„Bildung“ als Deckmantel der Einfallslosigkeit
In den Medien will man von den Plünderungen ablenken und den friedlichen Demonstranten zuhören. Aber haben die uns überhaupt etwas zu sagen?
Seit frühester Kindheit war es eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, auf Spaziergängen meine Umgebung im Blick zu behalten und zu kommentieren. Bereits vom Kinderwagen aus verstand ich es etwa als meine sehr wichtige Aufgabe, meine Eltern lückenlos über vorbeifahrende Autos zu informieren. Folgerichtig waren Wahlen vor allem deshalb für mich schon früh interessant, weil damit bunte Plakate einhergehen, die an jeder Straßenlaterne hängen und darauf warten, sachgerecht analysiert zu werden.
Aus dieser langjährigen Faszination für Wahlplakate heraus haben sich auch eine gewisse Erfahrung und Expertise auf diesem Gebiet entwickelt. So komplex ist das ja auch nicht, ein Muster lässt sich schnell erkennen. Es gibt zwei absolute Dauerbrenner, die in keinem Wahlkampf bei keiner Partei fehlen dürfen: Fotos von Krankenpflegern und die Forderung nach besserer Bildung. Die Politik ist ja auch schon anstrengend genug, da kann man es sich auch mal unkompliziert machen. Beides sind Themen, die unpolitisch sind und garantierten Zuspruch bei so ziemlich jedem Menschen in ganz Deutschland bedeuten. Wer ist schon gegen Bildung oder Pfleger?
Wenn wir nun also Zeugen von ziemlich inhaltsleeren Protesten einer Bewegung werden, die keine konkreten Forderungen stellt, eigentlich nur Trittbrettfahrer eines ähnlich inhaltslosen Phänomens aus Frankreich ist und zum großen Teil einfach als Deckung für die Begehung von Straftaten herhält, und sich diese Bewegung dann „mehr Bildung“ auf die Fahnen schreibt, kann man nur lachen. Dass die Schulen als Deckmantel für Einfallslosigkeit herhalten müssen, ist ja nun wirklich nichts Neues. Schön, dass die Jugend manche Traditionen noch aufrechterhält.
Wenn nun Schule und Bildung wieder so im Fokus stehen, kommen unweigerlich die Erinnerungen an die eigene Schulzeit hoch. Ich musste schon bei den Protesten in Frankreich an mein erstes Jahr Lateinunterricht denken. Wir hatten damals die Wahl zwischen Latein und Französisch. Wir „Lateiner“ wurden damals von den „Franzosen“ immer damit aufgezogen, dass wir uns so viel Mühe machen, nur um eine tote Sprache zu lernen. Aber gebt Paris noch fünf Jahre und dann sehen wir, wer zuletzt lacht.
Schon als ich noch in der Schule war, stand auf den Wahlplakaten „Mehr Geld für Bildung!“ oder „Keine Kürzungen bei unseren Schulen!“. Das Problem war aber eigentlich eher, dass das Geld nicht wirklich sinnvoll ausgegeben wurde. In einem völlig heruntergekommenen Geografieraum wurde bei uns eine total tolle Hightech-3D-Technologie eingebaut. Dafür hatte unsere Schule zwei Filme angeschafft: einen Film über den Dschungel und einen über die möglichen Folgen des Klimawandels, in dem der überschwemmte Eiffelturm dann besonders eindrucksvoll hervorstach. Hatte eine Klasse beide Filme gesehen, war das Repertoire aufgebraucht.
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Ich wäre damit zufrieden gewesen, diesen ganzen Technik-Schnickschnack sein zu lassen und klassischen Unterricht mit Tafel und Kreide zu machen. Die ganzen Hightech-Technologien und die zwei Lehrer, die sie bedienen konnten, wurden eh nur hervorgekramt, wenn mal höherer Besuch kam. Diese ganzen Projekttage, an denen man uns erklärt hat, dass die EU supertoll ist, weil man dann im Urlaub keinen Pass mehr braucht, oder dass es stromsparender ist, Wasser im Wasserkocher statt in der Pfanne zu erhitzen, hätte ich liebend gerne gegen ganz normalen Unterricht eingetauscht. Mit mehr Geld hat das wenig zu tun.
Vielleicht eignet sich das Schulthema auch deshalb so gut als Feigenblatt: Jeder kann sich noch an quälende Schultage und unfähige und ungerechte Lehrer erinnern und könnte natürlich alles viel besser machen. Wenn dann jemand behauptet, dass die Lage in den Schulen heute immer noch schlecht ist, glaubt man das sofort. Das hat aber nicht nur mit eigenen schlechten Kindheitserinnerungen zu tun, sondern auch damit, dass sich die aktuellen politischen Probleme natürlich auch auf die Schulen durchschlagen. Wahlplakate, auf denen gefordert wird, dass Kinder Deutsch können, wenn sie in die Schule kommen, gab es in meiner Schulzeit noch nicht.
Doch um solche Probleme, die sich in Statistiken und internationalen Vergleichen tatsächlich widerspiegeln, geht es bei diesen Protesten nicht. Worum genau, weiß man aber auch nicht. Es werden Palästina-Fahnen geschwungen, Protest gegen die Wehrpflicht eingebracht und den Kapitalismus findet man natürlich auch richtig schlimm. Auf den Fotos der Proteste sieht man erstaunlich viele hobbylose Rentner und alle linken Antifa-Verbände schwenken ihre Fahnen. Die Mühe, auch nur alibimäßig ein Pappschild zu malen, hat man sich gar nicht erst gemacht – zu viele Hausaufgaben wahrscheinlich.
Die großen Plünderungen, die mit den Protesten einhergehen – was natürlich niemand ahnen konnte –, schützen die Demonstrationen also. Nicht nur vor der Bedeutungslosigkeit, sondern auch davor, sich erklären zu müssen. So berichten alle Medien in erster Linie über die Plünderungen. Dann kommen die ganz verständnisvollen Journalisten um die Ecke, die mahnen, man solle doch nicht vergessen, dass ganz viele auch friedlich protestiert haben. „Die setzen sich für Bildung ein, das ist doch ist ein ernsthaftes Anliegen!“
Alle stimmen zu, dass das ein ernsthaftes Anliegen ist, denn natürlich tun sie das. Und weitere Informationen braucht es nicht. Man fühlt sich ja jetzt schon ganz toll, weil man sich nicht von populistischer Berichterstattung hat täuschen lassen. Welche Forderungen denn jetzt genau rechtfertigen, die Schule zu schwänzen, will man da gar nicht mehr wissen. Gleichzeitig werden dadurch die Plünderungen verharmlost, denn auch hier sind ja nur arme Seelen am Werk, die ihren Wunsch nach mehr Bildung einfach nur nicht richtig ausdrücken können. Und Bildung ist doch ein ernsthaftes Anliegen!
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