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Immerhin: Die 99 Prozent wird die SED diesmal verfehlen

Berlin wählt und die Linkspartei könnte ihren bisher größten Triumph einfahren. In meiner Familie weiß man, wohin so etwas führt.

IMAGO/Anadolu Agency

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Es ist tatsächlich passiert. An einem Samstag vor zwei Wochen hatte ich es eilig. Ich hatte zu einer völlig unmenschlichen Zeit (9 Uhr, aber an einem SAMSTAG!) einen Termin, hätte beinahe verschlafen und rannte zur S-Bahn-Station. Von Weitem sah ich zwei Dinge. Zuerst: einen Infostand der Linken mit zwei Parteimitgliedern, die sich so positioniert hatten, dass kein ungehindertes Vorbeikommen möglich war. Dann, als ich etwas näher herangerannt kam: dass die S-Bahn, die an der Station stand, sich bereit zum Aufbruch machte. Ich entschied also, dass sich das Laufen jetzt nicht mehr lohnte. 

Außer Atem, immer noch zielstrebig und zügig gehend und sehr darauf bedacht, keinen Blickkontakt aufzunehmen, wollte ich gerade an dem Stand vorbeieilen, um zumindest die nächste Bahn noch zu bekommen, als mich einer der beiden doch tatsächlich fragte, ob ich nicht mehr über seine Partei erfahren wolle. An einem ruhigeren Tag hätte ich vielleicht etwas weniger ungehalten reagiert. Ich habe nichts Strafbares gesagt oder getan! Nur den Herrn zum selbstkritischen Hinterfragen seiner Menschenkenntnis eingeladen, allerdings vielleicht etwas lauter als in normaler Sprechlautstärke.

Wenn Sie das hier lesen, habe ich wahrscheinlich schon gewählt. Es sei denn, Sie gehören zu den frühen Vögeln, die an einem Sonntag um 6 Uhr morgens schon wach und politisch interessiert sind. Ich habe auch heute wieder einen Terminkalender, der voller ist, als mir lieb ist, doch weder Briefwahl noch gar nicht zu wählen stehen für mich zur Debatte. Dann muss ich da eben um 8 Uhr morgens antanzen. Mal schauen, ob Oma Erna mit seniler Bettflucht und ich dann auch den Schlüsseldienst rufen müssen, wie es in einigen Fällen in Hannover nötig war, wo Wahlhelfer am Tag der Kommunalwahlen verschlafen hatten. 

Die Wahl ist geheim und soll es auch bleiben. Dass ich aber jedenfalls nicht die Linke gewählt habe, brauche ich wohl nicht geheim zu halten. Der Grund dafür sind nicht die ewigen Gehwegbelästigungen, die man in Berlin in den letzten Wochen durch diese Partei erleiden musste und denen ich bereits eine Ansprache in meiner Kolumne gewidmet habe. Nein, der Grund ist, dass ich meinen Eltern oder meiner Großmutter danach wohl nicht mehr in die Augen schauen könnte, und am Grab meines Großvaters bräuchte ich mich erst gar nicht blicken zu lassen. 

Mein kleiner Bruder und ich bilden die kleine Minderheit in unserer Familie, die die DDR nicht erlebt hat. Ich bin die Erste, die in eine Demokratie geboren wurde. Das habe ich hier schon oft geschrieben, weil ich es mir aber auch oft selbst wieder vor Augen führe. In meiner Generation nimmt man Freiheit und Wohlstand sehr gerne für selbstverständlich. Im Westen ist das klar, bereits ihre Eltern kannten immerhin schon nichts anderes. Doch so lange ist es noch nicht her. Wir sind gerade einmal die erste Generation, in der alle Deutschen nichts anderes als Demokratie kennen. 

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Der Grund, weshalb es mich aber so prägt, ist auch, dass meine Eltern es mich nie haben vergessen lassen. Es gehört nämlich auch zur Wahrheit dazu, dass es ziemlich nervig ist, Eltern zu haben, die in einer Diktatur gelebt haben. Man kann sich als Kind nie so richtig beschweren, weil sie immer Geschichten haben, die alles toppen. Wenn man nichts vorzubringen hat, was „Freiluftgefängnis, in dem auf das Verlassen des Landes die Todesstrafe stand“ überbietet, dann muss man wohl einfach einsehen, dass man es doch ganz gut hat. 

Immer wenn wir auf Ausflügen auf der Autobahn durch Deutschland über die ehemalige Grenze gefahren sind, hatte mein Vater den gleichen Spruch: „Peng! Jetzt wärt ihr damals erschossen worden“. Wie Sie sich vorstellen können, war unser Familientrip in Berlin sehr martialisch. Ich will mich aber nicht beschweren. Die wirkliche Bedeutung von Freiheit, Wohlstand und Demokratie ist mit das Wertvollste, was meine Eltern uns beigebracht haben. Niemand wird leugnen, dass diese Werte Bedeutung haben, doch die wenigsten fühlen es wirklich. Das vielleicht Tragischste an der menschlichen Wahrnehmung ist wohl, dass wir die Dinge nie wirklich zu schätzen wissen, bis wir sie verlieren. 

