Sind Beamte auch nur Menschen?
Zwei Strafverfahren gegen Journalisten, eine Beobachtung der falschen Frau, ein vermeintlich überwachter Ex-Geheimdienstchef und festgenommene Jugendliche mit Plakaten. Ist das alles eine Verschwörung der Reichsbürger oder was steckt dahinter?
Nach den Veröffentlichungen aus den Epstein-Files hat sich die Verschwörungstheoretiker-Bubble (die Flat-Earther ausgenommen) sehr dafür gefeiert, dass alle ihre Verschwörungstheorien wahr geworden sind. Ich sehe da weniger einen Grund zum Feiern und mehr einen Mangel an Kreativität. Immerhin ist meine Branche als Teilzeitsatirikerin durch das aktuelle Zeitgeschehen auch gefährdet. Aber gebe ich einfach auf? Nein.
Wenn ich mir jetzt aus dem Stegreif eine Verschwörungstheorie ausdenken sollte, ginge die so: Die ganzen Prozesse um die Gruppe Reuß waren nur Ablenkung. In Wahrheit haben die Reichsbürger schon lange den Staat unterwandert und versuchen nun, durch wahllose Ermittlungsverfahren, Hausdurchsuchungen und Überwachungen das Vertrauen in den Rechtsstaat zu schwächen, um das Kaiserreich wieder einführen zu können.
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Diese Woche gäbe es für diese Theorie jedenfalls ordentlich Zündstoff: Unsere Exekutive hat sich in den letzten Tagen wirklich einige Fehltritte geleistet. Gegen den Kolumnisten Jan Fleischhauer wird wegen einer ironischen Äußerung in einem Podcast strafrechtlich ermittelt. Bei TE-Autor Josef Kraus hat die Polizei wegen einer Anzeige bezüglich eines Artikels einen Hausbesuch gemacht. Der Verfassungsschutz hat zwei Jahre lang die falsche Frau beobachtet?! Ein 14-jähriger Schüler wurde wegen eines Plakats beim Schulstreik gegen Wehrpflicht angezeigt, mindestens zwei weitere Schüler wurden ebenfalls wegen Plakaten zwischenzeitlich festgenommen. Ach ja: Hans-Georg Maaßen hat den Vorwurf erhoben, vom Bundeskriminalamt und vom Verfassungsschutz abgehört zu werden. Habe ich etwas vergessen?
Wir sind insbesondere bei unserer Strafjustiz schon einiges gewohnt. Also, dass harmlose Bemerkungen unseren Behörden nicht nur eigene Aktenzeichen, sondern sogar Hausdurchsuchungen wert sind, überrascht doch ernsthaft nicht mehr. Diese Woche hat dennoch einen neuen Eskalationswert. Nach dem öffentlichen Aufschrei durch alle politischen Lager, den der Besuch bei Norbert Bolz nach sich gezogen hat, würde man bei Journalisten doch eigentlich erst mal die Füße stillhalten. Aber nein, stattdessen direkt zwei in einer Woche. Und Jan Fleischhauer ist ja nun wirklich Mainstream; hat der nicht sogar ein ÖRR-Format? Das hilft doch bei Jan Böhmermann auch immer.
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Die Frage, ob die Jugendorganisation der AfD „Generation Deutschland erwache“ heißen wird, hätte jedenfalls auch von Böhmermann stammen können. So ganz muss ich sagen, habe ich die Wege der Staatsanwaltschaft noch nicht ergründen können. Es ist vom Straftatbestand des Paragrafen 89a des Strafgesetzbuchs her ganz pauschal verboten, Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen zu verwenden, grundsätzlich unabhängig von der Gesinnung des Täters. Auch ein scherzhafter Hitlergruß bleibt damit erst mal strafbar, egal wie sehr man die Nazis eigentlich ablehnt.
