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Die jetzt veröffentlichten Epstein-Akten geben Einblick in die Abgründe des Epstein-Netzwerks – und lassen doch so viel im Nebel. Sie zeigen etwas Grundsätzliches.

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Ein deutscher KI-Forscher schrieb 2017 an seinen Protégé, dass Epstein Frauen zwar nicht besonders zu mögen scheine, sich aber zu ihnen hingezogen fühle, „so lange sie nicht zu frauenhaft sind“. Ein anderer schreibt an Epstein, wie toll er die gestrige Nacht fand und dass das „kleinste Mädchen“ besonders unartig gewesen sei. Epstein schreibt einem anderen Bekannten, wie sehr er das „Foltervideo“ geliebt habe.

Es geht um merkwürdige Mailverläufe in Codesprache, dann ist von „Pizza-Partys“ die Rede, wobei Pizza ein einschlägiges Codewort für Kindesmissbrauch ist. Kurz zuvor schickte man sich Videos von knapp bekleideten, tanzenden Mädchen vor der Pubertät. Der Harvard-Professor Martin Nowak schreibt an die Epstein-Freundin Ghislaine Maxwell, dass es ihm „unendlich leid“ tun würde, was am Vortag geschehen sei, und fügt hinzu: „Ich bin so froh, dass ich niemanden getötet habe.“

Nachrichten wie diese prägen das Bild der Epstein-Files, es gibt Hunderte, vielleicht Tausende davon. Sie können manchmal alles und manchmal nichts bedeuten; Einzelnes kann man vielleicht als schrägen Witz oder Prahlerei der Macht oder Epsteins Erpressungsmethode abtun, konkrete Täter kann man nur selten ausmachen. Insgesamt aber gewähren diese Dokumente einen Blick in einen Abgrund bar jeder Vorstellungskraft. Es ist ein Umriss im Nebel, der so scharf, so groß und so dunkel ist, dass ihn niemand mehr bestreiten kann.

Große Figuren, Unternehmer und Politiker, Schauspieler und Adlige, Journalisten und Künstler feiern mit oder bei Jeffrey Epstein, und sie alle wissen, dass er bereits zuvor wegen der Prostitution von Minderjährigen verurteilt wurde und als Sexualstraftäter geführt wird. Einige haben ihm direkt zu seiner Freilassung 2008 nach einem äußerst milden Deal gratuliert: Sie nennen das „Liberation Day“ („Tag der Befreiung“).

Jahrelang wurde die Affäre Epstein immer auch als Verschwörungstheorie abgetan, mit Verweis auf die Gefahren der rechten „QAnon“-Bewegung, die von geheimen Kinderschänderringen im Establishment ausgeht. Spätestens mit der letzten Salve der Epstein-Files ist das anders. Manch einer möchte sie politisch nutzen. Der grüne Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz – zudem stellvertretender Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums der deutschen Nachrichtendienste – twittert etwa: „Die Epstein-Akten sind ein entsetzlicher und ekelhafter Abgrund, der zwingend aufgeklärt gehört – in den USA und in Europa. Unüberhörbar ist das dröhnende Schweigen der AfD zu den #EpsteinFiles“.

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Dabei lässt sich das Epstein-Netzwerk kaum politisch kategorisieren: In ihm war der rechte Stratege Steve Bannon genauso vertreten wie der linksintellektuelle Heilige Noam Chomsky; neben Begegnungen mit Donald Trump war gerade auch Bill Clinton wie kaum ein anderer involviert – inklusive Pool-Fotos mit Ghislaine Maxwell –, Bill Gates ist verwickelt, und Peter Thiel war in Kontakt mit Epstein. Selbst Fidel Castro traf sich über fünf Stunden mit Maxwell, über die sie Jeffrey Epstein persönlich berichten wollte. Direkteste Folgen hat der Skandal für den britischen Labour-Politiker und Tony-Blair-Vertrauten Peter Mandelson, der Epstein offenbar auch mit Insiderinformationen über Euro-Rettungspakete versorgte, die für Börsengeschäfte potenziell enormen Wert haben.

Die Epstein-Geschichte kann nicht mit ideologischen Mustern erklärt werden, sie durchbricht alle Schranken: links und rechts, Wirtschaft und Wissenschaft, Medien und Königshäuser auf der ganzen Welt. Für so viele war Epstein der Mann für alle Fälle, der alles zu besorgen wusste, was man gegen Geld nicht kaufen konnte: Zugang, Informationen, Drogen, Ekstase, Sex, auf Wunsch auch mit 14-Jährigen. Dem gelähmten Physiker Stefan Hawking soll Epstein seinen Traum vom Tauchen in einem U-Boot ermöglicht haben.

