Botox, Prada und Ozempic
Nach 20 Jahren hat „Der Teufel trägt Prada“ einen zweiten Teil bekommen. Es geht um Body Positivity, Wokeness und Elon Musk. Und es ist trotzdem ein guter Film!?
Was macht man am 1. Mai in einer Stadt wie Berlin? Wenn Sie jetzt an Raves für die Befreiung des Görlitzer Parks, Antifa-Aufstände, angezündete Autos und Randale denken, wissen Sie wahrscheinlich auch nicht, wer seit letztem Jahr der neue Creative Director von Dior ist. Oder, dass „Kate“ und „So Kate“ Schuhmodelle von Louboutin sind, geschweige denn, wie man sie unterscheidet. Dementsprechend haben Sie Anfang der 00er Jahre wohl auch keine Wattebäuschchen, getränkt in Zitronensaft, gegessen, um auf Size 0 zu kommen. Womöglich haben Sie noch nicht mal etwas von Anna Wintour gehört.
Das ist nicht schlimm, Sie haben immerhin trotzdem auf diesen Artikel geklickt. Also kein hoffnungsloser Fall. Nicht alle Großstädter saufen sich an diesem Tag bis in die Bewusstlosigkeit, experimentieren mit neuen Drogen und zünden ein paar Autos an. Manche schnappen sich ihre Plateau-High-Heels mit 12 cm Absatz, ihren Dior Addict Lip Maximizer in der Farbe 006 Berry und ihre beste Freundin, um dann in totaler Dunkelheit im Kino zu den Ersten zu gehören, die „Der Teufel trägt Prada 2“ geschaut haben. Es ist wahrscheinlich die einzige Vorstellung, in der die hinterste Reihe nicht von knutschenden Teenagern besetzt ist.
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Sie können sich denken, zu welcher Fraktion ich gehöre. Wenn ich als Kind unartig war, hat meine Mutter ein Rock-und-Tütü-Verbot verhängt, weil Hosen tragen zu müssen für mich viel schlimmer war als Hausarrest oder Fernsehverbot. Ich habe ausgesucht, was ich anziehen will, seit ich Drei-Wort-Sätze sprechen kann. Kleidung als Mittel zum Ausdruck und zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit wird immer meine erste Liebe vor Jura, Journalismus und Cappuccino sein. Obendrauf steht auch noch die Met Gala unmittelbar bevor – stellen Sie sich einfach vor, dass das so etwas wie mein Superwahljahr ist. Und man muss seine Kolumnistinnen doch immer auch artgerecht halten.
Von „Der Teufel trägt Prada“ (2006) haben Sie sicher schon mal gehört. Wenn Sie keine Töchter, Freundin oder Ehefrau mit Herrschaft über die Fernbedienung in Ihrem Leben haben oder eine Frau mit anderen Interessen sind und Ihre Kenntnis hier endet, erlauben Sie mir eine kurze Einführung. Andy Sachs (gespielt von Anne Hathaway) will Journalistin werden und bedeutungsschwere Artikel schreiben. Doch sie landet in der fiktionalen Modezeitschrift „Runway“ als zweite Assistentin der Chefredakteurin Miranda Priestley (gespielt von Meryl Streep). Sie sieht es als Chance, aufzusteigen und Kontakte zu knüpfen, Mode hält sie für unter ihrer Würde.
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Die Verachtung beruht auf Gegenseitigkeit. Mit einer Kleidergröße 36 hat sie in der Redaktion Übergröße und wird als „das fette, schlaue Mädchen“ bezeichnet. Dass sie offensichtlich nichts auf ihr Aussehen gibt, wird ihr von den anderen gerne unter die Nase gerieben. Die anderen Redakteurinnen und Assistentinnen sehen aus wie Topmodels, von Kopf bis Fuß in den neuesten Kollektionen gekleidet. Zum Teil werden sie auch von Topmodels gespielt, Gisele Bündchen hat in dem Film eine kleine Nebenrolle.
