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Die perfide Masche im Fall Ulmen

Hat es wirklich stattgefunden? Welche blauen Flecken sind von wem? Welchen Fetisch hatte er noch mal? Die perfide Masche mit den politischen Klatschgeschichten.

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Sex verkauft sich, überall und schon immer. Das ist jetzt keine Weisheit, die Sie von mir hätten erfahren müssen. Wer damit ein Problem hat, den kann ich an die spannende Broschüre „Sex sells? Mit mir nicht!“ der Gleichstellungsstelle der Stadt Detmold aus dem Jahr 2011 verweisen. Die können Sie immer noch über die Antidiskriminierungsstelle des Bundes herunterladen.

Die Broschüre setzt sich schwerpunktmäßig mit frauenfeindlicher Werbung auseinander; es findet sich darin auch direkt eine vorgedruckte Beschwerde. Damit soll man sich an den Deutschen Werberat wenden, sobald man in irgendeiner Zahnpastawerbung mal eine Oberweite sieht, die so prächtig ist, dass sie doch glatt gegen die Menschenwürde verstößt. Und ja: Gleichstellungsstellen, die sich mit so lebensfremden Problemen beschäftigen, gab es wirklich schon 2011.

In der heutigen Zeit – seit die Stadt Detmold die Werbung vom Patriarchat befreit hat und alle Haushaltsgegenstände ihren Sex-Appeal verloren haben – ist das Geschäft mit dem Sex aber gar nicht mehr so einfach. Die Welt der politischen Korrektheit ist, was das angeht, etwas kompliziert, und die Gelehrten (sämtliche linken Kolumnisten von der SZ bis zur taz und Jette Nietzard) sind sich uneinig.

Auf den ersten Blick könnte man politische Korrektheit ganz einfach erklären. Man nimmt sich einen keuschen Puritaner und gibt ihm folgende Anweisung: Erkläre deine Weltsicht, aber berufe dich nicht auf „Gott“ oder „die Bibel“, sondern auf deine Gefühle; tausche das Wort „Teufel“ wahlweise durch „Patriarchat“, „Kapitalismus“ oder „Männer“ aus und benutze dabei so viele englische Therapiebegriffe wie möglich.

Tadaaa, das Ergebnis ist jeder linke Soziologe in jeder Talkshow jemals. Schwieriger wird es dann, wenn man versucht, sich zu erklären, warum die Linke gleichzeitig so hypersexuell ist. Doch was unterdrückte Sexualität anrichten kann, beobachtet man ja auch in sehr streng religiösem Umfeld öfter mal. Allerdings endet das eher selten mit Paraden, auf denen erwachsene Menschen an Hundeleinen durch die Öffentlichkeit geführt werden.

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Was aber klar ist: Sex, der ästhetisch, möglicherweise noch „heteronormativ“ ist, geht gar nicht. Am Ende kommen heterosexuelle Cis-Männer noch auf falsche Gedanken. Das kann man nicht nur in seltsamen Netflix-Sendungen oder im ZDF beobachten. Auch in der Presse ist der Versuch, Sex auf vermeintlich intellektuelle und politisch korrekte Weise zu verkaufen, ein täglicher Kampf um die Auflage. Zu auffällige Klatschgeschichten vergraulen die Bildungselite, die sich die gedruckten Zeitungen und Magazine doch nur kauft, um im ICE schlau und mysteriös auszusehen. Selbst die Bild muss ja schon seit einigen Jahren ohne Bild-Seite-1-Girl auskommen.

Dieses Dilemma hat in vielen Medienhäusern zu einer ganz besonderen neuen Artikelsparte geführt. Ich fasse sie mal zusammen als die „Fremdgeher-Ratgeber“. Diese Artikel haben Sie bestimmt schon mal gesehen: „Ich bin seit 30 Jahren verheiratet – und gehe fremd“, „Warum Sex mit einem anderen Mann meine Ehe gerettet hat“, manchmal aber auch so was wie „Ist unsere Ehe bereit für einen Dreier?“ Sie sind eigentlich immer aus der Perspektive einer Frau geschrieben – wahrscheinlich, weil sich ein fremdgehender Mann nicht so schön romantisieren lässt – und natürlich immer hinter der Bezahlschranke. Es ist quasi der Dr. Sommer für Erwachsene.

Der Spiegel hat offenbar seine eigene Masche gefunden – nach Till Lindemann jetzt das Ulmen-Fernandes-Drama. Es sind Schilderungen von sexualisierter Gewalt, die, angereichert mit schmutzigen, boulevardesken Details, maximal aufgebauscht werden – und von denen am Ende dann nicht mehr so viel übrig bleibt. Die Lindemann-Story ist völlig in sich zusammengefallen. Ob das Gleiche mit den Vorwürfen passieren wird, die Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann erhoben hat, wird sich noch zeigen müssen.