Bei Epstein zeigen sich Teile der Elite rauschhaft, egomanisch, rücksichtslos, verrückt, triebfixiert. Wer und wie viele in diesem Netz Sex mit Minderjährigen hatten, weiß man nicht; oder wie viele sich Prostituierte zuführen ließen; und wie viele Frauen davon zur Prostitution gedrängt, erpresst und gezwungen wurden. Wir wissen nicht, wie viele Vergewaltigungen es gab, wie viele Mitwisser eingeweiht waren.

Und auch das ist das Merkwürdige an dieser Affäre: Wir ahnen so viel und wissen so wenig. Die Justiz hat beispiellos versagt: Mit einem bizarr-harmlosen Deal kam Epstein nach einer Verurteilung 2008 mit einer hausarrestähnlichen, kurzen Haftstrafe davon und setzte danach sein System ungehindert fort. Unter mysteriösen Umständen gelang ihm dann 2019 im Hochsicherheitsgefängnis der Selbstmord mit einer gebastelten Schlinge, während die Überwachungskameras ausfielen. Ermittlungen und Verurteilungen folgten danach kaum. Erst jetzt, 2026, werden nach massivem Druck die Akten öffentlich. Und einige seiner einstigen Bekannten wie Bill Clinton werden vor den US-Kongress bestellt.

Verrückte Anrufe, wilde Spekulationen und falsche Vorbilder

Die Veröffentlichung der gesamten Epstein-Files ist bizarr: Jetzt wird jeder anonyme Anruf, teils von Verrückten, an eine FBI-Hotline öffentlich, z.B. wirft ein unbekannter Anrufer Trump vor, dass dieser eine Minderjährige in New Jersey im Rahmen einer Epstein-Veranstaltung vergewaltigt habe. Belege gibt es keine. Zehntausende glauben das – alles aufgrund eines einzelnen Anrufs, der schlicht dokumentiert wurde. Auch vollkommen Unschuldige werden mit dem Satz, sie wären in den Epstein-Files genannt, diskreditiert.

Doch dieser Weg der radikalen Transparenz hat einen Grund: Er schien den Mitgliedern des US-Kongresses unausweichlich, denn das Vertrauen in die Justiz, den Fall auch adäquat im Stillen wirklich vollständig zu ermitteln, tendierte gegen Null. Und auch so viele Medien fassten die Geschichte nur sehr distanziert an, fokussieren sich auf eher nebensächliche Promi-Geschichten und lassen damit den wildesten Spekulationen freien Lauf.

Und so bleibt vor allem die mehr als deutliche Andeutung zurück, bei der man nur die Hälfte weiß, sich aber dennoch alles denken kann. Die Dokumente bestätigen den Zweifel daran, ob Schauspieler und Superstars und Spitzenpolitiker wirklich die moralischen Vorbilder einer Gesellschaft sind, als die sie sich gerne im Licht der Öffentlichkeit inszenieren. Viele offenbaren sich stattdessen als von sich selbst überwältigte Verrückte im Kontrollverlust, die ihren komplexbehafteten Trieben und ihren seelischen Abgründen vollständig ausgeliefert sind; die in ihrer Manie das bösartige, narzisstische Infantile offenbaren, grenzenlos, banal und besessen.

Sie zeigen, dass man aus der Zivilisation und der bürgerlichen Gesellschaft, die das menschliche Leben in einigermaßen humanen, einigermaßen moralischen Bahnen und Grenzen halten soll, nicht nur nach unten hin abstürzen, sondern auch nach oben hin abheben kann.

Es zeigt sich auch, dass ein einfaches menschliches Vorurteil nicht unbedingt falsch ist: Dass man ab irgendeinem Punkt, wenn man in höhere gesellschaftliche Sphären aufsteigt, nicht weniger, sondern mehr Verrückte, Soziopathen und Sadisten treffen wird; dass die medialen und politischen Eliten nicht automatisch moralisch überlegen, sondern vielfach psychisch kaputt sind und dass extreme Macht und extremer Ruhm die Menschen korrumpieren und zerstören können oder zerstörte Menschen anziehen. Das, was bei denen sichtbar wird, die ihr Leben im Exzess, in egomanischer, entwurzelter, selbstaufgebender Qual zum Hyper-Erfolg leben, führt in seiner radikalsten Form zu den Abgründen von Little Saint James, von Epstein-Island.

Und vielleicht folgt daraus die Einsicht, dass man diese Mächtigen weniger in ehrfürchtiger Bewunderung verklären sollte, sondern dass die langweilige, bürgerliche Normalität der Mitte der eigentliche Anker der Zivilisation ist.

