In einer großen Halle ertönt eine laute Sirene, die bei Kriegsveteranen Flashbacks auslösen könnte. Diese Assoziation ist nicht weit hergeholt. Wie uns der Schichtleiter der Future Green Steel AG, Herr Timo Bachhuber, erklärt, handelt es sich hierbei tatsächlich um das historische Fliegeralarmsirenen-Modell HELIN L2037, wie es im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz kam. „So’n modernen stromfressenden High-Tech-Schnick-Schnack, am besten noch mit Lichtsignalen, können wir uns nicht leisten, hier wird jedes Kilowatt in die Produktion gesteckt“.
Dass sich die Future Green Steel AG als einer der wenigen Produzenten der Schwerindustrie noch wacker am ehemaligen Industriestandort Deutschland hält, hat seinen Grund. Und der liegt nicht nur darin, dass der Gründer und CEO Bennie Graichen, keinesfalls Großcousin dritten Grades mütterlicherseits von Patrick Graichen, ein „glückliches Händchen bei Subventionsanträgen“ hat, wie er uns stolz erklärt. Frühzeitig stieg das Unternehmen auf die Theorie hinter der Reform der Netzentgeltsystematik ein, die der Visionär und Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, erdacht hat.
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Das Konzept ist simpel wie genial. Da das Stromnetz durch den zunehmenden Einsatz von Wind- und Solarkraft Schwankungen ausgesetzt ist, soll die Industrie ihre stromintensiven Produktionsprozesse nach dem Wetter ausrichten. In der Future Green Steel AG ist der gesamte Betrieb daher auf Wind und Sonnenschein ausgelegt und die Abläufe und die Logistik entsprechend optimiert. Zur Dunkelflaute liegt die Produktion still. Ist die Wetterlage wieder optimal, wird sie wieder hochgefahren.
Für diese Koordination setzt man hier aber nicht nur auf „alt und bewährt“ wie bei den Fliegeralarmsirenen. Man ist durchaus auch bereit, Neues zu erproben. So sind die Wege zu den nächstgelegenen Trockenurinalen in den Fabrikhallen mit fluoreszierenden Pigmentmarkierungen gekennzeichnet, die aus Tiefseequallen gewonnen werden. Die verschiedenen Abteilungen koordinieren sich in der Dunkelheit mit Knicklicht-Armbändern. Aber natürlich warten die Angestellten der Future Green Steel AG nicht den ganzen Tag auf gutes Wetter.
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Um Personalkosten zu sparen, sind auch die Dienstpläne wetteroptimiert. Die Personalabteilung arbeitet über die Woche hinweg auf Hochtouren. Ihr Büro ist als einziges im Betrieb mit Glühbirnen und Computern mit Microsoft Excel ausgestattet, die wetterunabhängig weiter mit Strom betrieben werden – hier liegt das Herzstück der Firma. Die Flexibilität, die das Unternehmen in seiner Produktion aufbringen muss, wird auch von den Arbeitern verlangt. Denn auch mit eigenen Meteorologie-Spezialisten lässt sich das Wetter mit Planungssicherheit nur drei Tage im Voraus vorhersagen.
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Die Chemieindustrie leidet unter politisch verteuerten Kosten, vor allem für Energie. Immer mehr Unternehmen sehen sich gezwungen, ihre Verkaufspreise anzuheben. Andere Branchen werden das bald spüren – die Chemie steht oft am Beginn der Wertschöpfungskette.Die Future Green Steel AG hat insbesondere ehemalige Bauern eingestellt, die aufgrund übergreifender EU-Regulierung ihre Höfe schließen mussten. Mit ihrem großen Wissen um alte Bauernweisheiten prognostizieren sie das Wetter über das Jahr hinweg. Insbesondere im Juni wird es da wohl turbulent zugehen, immerhin heißt es doch: „Menschensinn und Juniwind ändern sich oft sehr geschwind.“ Für eine höhere Treffsicherheit setzt man aber nicht nur auf eine Technik.
Groß nachgefragt in der verbleibenden Schwerindustrie sind Senioren mit wetterempfindlichen Kriegsverletzungen. Frei für die Future Green Steel AG und umliegende Fabriken arbeitet der Rentner Thorsten Klee, der sich 1945 in einen rostigen Nagel gesetzt hat und seither Gewitter am Tag vorher im Steiß spüren kann – mit einer Trefferquote von 97 Prozent. Auch die Ehefrau von CEO Bennie Graichen, Eva Graichen-Berthold, unterstützt ihren Mann aushilfsweise im Betrieb. Dass wir eben vor Ort beobachten konnten, wie eine kurzzeitige Windphase an einem sonst stillen Tag genutzt werden konnte, ist auch ihr Verdienst, wie uns ihr Mann stolz erzählt.