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Mode ist überall irgendwie verpönt. Von Künstlern und Freigeistern wird sie nicht als echte Kunst akzeptiert, weil sie zu funktional und ästhetisch ist. In Wirtschaft und Politik rümpft man auch die Nase, weil sie zu flamboyant und unernst daherkommt. Dabei sind wir alle die meiste Zeit vom Hals bis zu den Füßen von Kleidung bedeckt. Sie kaschiert und hebt hervor und zeigt anderen Menschen, wer wir sind, wie unsere Mimik, Gestik und unser Auftreten. Das macht sie nicht zu weniger als Kunst, sondern zu so viel mehr. Und es macht sie zu einem Wirtschaftszweig, der nicht wegbrechen wird, bis wir uns zurück in die Steinzeit versetzen – und selbst da hatten wir schon Pelz an.
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Nachdem sich Andy dann doch zusammenreißt, hätte sie gute Chancen aufzusteigen. Sie verlässt Runway dennoch, um echten Journalismus zu machen und weil sie nicht will, dass der Luxus und die Macht sie korrumpieren. Der Teil interessiert aber niemanden, was hängen bleibt, ist der Glamour. Der Film beruht auf dem gleichnamigen Roman von Lauren Weisberger, die selbst Assistentin von Anna Wintour war, der damaligen Chefredakteurin der amerikanischen Vogue. Das Buch enthält genug Fiktion, um nicht verklagt zu werden und noch etwas Leichtigkeit zu behalten, galt damals aber dennoch als Verrat und Abrechnung. Wie Meryl Streep heute erzählt, war es für die Verfilmung schwer, an Kleidung zu kommen, weil sämtliche Marken zu viel Angst vor Wintour hatten.
Im Film sieht man, wie eine kleine entgeisterte Geste von Miranda Priestley ausreicht, um Designer ihre ganze Kollektion über den Haufen werfen zu lassen. Offenbar war der Teil nicht ausgedacht. Damals wurde der Film noch von „20th Century Fox“ präsentiert, das iPhone sollte erst noch rauskommen und die Vogue war noch ausschließlich ein Magazin aus Papier. Die Menschen hatten noch eine gewisse Aufmerksamkeitsspanne, 2007 brachte die Vogue unter Anna Wintour ihre September-Ausgabe mit ganzen 840 Seiten heraus.
Heute hat sich die Welt verändert. 20 Jahre später – ja, 2006 ist zwanzig Jahre her – liest kaum noch jemand irgendwas auf Papier, die meisten lesen gar nicht mehr. In Zeiten von Influencern und Social-Media-Trends braucht niemand mehr Miranda Priestley oder Anna Wintour, um die Farbe der Saison zu verkünden. Alle großen Verlage, ob Mode oder nicht, stecken in der Krise. Nachdem Rupert Murdoch 20th Century Fox an Disney verkauft hat, wurde der Verleih in 20th Century Studios umbenannt, um nicht an den konservativen Sender Fox News zu erinnern. Wer heute überhaupt Größe 36 hat, ist ja fast schon von Grund auf fatphobic. Der zweite Teil kann also nur ein Desaster werden, oder? Ich meine, warum muss es überhaupt von allem einen zweiten Teil geben?
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Wir finden uns in New York wieder. Andy ist inzwischen eine große, preisgekrönte Journalistin bei einer ernst zu nehmenden Zeitung. Runway verkauft inzwischen kaum mehr Magazine, sondern ist vollkommen digitalisiert. Dann fallen zwei Ereignisse zusammen: Andy wird mit sämtlichen Kollegen wegen Budgetkürzungen gefeuert und Runway hat einen großen PR-Skandal wegen Nähe zu Sweatshops und Kinderarbeit. Also findet sich Andy erneut bei Runway wieder, dieses Mal als Chefin des Feature-Departments. Sie soll mit ernsthaften, politisch korrekten Artikeln das Image von Runway wieder aufpolieren.