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13 Kommentare

  • Vielleicht können uns diese Unterlagen, so schlimm und pervers deren Entstehen ist, vom Bösen auf dieser Welt befreien.

    • Es wird immer wieder einen neuen Epstein geben und genug Menschen die von ihm und seinem Handeln Partizipieren !
      Moral Ethik Demokratie Freiheit sind keine Naturgewalten oder Angeborenen Verhaltensweisen . Sie müssen jeden Tag wieder aufs neue Hinterfragt verinnerlicht gelebt und in ihrer Anwendung reflektiert und weiterentwickelt werden !

  • Ehrlich gesagt interessiert mich dies alles nicht besonders.

  • Deutschland
    Schuldig gemacht haben sich nach den Erkenntnissen der Forscher:innen Akteur:innen an allen möglichen Schaltstellen. Nicht nur in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere dem Landesjugendamt, sondern deutschlandweit seien sowohl fachliche als auch fachwissenschaftliche „Expert:innen“,
    darunter hoch dotierte Professoren, und Argumente herangezogen worden, um Kindeswohlgefährdungen zu rechtfertigen, zu vertuschen und sich gegenseitig zu schützen.
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/kentler-war-nicht-allein-missbrauchsnetzwerk-in-der-jugendhilfe-reichte-weit-uber-berlin-hinaus-11258746.html

  • Ich hatte einige Jahre beruflich mit UHNWIs zu tun.

    Einer warnte mich mal davor, Geschäfte mit seinen Konkurrenten zu machen. Die Begründung etwas nebulös: „They’re not nice people!“.

    Als ich nichts dazu sagte, ein Kopfschütteln. Dann der Satz, an den ich immer wieder denken muss:

    „What do I say – we’re all not nice.“

  • „Der grüne Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz – zudem stellvertretender Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums der deutschen Nachrichtendienste – twittert etwa: „Die Epstein-Akten sind ein entsetzlicher und ekelhafter Abgrund, der zwingend aufgeklärt gehört – in den USA und in Europa.“

    So sind sie, die grünen Pharisäer. Als einer der grünen Ober-Gurus der dt. Pädo-Partei würde ich mich an seiner Stelle – Stichwort: Künast, Cohn-Bendit u. a, – nicht so weit aus dem Fenster hängen.

    • Mir ist auch schon immer bei den Grünen aufgefallen wie außerordentlich Interessiert sich weite Teile dieser Menschen anscheinend um die Jüngsten unserer Gesellschaft zu bemühen scheinen .
      Nicht unbedingt die Verbesserung der Qualität und Quantität der Betreuung Bildung und Versorgung scheint das primäre Ziel zu sein sondern ausschließlich Sexuelle Orientierung und Konditionierung .
      Ich bin heute sehr Froh mein Kind schon vor mehr als 20 Jahre ohne den Einfluss dieses Menschenschlages auf diese Institutionen durch das System gebracht zu haben . Das hätten diese „Menschen “ sich auch noch vor 20 Jahren nicht erlauben können !!
      Auch auf diesem Gebiert haben wir als Mündige Bürger kläglich beim Schutz unserer Jüngsten mal wieder versagt !
      Jedes Land bekommt die Regierung die es verdient !!

  • Durch die Geheimdiensttätigkeit von Epstein wurden die Missbrauchsfälle über viele Jahre bewusst vertuscht. Deshalb sollte gerade zuerst hier bei den Ermittlungen angesetzt werden. Besonders spannend sind die Beziehungen zu Gates und die Aussagen von Epstein zur Ukraine (J. Brunel, Partner Epstein)

  • Und wieder ist eine Verschwörungstheorie „Q“ (mehr oder weniger) wahr geworden.

    • Wisst ihr noch, wie Mel Gibson damals in Ungnade gefallen ist? Alle dachten, er sei verrückt geworden.
      Inzwischen halte Ich sogar Hillary Clinton und ihr Pizzagate für realistisch.

  • Wie moralisch verkommen muss man sein, um wie Konstantin von Notz den Kindesmissbrauch des Epstein-Ringes politisch gegen die AfD (die absolut gar nichts damit zu tun hat) zu instrumentalisieren.

    Nicht nur „die Epstein-Akten sind ein entsetzlicher und ekelhafter Abgrund“, die Grünen sind es ebenso.

  • Leider ist es unmöglich, hier einen Kommentar abzugeben der die wahren Schuldigen benennt, ohne das der Staatsschutz klingelt. Man sollte sich nur überlegen ob das was man so an Freund/Feind-Schemata speziell in D liebevoll hegt und pflegt am Ende so sinnvoll ist…

    • Football Players?

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