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So soll sie gestern Abend zum dritten Mal in Folge im gemeinsamen Ehebett spontane Migräneanfälle beklagt haben. Auf Anraten ihres Mannes, es mit Aspirin und etwas Wasser zu versuchen, erklärte sie: „Ach, ich weiß nicht, ob das etwas bringen würde, Schatz, ich fühle mich irgendwie so wetterfühlig.“ Da wurde ihr Mann selbstverständlich hellhörig. Die Prognose der hastig hinzugezogenen Seniorin Inge Möller, die in Notrufbereitschaft für das Unternehmen aus dem Teesatz liest, bestätigte seinen Verdacht. So konnte kurzfristig eine Einheit in Bereitschaft eingeteilt werden.
Doch manchmal versagt auch die beste Technik. Für kurzfristige Wetterüberprüfungen ist im Außengelände ein senkrecht hängender Wettervorhersagestein an einem Metallseil befestigt, der sich bei Sturm aufbäumt. Ob das Unternehmen seine Jahresproduktionsziele erreicht, konnte man uns nicht direkt beantworten. „Wir haben festgestellt, dass man immer enttäuscht ist, wenn man sich zu viel vornimmt. Deshalb gehen wir ohne große Ziele an die Sache ran, damit man sich am Ende immer produktiv fühlen kann“, erklärt uns ein Pressesprecher.
Während die in Deutschland verbliebenen Unternehmen darauf angewiesen sind, sich wie die Future Green Steel AG mit passiver Reaktion nach dem Wetter auszurichten, konnten wir auch mit Pionieren sprechen, die neue Ansätze erproben. Im Sunshine Tomorrow Thinktank will man Wetter neu denken und erforscht daher die aktive Wettergestaltung. Subventioniert durch das Entwicklungsministerium arbeitet man im Thinktank mit Experten aus der ganzen Welt zusammen, um von Herangehensweisen anderer Kulturen zu lernen.
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So berichtet die Zuständige für Öffentlichkeitsarbeit des Thinktanks, Bianca Döhring, etwa von einem erfolgreichen Workshop, den man mit Stammeshäuptlingen des indigenen Volkes der Shoshonen zum Thema „Sonnentänze – Choreografien und ihre Chancen für die Solartechnik“ abgehalten habe. Bei solchen Projekten geht es nicht nur um die Weitergabe von Wissen, sondern auch um ethische Fragen. So etwa die besonders kontrovers diskutierte Debatte um das möglichst humane Abhalten von zeremoniellen Tieropfern.
Wie uns Frau Döhring erklärt, hofft sie bei der Umsetzung der Wettergestaltung auf die Unterstützung der Politik: „Insbesondere auf Ebene der Kommunen braucht es einheitliche und verantwortungsvolle Lösungen. Es kann ja nicht jeder für sich in das Wetter eingreifen, das würde im reinsten Chaos enden.“ Im Ruhrgebiet sind bereits erste Pilotprojekte in Kooperation mit den örtlichen Gemeinden geplant. So trifft jahrhundertealte Tradition auf technischen Fortschritt – und könnte Deutschland als Industriestandort schon bald wieder in die erste Welt zurückführen.
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Ein sehr humorvoller Start in den Tag. Ich kann mir diesen Betrieb so richtig bildhaft vorstellen.
Ich auch. Vermutlich wird es wirklich so kommen. Wer den Text aufmerksam liest, wird feststellen, dass es viele Pläne, Subventionstöpfe und Sonderbeauftragte gibt, aber keine müde Tonne Stahl produziert wird.
Herrlich 😂…
Außerdem werden die Werktätigen sich freiwillig in erneuerbaren Kampfgruppen organisieren und bei Dunkelflaute im Kollektiv Windräder umarmen sowie Solarpaneele umtanzen. Dabei werden sie das ökologische Kampflied der Klimabewegten „Lieber Wind, jetzt weh geschwind – liebe Sonne scheine, auf meine kalten Beine“ singen.
Nicht Windräder umarmen, sondern anpusten!
Muskelkraft (Menschen, Pferde, Esel, Rinder) war bis Mitte des 19. Jahrhunderts die wesentliche Ressource der Wirtschaft. Vielleicht kehren wir dorthin zurück.
