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Fake-Tweet von Frauke Petry

System Relotius: RTL-Journalist Gajda fälscht jetzt weiter, um seine Fälschung zu verschleiern

Der Journalist Maurice Gajda fälschte einen Tweet. Jetzt fälscht er weiter, um seine Lüge zu verschleiern. Er täuscht die Öffentlichkeit, vor allem aber seine Kollegen - und wird darüber fallen. Die Parallelen zur Geschichte von Claas Relotius drängen sich geradezu auf.

Das Buch „Tausend Zeilen Lüge“ ist wohl das spannendste, das ein deutscher Journalist in den vergangenen Jahren geschrieben hat. Der Journalist Juan Morenos erzählt darin die Geschichte von Claas Relotius – und wie er dessen Lügen enttarnte. Relotius log vehement weiter und überzeugte seine Chefs so auch gegen die eindeutige Faktenlage weiter an ihm festzuhalten. Ganz ähnlich sieht die Geschichte von Stephan Glass aus, der Anfang des Jahrtausends eine Reihe von Reportagen für das Magazin The New Republic erfand – und mit immer fantasievolleren und absurderen Ausreden versuchte, seiner Enttarnung zu entgehen. Das ist das Merkmal, das den Charakter dieser Leute am besten zeigt. Über beide – Relotius und Glass – hieß es, sie wären die sympathischsten Kollegen überhaupt gewesen. Und beide belogen ihre Kollegen auch dann noch so schamlos, als sie schon enttarnt waren – und zogen sie so mit in den Abgrund.

Bei den aktuellen Entwicklungen um den RTL-Journalisten Maurice Gajda muss man sich daran erinnert fühlen. Denn dieser ließ nicht nur einen Tweet-Screenshot von Frauke Petry redaktionell fälschen, um ihr Rassismus zu unterstellen (in diesem soll sie u.a. von „rosa gefärbten Asiaten“ gesprochen haben). Er belog auch seinen eigenen Sender darüber – und hört auch jetzt nicht damit auf, als Apollo News den Vorgang offenlegte. Auf unsere Anfrage hieß es vom Sender: „Unser Reporter hat den Tweet im März gesehen und wortgetreu notiert. Er verbürgt sich dafür. Der Tweet wurde anschließend von Frauke Petry gelöscht“.

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Doch als die Behauptung „wortgetreu notiert“ nicht so recht zündete – sondern im Netz eher zum Running Gag avancierte – ging Gajda einen Schritt weiter. Dem Medienmagazin DWDL schickte er einen angeblichen Link zum gelöschten Tweet von Petry – ein augenscheinlicher Beweis für dessen Existenz.

Die nächste Fälschung

„Ein Freund aus der LGBTQ-Bewegung hat mir kurz nach der Veröffentlichung den Link zu diesem Post zugeschickt“, erklärt Gajda dort im Gespräch. „Da ich meinen Augen kaum trauen konnte, habe ich den Text aus dem Tweet rauskopiert und mit Freunden darüber diskutiert. Kurze Zeit später wurde diese Nachricht wieder gelöscht und der Link, der heute noch besteht, führt ins Leere.“

Gajda kündigte zugleich an, diesen Hergang in einer eidesstattlichen Versicherung bestätigen zu wollen – zu seinem Glück, hat er das bis jetzt nicht getan.

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Denn der gesendete Link ist eine erneute Fälschung. Geht man nach der Systematik, mit der Twitter seine Links generiert, müsste der Tweet aus dem Jahr 2134 stammen, also aus der Zukunft. Als auch dieser Fake auf Twitter langsam auffiel, legte Gajda nach und schickte einen neuen Link an DWDL. Das Medienmagazin schreibt selbst dazu: „Das Management von Maurice Gajda hat uns daraufhin einen anderen Link zugeschickt, der ebenfalls auf einen gelöschten Tweet verweisen soll. Dieser Link (wir haben ihn nun oben eingefügt) scheint aber auf den gelöschten Tweet von Frauke Petry zu verweisen, in dem sie sich abfällig über die Lord of the Lost äußert.
Der Tweet über „Lord of The Lost“ hat keinen rassistischen Inhalt und beschäftigt sich mit der ESC-Band. Er ist aber sehr ähnlich aufgebaut, wie der Fake-Tweet, weswegen vermutet wird, dass der gefälschte Tweet auf diesem basiert.

Gajda brauchte einen Twitter-Link, der zumindest echt sein könnte. Dafür bediente er sich eines Links, der zu einem ganz anderen gelöschten Petry Tweet führt – und der über Google sehr leicht zu finden ist. Gajda sendete also erneut einen falschen Link, um die Öffentlichkeit – und wohl vor allem seine Kollegen – zu täuschen.

Notorische Lügner

Stephan Glass fälschte am Ende Visitenkarten und Websites und gab über seinen Bruder sogar einen Telefonanschluss für eine nicht-existente Firma an, um vor seinen Kollegen bei der New Republic seine Lügen aufrecht zu erhalten. Claas Relotius fakte E-Mails eines Anführers der Bürgerwehr, die angeblich auf Migranten geschossen haben soll – und den er nie getroffen hatte.

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Die notorischen Lügner schützten ihre Fälschungen mit neuen Fälschungen und – das ist das wirklich irre – blendeten damit immer und immer wieder ihre Vorgesetzten, obwohl die Indizienlage gegen sie bereits erdrückend war. Jetzt wiederholt Gajda die Methode Relotius fast eins zu eins.

Die Fälschung des Tweets am Anfang war offensichtlich. Hätte RTL das eingestanden und sich darauf berufen, eben reingelegt worden zu sein, wäre man mit einem blauen Auge davon gekommen. Doch Gajda belog RTL weiter – und macht es damit zu einem Skandal, bei dem es mittlerweile um die Integrität des Senders an sich geht. RTL gestand zwar zunächst die grafische Fälschung des Tweet-Screenshots ein – behauptet aber allen Ernstes weiter, der Tweet sei dennoch echt, man könne es nur nicht beweisen. Und schließlich stoppt man sogar die Zusammenarbeit mit Gajda, gesteht aber öffentlich immer noch nicht, dass der angebliche Tweet von Petry nie existiert hat; und entschuldigt sich immer noch nicht bei der Betroffenen. Eigentlich ist die Sache klar: Für die Existenz eines solchen Tweets müsste es zigfache Beweise geben, hunderte Screenshots im Netz, Speicherungen im Web-Archiv. Auch RTL hat bis heute aber kein einziges Indiz für die Existenz gefunden, außer der vehementen Beteuerungen Gajdas.

Es ist eigentlich tragisch dabei zuzusehen, wie der Journalist Maurice Gajda durch seine starrsinnigen Lügen seine eigene Karriere beendet. Für all das gibt es verfilmte Vorlagen. Relotius belog seine Chefs solange, bis diese ebenfalls ihren Job verloren, als die Sache hochging. Und selbst während seines Geständnisses behauptete er noch die Reportage „Königskinder“ sei vollständig authentisch. Sie beginnt so:

„An einem frühen Morgen in diesem Sommer geht Alin, ein Mädchen mit müden Augen, 13 Jahre alt, allein durch die noch dunklen Straßen der Stadt Mersin und singt ein Lied. […] Das Lied, das sie singt, handelt von zwei Kindern, denen kein Leben offenstand und die doch, als sie schlimmstes Leid ertragen hatten, gerettet werden sollten.“
Immer, wenn in seinen Artikeln gesungen wurde, erklärt Relotius an anderer Stelle, war es der Beginn der Lüge.

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