Die Redaktionsräume sind nicht mehr wiederzuerkennen. Weil es bei der Personalabteilung zu viele Beschwerden gab, muss Miranda Priestley ihren Mantel inzwischen selbst aufhängen. Die meisten Mitarbeiter sehen nicht mehr aus wie Models, Priestleys aktueller zweiter Assistent wird von einem übergewichtigen, schwulen Influencer gespielt. Hatte ihre frühere erste Assistentin sie früher noch hörig angebetet, so ist die Hauptaufgabe ihrer aktuellen ersten Assistentin in erster Linie, sie zu korrigieren, wenn ihre Maßregelungen politisch inkorrekt sind.
Der Film ist also auf woke gedreht? Nun, nicht ganz. Denn eigentlich stellt das nur die Realität dar. Sie werden heute in der echten Vogue auch keine Armee an perfekten Models mehr finden können. Und Wokeness ist nun mal en vogue. Doch während im ersten Teil noch diese seltsame Modewelt satirisch karikiert wurde, ist der zweite Teil ein völliger Rundumschlag. Die Darstellung von Miranda Priestley als Teufel ist im ersten Film nach hinten losgegangen. Ihre Monologe über die Relevanz der Mode werden bis heute überall im Internet verbreitet, ihre zerstörerischen Kommentare gelten als ikonisch.
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Schlagfertig und besonders kreativ in ihren mehr als passiv-aggressiven Kritiken ist sie heute immer noch. So fragt sie in einer Redaktionskonferenz einen Angestellten, dessen Fotoshooting ihr nicht gefallen hat: „Und haben Sie die Models dazu angehalten, wie verhungernde Ziegen auf dem Parkplatz einer Methadon-Klinik in New Jersey im Kreis zu laufen?“ Ihre Assistentin räuspert sich streng. „Was darf ich jetzt schon wieder nicht mehr sagen? Methadon? New Jersey?“ Den Begriff „Body Positivity“ kann sie sich auch nicht merken und spricht vielmehr von „Body Negativity“ – was ihre Assistentin natürlich zu missbilligen weiß.
Andys Artikel über Ethik in der Mode und Klimawandel kommen in den oberen Kreisen gut an – werden in der Masse aber kaum gelesen. Während sie immer wieder lautstark kritisiert, dass 3.000 Dollar für eine Tasche für die einfachen Leute zu viel sind oder das teure Renovieren von Altbauten zeigt, was mit der Gesellschaft nicht stimmt, trägt sie selbst genau diese Taschen mit größter Freude, zieht umgehend in ein solches renoviertes Altbau-Loft ein und schläft sogar noch mit dem verantwortlichen Bauleiter. Dieser Doppelstandard ist eine feine Nuance, die vielen Zuschauern vielleicht verborgen bleiben mag.
Möglicherweise sogar der Schauspielerin Anne Hathaway selbst. Sie ist für ihr Engagement für alles, was gerade woke und angesagt ist, bekannt. So erklärte sie vor Erscheinen des Films noch, dass sie sich selbst dafür eingesetzt hat, dass die Models im neuen Film nicht alle dünn sind. Sie selbst hat in den letzten 20 Jahren auch trotz zweier Kinder kein Gramm zugenommen. Man kann auch sehr schön beobachten, vor welchen Szenen sie gerade ihr Botox aufgefrischt hat, denn dann kann sie ihre Augenbrauen nicht mehr bewegen und muss das mit wilder Gestik ausgleichen. Von den viel heraufbeschworenen Plus-Size-Models ist am Ende nur ein einziges für weniger als eine Sekunde zu sehen. Meine Freundin hat es gar nicht gesehen, also vielleicht war das nur eine Halluzination meinerseits.
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Die Schauspieler mögen vielleicht gedacht haben, dass sie hier an etwas ganz Revolutionärem teilhaben, doch am Ende war die Botschaft des Films eigentlich nur konservativ. Die ganze Mission ist es, zu bewahren, was Priestley erschaffen hat. Während sich die Welt um sie herum ändert und noch verrückter wird als sie, versucht sie, die Schönheit und die Tradition aufrechtzuerhalten. Andys Artikel sind nur ein Feigenblatt und Mittel zum Zweck, um das zu erreichen.