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Auch im Fall von Josef Kraus bleiben viele Fragen offen. Es gibt doch nun wirklich absolut keinen Grund, eine Identität zu klären, wenn man Klarnamen, Adresse und das Gesicht kennt. Wenn man das Personalausweis- oder Führerscheinfoto mit dem Autorenprofil oder Talkshow-Aufnahmen abgleicht, ist das doch eine Identitätsfeststellung wie aus dem Bilderbuch. Wobei: Wenn man bei der Frau, die zu Unrecht vom Verfassungsschutz beobachtet wurde, einfach mal angeklopft hätte, hätte sich unser toller Inlandsgeheimdienst eine große Blamage ersparen können. Das Argument, man hätte sie heimlich überwachen wollen, zieht nicht, wenn man sich dann aber an ihren Arbeitgeber wendet, damit sie direkt gefeuert wird. So wie ich das deutsche Staatshaftungsrecht kenne, wird die Dame sich dann wohl auf 200 Euro Entschädigung freuen dürfen.
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All das lässt sich nicht einfach nur durch eine linke Schlagseite erklären. Da muss mehr dran sein. Wenn das also kein großer Coup von Undercover-Reichsbürgern ist, die sich gerade fragen, was man denn bitte noch machen muss, damit ein bisschen mehr als ein Shitstorm auf X folgt – was ist es dann? Diese Frage habe ich mir beim Wäschewaschen, beim Einkaufen, beim S-Bahn-hinterher-Rennen und beim Zähneputzen gestellt. Bis mir eine bahnbrechende Eingebung kam: Beamte sind auch Menschen. Man muss sich auf diesen Gedanken einlassen. Doch sobald man erkennt, dass auch Beamte fühlende Wesen sind, ergibt vieles Sinn.
Worin besteht denn das Beamtenleben? Ausgefledderte Handakten aus recyceltem Altpapier, halbvertrocknete Zimmerpflanzen, freiliegende Kabel, die nirgendwohin führen, alles ist aus vergilbtem Hartplastik, jeder bringt sein privates Desinfektionsmittel mit, der runde, drehbare Stempelhalter erinnert an fröhlichere Zeiten. Jeder bringt seine eigene, fett beschriftete Milch mit, jeder Fehlgriff wird intern über den Urlaubsplan geklärt. Man kann keinen Schritt machen, ohne dass er durch einen doppelt gestempelten, gescannten Faxausdruck genehmigt ist. Jeder Tag ist ein emsiger Kampf zwischen der Heizdecken-Brigade und der Stoßlüft-Front.
Haben Sie mal versucht, sich bei Datev anzumelden? Ich schon, und ich musste danach zum „freiwilligen“ Aggressionsbewältigungskurs. Jetzt stellen Sie sich vor, Sie sind Beamter im Zeitalter der Digitalisierung, und Ihr ganzer Job findet in einer staatlichen Software statt. Man wird eingelullt mit festen Arbeitszeiten, sicherer Altersvorsorge, planbarem Urlaub und der Möglichkeit, Job und Familie zu vereinbaren. Und dann kommen sie mit „Arbeitserleichterung“ durch Abschaffung des Faxgeräts – dem einzigen Gerät, das funktioniert hat – und irgendwelchen abgehalfterten Computern um die Ecke, bei denen man jeden Arbeitsschritt einzeln ausdrucken muss, weil jeden Moment das System zusammenbrechen könnte.
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Mit dieser neugefundenen Empathie für die verbeamtete Bevölkerung auf die dargestellte Nachrichtenlage geschaut, sieht man doch alles in einem ganz anderen Licht. Spricht aus einem Hausbesuch zur Identitätsfeststellung dann wirklich noch ein Einschüchterungsversuch? Wenn Sie in einem Büro arbeiten, kennen Sie vielleicht das Konzept „Anrufe, die auch E-Mails hätten sein können“. Bei aller Unannehmlichkeit liegt darin meist ein stummer Schrei nach menschlichem Kontakt. In der Behördenwelt heißt das Konzept „Hausbesuche, die auch amtliche Zustellungen hätten sein können“.