Ich will mich inhaltlich auch nach den vielen Geschehnissen und Entwicklungen der letzten Woche nicht endgültig zu einer Position hinziehen lassen; dafür wissen wir alle zu wenig – und dafür sind ohnehin die Gerichte zuständig. Und wenn an dieser Geschichte eins klar ist, dann, dass sie bewiesen hat, warum für so was die Gerichte zuständig sind. Egal, ob jedes Wort stimmt oder alles erfunden ist: Die Art, wie der Spiegel die Vorwürfe aufgebaut hat, war von Anfang an nur auf Emotionen, Prangerwirkung und Shitstorm ausgerichtet. Keine gute Voraussetzung, wenn man in einer so heiklen und sensiblen Angelegenheit mit dem Schicksal zweier Menschen spielt, die im Übrigen noch eine gemeinsame Tochter haben.

Es begann schon damit, dass man sich ganz bewusst dafür entschieden hat, die Schilderungen von Fernandes als digitale Vergewaltigung zu forcieren. Selbst wenn man ihr vorbehaltlos glaubt, zwingt einen das in die Position der Relativierung. Dennoch: Nach dem Aufschlag mit der Titelstory hatte Collien Fernandes die öffentliche Deutungshoheit. Ulmen konnte nichts machen, als sich teure und berüchtigte Anwälte zu suchen und sie eine öffentliche Vertretungsanzeige schreiben zu lassen.

Danach konnte man live miterleben, wie schnell die Stimmung wegen schlechter PR und taktischer Fehler auch wieder kippen kann. Es heißt nicht umsonst, dass man die Klappe halten soll, wenn man gerade am Gewinnen ist. Mit Fernandes Klarstellung gegenüber Nius brach ein wesentliches Standbein ihrer Schilderungen weg: Die Bilder, die Ulmen von ihr verbreitet haben soll, seien gar nicht mit KI erstellt gewesen, sondern hätten ihr nur ähnlich gesehen. Seitdem versteht eigentlich keiner mehr so wirklich, was er wie nun genau gemacht haben soll.

Im Spiegel soll das wortwörtlich so zwar auch nicht behauptet worden sein. Ich würde mich aber zu der Behauptung hinreißen lassen, dass kein einziger Teilnehmer der Demonstrationen gewusst hat, dass die Deepfake-Vorwürfe sich nicht auf Christian Ulmen bezogen haben. In der Öffentlichkeit kommen sprachliche Feinheiten in langen Texten nicht sonderlich gut an. Wissen Sie, was der richtige Ort für so was ist? Richtig: Gerichte.

Wenn wir ehrlich sind, hat der Spiegel doch auch genau darauf gesetzt, dass am Ende alles zusammengeschmissen wird. Wer mit so einer Geschichte rausgeht, erwartet keine Differenzierung. Die Vorwürfe haben sich verselbstständigt, wie es von Anfang an vorhersehbar war. Jede Klarstellung von Fernandes wirkt da wie ein Zurückrudern.

Ich glaube, ein weiteres Problem, das viele mit der Fernandes-Story haben, ist, dass sie nicht erzählt, sondern vermarktet wird. Und zwar auf eine so plumpe Weise, dass man regelrecht spürt, wie jemand versucht, einem auf die Tränendrüse zu drücken. Durch die erhobenen Vorwürfe war sie noch ein potenzielles Opfer. Durch ihre Demo-Aufrufe und Forderungen nach Gesetzesänderungen wurde sie zu einer Frau mit einer Agenda. Durch ihre Instagram-Statements, in denen sie ihrem Ex-Mann wiederholt irgendwelche Fetische andichtete, bekam das Ganze dann den üblen Beigeschmack eines Rachefeldzugs.

Themen wie diese sind von Natur aus sehr persönlich. Doch mit jedem „Degradierungsfetisch“ hier und Schilderungen, was Ulmen alles „geil“ gemacht haben soll, da, bekommt die Öffentlichkeit Details, die weniger die Empörung und mehr die Sensationsgier ansprechen. Es wird unappetitlich und pervers. Aber genau das verkauft sich. Und man spürt förmlich, wie sich das zur Hauptmotivation entwickelt: noch ein Instagram-Post, noch eine Demo, sogar mit schusssicherer Weste, noch ein Talkshow-Auftritt. Bloß nicht die Aufmerksamkeit verlieren – auch wenn man dadurch seine Glaubwürdigkeit verliert.

Dabei bringen die Widersprüche ihre Geschichte noch nicht völlig zum Einstürzen. Ich glaube ihr, dass sie grundsätzlich Opfer übler Verleumdung geworden ist. Es gibt jetzt jedenfalls keinen Grund, annehmen zu müssen, dass sie sich das seit Jahren ausdenkt. Ulmen selbst hat die Vorwürfe im Kern nicht bestritten. Das ist kein Schuldeingeständnis; niemand ist verpflichtet, sich vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Niemand muss seine Unschuld beweisen. Doch wenn Fernandes einfach ruhig geblieben wäre, hätte sie in der öffentlichen Meinung auch moralisch die Überhand behalten können.

Ich will nicht unterstellen, dass hier bewusst die „Sex sells“-Strategie eingesetzt wird. Aber hätte Ulmen die Identität seiner Frau heimlich ausgenutzt, um im Rahmen eines illegalen Schneeballsystems Staubsauger zu verkaufen, hätte das wohl niemanden hinterm Ofen hervorgelockt. Außer der Stadt Detmold vielleicht.

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