Ja, die große Pointe ist am Ende, dass eine Milliardärin, der die Artikel von Andy sehr gefallen haben, die Runway vor einem Tech-Bro rettet, der mit seiner Weltraum-Obsession (er will eine Rakete namens Icarus zur Sonne schicken und meint das nicht ironisch) sehr an Elon Musk erinnert. Aber auch dieses Ende passt. Denn ich glaube gerne, dass der Journalismus von heute sich selbst tatsächlich so sieht. Er versteht die Budgetkürzungen nicht, weil er gar nicht weiß, was er verkauft.
Ich arbeite ja nun auch im Journalismus. Während ich die dargestellten Probleme aus der Branche kenne, bin ich Teil eines der wenigen Medienunternehmen, das gar nicht genug kompetente Leute zum Einstellen findet. Selbst Berater von McKinsey wüssten bei uns nicht, was sie kürzen sollten. Wir profitieren von dem Wandel im Journalismus. Und ich kann der Vogue nur raten, dass keiner die oberflächlichen Artikel einer Modejournalistin über politische Themen lesen will, von denen sie keine Ahnung hat. Wenn sich die Vogue in der aktuellen wirtschaftlichen Lage halten will, muss sie wieder schreiben, was man lesen will. Das ist nicht das Hinterherrennen hinter woken Social-Media-Trends.
Der Film ist am Ende eine gut produzierte Satire über den heutigen Zeitgeist, gleichzeitig eine realistische Darstellung der Herausforderungen des Mainstream-Journalismus im Zeitalter der Digitalisierung, und er durchbricht sogar die vierte Wand und hält der Industrie selbst den Spiegel vor. Sklavisches Hinterherrennen hinter Trends ist nicht der Modewelt vorbehalten. Man erkennt es nur besser an ihrer Labubu-Matcha-Latte-Prada-Uniform.
Gewissermaßen signalisiert dieser Film aber auch, dass diese Botschaft bei der Vogue angekommen sein könnte. Denn eins muss man Anna Wintour zugutehalten: In ihr schlummert der Geist des Kapitalismus noch. Falls Sie sich fragen, ob es dieses Mal auch schwer war, an Markenkleidung zu kommen: Eigentlich war es eine zweistündige Werbesendung für Dior und Co. Denn statt sich gegen den Film zu wehren, hat Wintour sich die Figur der Miranda Priestley zu eigen gemacht.
Niemand hat den Film so sehr vermarktet wie die Vogue selbst. Wintour und Streep haben sogar für das Cover der letzten US-Vogue zusammen posiert, die Autorin des Romans hat dem Magazin ein Interview gegeben. In mehreren Podcasts der Vogue wurden ehemalige Assistentinnen von Wintour interviewt und durften schildern, ob ihre Zeit unter ihr wirklich so schlimm war wie im Film oder nicht doch sogar noch härter. Die ursprünglich kritische Darstellung von Wintours Führungsstil und Weltansichten fällt damit völlig flach. Wenn es hart auf hart kommt, könnte der Kapitalismus auch seinen eigenen Untergang noch vermarkten.
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Freund von Apollo News werden
In Berlin ist der Teufel los. Er ist rot angemalt, hat grüne Hosen an, trägt ein Palästinensertuch um den Hals, hält in der einen Hand ein Messer, in der anderen den Koran, schreit nach der Scharia und hasst Juden. Berlin 2026.
An sowas denkt der dumme Stammtisch Boomer Sonntags Morgens. Das ist für ihn der „Teufel“. Komplett gebrochen.
Wenn ich eine junge Frau wäre hätte ich auch irgendwann genug davon pseudo-melanchonische „Opinion Pieces“ für fette Alte zu schreiben die von der Zeit vor MeToo träumen. Das wäre wirklich der Tiefpunkt sowas vortäuschen zu müssen.
„Wenn ich eine junge Frau wäre…“
In Absurdistan doch kein Problem, ein Gang zum Standesamt um den Geschlechtseintrag zu ändern oder gleich zu einem Trans(formations)mediziner. Ganz easy.
Sarkasmus ist nur Zuflucht für Schwächlinge. Du bist so BRD dressiert dass du diesen Murks wahrscheinlich selbst glaubst.