Leider fehlt in dem Beitrag die Triggerwarnung für die kulturelle Aneignung, die bei den Regentänzen zutreffen dürfte.
Ansonsten ein sehr köstlicher Beitrag.
Wer noch Wetter arbeiten/produzieren soll, der kann auch demnach bezahlt werden.
Wenn man schon Schwachsinn per Gesetz und politischen Druck macht, dann richtig.
Sämtliche Privilegien und Zahlungen erfolgen dann für Politiker und deren Handlanger nur noch bei über +55 Grad Lufttemperatur oder unter -35 Grad Lufttemperatur.
Dazwischen gibt es NICHTS.
Mal schauen wie ehrenamtlich und motiviert jene dann sind.
Angesichts dessen, dass der Konservatismus insbesondere eines Industriearbeiters stets auf gesellschaftlichen Konstanten aufgebaut ist, bricht es dessen Stolz, die Produktion im Betrieb an einer Variable auszurichten. In Wirklichkeit geht es mit der sogenannten „Großen Transformation“ heutzutage insofern bloß darum, zuvörderst die Würde des Menschen für nichtig zu erklären. Dadurch zum Tier gemacht, nimmt es nicht wunder, wenn allen voran der Textilunternehmer Wolfgang Grupp bereits seit längerem abends kurz vor der Tagesschau den Affen namens „Charly“ als seinen wichtigsten Mitarbeiter der Öffentlichkeit vorstellt.
Was kommt als nächstes -> Innovative Grüne werden vorschlagen, die Windkraftanlagen mit großen Propellern anzublasen, damit durchgehend produziert werden kann ……….
Windkraft ist doch grundlastfähig!
https://www.youtube.com/watch?v=kKoYDAMzd4o
Köstlich, Frau David, einfach köstlich!
Haben Sie denn auch zur neuen Arbeitszeit-Gesetzgebung recherchiert, die 36-Stunden-am-Stück-Einsätze bei guter Wetterlage und Zeitausgleich sowie Urlaub nur bei entsprechenden Wetterverhältnissen erlaubt?
Arbeitnehmerflexibilität ist das Zauberwort der Zukunft, ganz ohne Lamoryanz!
Schildbürger. Das erinnert an die Schildbürger. Und das ganze auch noch in Kombination mit des Kaisers neuen Kleidern. Die Verblendung – müßte man nicht eigentlich schon von Dummheit sprechen? – ist atemberaubend. Und keiner traut sich, keiner hat die Eier denen in die Parade zu fahren. Die bunderepublikanische Titanic ist am Sinken und die Bundesregierung freut sich uns mitteilen zu können, daß auf dem Mitteldeck in Kabine Nummer 24 das Bullauge wieder richtig schließt. Man braucht eigentlich keine Beleidigungen mehr aufzuschreiben. Die ergeben sich sozusagen automatisch beim Zusehen der Sache.
Man kann die ganze Situation auch kurz in einem Wort zusammenfassen : IRRENHAUS.
Freiluftklapse, wo die schlimmsten Fälle die Führung übernommen haben.
Eine Ingenieur- und Erfinderklapse ist nötig! Wir haben kein Energieproblem, sondern ein Klapsen-Problem! :-))
https://www.youtube.com/@Officialnorio/videos
Die deutsche Industrie geht Probleme ja immer pragmatisch und zielorientiert an.
Daher wird sich das in der Arbeitswelt oft zitierte Hamsterrad in der Future Green Steel AG bald deutlich realer anfühlen. So real, dass Menschen in echten Hamsterrädern, angeschlossen an einen Dynamo gegen die Dunkelflaute anrennen.
Die Future Green Steel AG (FGSAG) hat dann ihre Produktionshallen, samt der angeschlossenen Hamsterrad Hallen im Hipsterviertel.
Dort rennen dann die Fettis in den Rädern, oder rudern an Maschinen und bekommen in der Dunkelflaute einen 50% Rabatt.
Influencer übernehmen in der Hamsterhalle dann die Funktion der Vorarbeiter.
Im grunde ein win win win win win
Das Klima gerettet, die Dunkelflaute besiegt, abgespeckt, Gewinn durch Eintritt generiert, Hipster & Influencer beschäftigt…
Ich schlage vor, dass unsere politische heissluftverbreitende Elite in die Produktion einsteigt und zum Wohle des Volkes damit die Dampfkessel zur Stromerzeugung betreibt, dann würden die Dampfplauderer endlich einmal was Sinnvolles machen.