Vielleicht ist es also auch einfach der Versuch, mal wieder die Frühlingssonne auf der Haut zu spüren, morgens ein bisschen Bewegung zu bekommen und die Möglichkeit, die Auswärtspauschale A38 abzurechnen? Vielleicht kann man an der Tür in die Wohnung luken und sieht, wie andere so leben. Manchmal wird man eventuell sogar zu einem Kamillentee eingeladen. In die Küche fremder Leute darf ja sonst nur die Steuerfahndung. Und das Ausplaudern geheimer Überwachungen an den Arbeitgeber: Kennen Sie diese Qual denn nicht, wenn man ein Geheimnis bewahren muss und es niemandem weitersagen darf?
Meine Güte, dann haben sie sich halt an der Tür geirrt. Vielleicht sind sie dann mal ein bisschen über die Stränge geschlagen. Vielleicht war der Tweet eigentlich dann doch gar nicht so schlimm. Vielleicht haben sie sich beim Plakat erst mal verlesen. Dann war er halt noch vierzehn. Fehler sind doch menschlich. Und Beamte sind auch Menschen.
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Herzlichen Dank für Ihre Sonntagssatire. Treffen wie immer.
Ja, so könnte es gewesen sein.
Das „runde Ding mit den Stempeln“ heißt übrigens tatsächlich „Stempelkarussell“ 😀
Demnächst hören wir, die Klarnamenpflicht im Netz sei unabdingbar, damit der Beamtenstaat nicht die falschen Bürger verfolgt.
Sie sind zum Glück eine Vollblut-Ironikerin. (‚Satire‘ und ‚Satiriker‘ wird ja schon von den Woken mißbraucht, ausgehöhlt und umgedingst)
Großartig und in jeder Silbe (zu)treffend. Kein Sonntag ohne Frau David!
Frau David, herzlichen Dank für die Analyse, sie liefern die einzig mögliche Erklärung für diese Phänome!
Ja, Beamte müssen auch mal … dem Bürger fehlt nur noch die Klarnamenpflicht, damit er sich für die selbstverständlich freundlich gemeinten Hausbesuche revanchieren kann. Nun also schleunigst weg mit Tinder und Co., neue Freundschaften arrangiert im besten Deutschland die Staatsanwaltschaft 😀
Sind Beamte auch nur Menschen?
Ja. Aber was für welche…
… nur nach Feierabend. Wie vom Dienstherrn gefordert. Ausnahme: Rentendiskussion und Besoldung, schnell zur Bestie 😃
Es könnte natürlich auch daher rühren das diese Beamten sich in ihrem Job langweilen und nach Tätigkeiten suchen. Gepaart mit einem sehr simplen Weltbild und dem stupiden Auswendiglernen von Vorschriften und Dienstanweisungen ist man froh wenn man mal fremde Länder, ähh Wohnungen entdecken kann…
Und, operative Hektik bei geistiger Windstille hilft bei Beförderungen.
„Sind Beamte auch nur Menschen?“ Wenn man sehen muß, wie die Faeser den Hans-Georg Maaßen auf dem Foto (…Delegitimierung…) anzubaggern versucht: Ganz klar JA!
Ja Beamte sind auch nur Menschen. korrupierbar, gierig und machtbesessen.
Wenn sich die Chance bietet werden nur sehr wenige die Macht des Geldes widerstehen.
Dämlicher Blödsinn. Die Anhäufung stupider Vorurteile gereicht jeder linken Journaille zur Ehre. Da ja offensichtlich nicht jede Staatsanwaltschaft und nicht jede Polizeibehörde zur linken Jagd geblasen hat, hätte man auch einfach auf folgende Idee kommen können: Auch bei solchen Behörden gibt es linke Plagegeister in Führungspositionen, die ihre Macht mißbrauchen. Das ist aber ein individuelles Versagen, kein systemisches. Respektive, wenn die Gefahr besteht, das es systemisch wird, gehört der Pranger an die echten Gründe und nicht an das Beamtentum an sich. Denn dieses hat sich eigentlich seit den Preussen bewährt. Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie sich mal die Statistiken der Beschäftigtenzahlen im öffentlichen Dienst an und vergleichen Sie diese international. Sie werden – Wunder, oh Wunder – feststellen, dass es nur zwei westliche Länder gibt, die weniger Beschäftigte im öffentlichen Dienst haben als D. Kommen Sie darauf, welche? Nein, kein Wunder. Denn es sind Japan u. Südkorea