Die Wahl in Berlin ist inmitten des Wahlkampfes in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern völlig untergegangen. Es ist ja auch nur unsere Hauptstadt, in der heute die Partei gewählt werden könnte, die damals dafür gesorgt hat, dass man das Überqueren der Mauer nicht überlebt hätte. Nicht so schlimm, die heißt ja jetzt anders. Außerdem hat sie gesagt, dass ihr das von damals schon irgendwie leidtut und dass sie das nicht mehr machen will. Überhaupt liegt ihr Fokus auch gerade mehr darauf, Juden zu hassen und es Israelkritik zu nennen. Also schauen Sie lieber wieder auf Ulrich Siegmund, hier gibt es nichts zu sehen!

Der Wahlsieg der Rechtsnachfolgerin der SED in Berlin wäre wahrlich historisch, doch auf einem Spiegel-Cover würde man davon wohl nichts erfahren. Es hat nicht einmal eine Generation gebraucht, bis man vergessen hat, was diese Partei so vielen Menschen angetan hat. Heute fragt man sich doch bereits, warum die Linke überhaupt anders behandelt werden sollte als die anderen Parteien. Auch in der CDU gibt es vermehrt eine Aufbruchsstimmung, sich der Linken anzunähern. Alles natürlich im Kampf für die Demokratie. Es gibt in den Parlamenten in Deutschland gerade genau eine Partei, die sich offiziell und rechtlich als Nachfolgerin einer Partei versteht, die in einem Unrechtsstaat geherrscht hat. Die für den Tod und das Leid von Menschen verantwortlich war. Für die ein freies, demokratisches Deutschland der erklärte Feind war. 

Als Kind war die Wahl etwas Besonderes. Wir mussten uns alle gut anziehen und dann einen sehr wichtigen Sonntagsspaziergang machen. Unsere Eltern sind immer zur Wahl gegangen. Und sie haben uns immer mitgenommen. Und sie haben uns von den Wahlen von früher erzählt oder vielmehr davon, dass man keine hatte. Jetzt bin ich erwachsen und muss diesen wichtigen Spaziergang alleine machen. Er ist heute noch wichtiger als sonst. Ich lebe heute in Berlin, einer Stadt, die meine Eltern früher nur zum Teil betreten konnten. 

Ich wohne nicht allzu weit von der Mauer entfernt, sie zu überqueren ist für mich alltäglich und ich denke nicht mehr wirklich daran. Doch manchmal, wenn metallene Linien auf der Straße an den Verlauf der ehemaligen Grenze erinnern, denke ich: „Peng! Jetzt wärst du damals erschossen worden.“ In dieser Stadt will eine Partei, die meinen Verwandten und so vielen anderen Menschen über Jahrzehnte eine Stimme verwehrt hat, dass ich sie wähle. Meine Aufgabe ist es, das nicht zu tun. Ich hoffe, dass sich Berlin heute nicht aufgibt. Doch selbst wenn, ist die letzte kleine Genugtuung wenigstens das: 99 % wird sich die SED heute nicht wieder zuschreiben können. 

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15 Kommentare

  • „Die Linke“ ist laut Eigenaussage nicht nur eine Nachfolgepartei oder Rechtsnachfolgerin der alten SED.
    Sie IST juristisch die mehrmals umbenannte und mit dem WASG fusionierte SED.
    „Die Linke“ = SED.

    „An Eides Statt erklärte Bundesschatzmeister Karl Holluba:
    „,Die Linke‘ ist rechtsidentisch mit der ,Linkspartei.PDS‘, die es seit 2005 gab, und der PDS, die es vorher gab, und der SED, die es vorher gab.“
    https://www.welt.de/politik/article3649188/Prozess-Die-Linke-Wir-sind-Rechtsnachfolgerin-der-SED.html
    (niicht vom juristisch fehlerhaften Titel täuschen lassen)

    Es hätte in der Tat einen seltsam-ironischen Twist, wenn die Berliner sich für die Partei entschieden, die seinerzeit die Mauer um Berlin gebaut hat.
    https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/60-jahre-mauerbau/

  • 99,5 % werden es zwar nicht, aber auch bei dieser Wahl in Berlin wird sicherlich ein wenig „nachgeholfen“, damit der Sozialismus den Endsieg feiern kann.

  • Ha! Vor Acht fertig gelesen!

  • Ein Freiluftgefängnis wird es in Zukunft wohl nicht geben, aber das Vermögen der schon länger hier lebenden wird sich demografisch auf immer weniger Menschen verteilen. Eine demokratische Umverteilung ist unausweichlich. Wer in ferner Zukunft noch ins Ausland wegziehen möchte sollte mit einer erheblichen Wegzugsbesteuerung rechnen. So gesehen darf man wohl im Gegensatz zur DDR in Zukunft noch auswandern, aber vermutlich nicht mehr alles mitnehmen.

  • Linke, Linke, Popinke.

    Was sehr viel erschütternder ist, ist dass es in Berlin-Mitte kein Spaghetti-Eis gibt! Vollständig absurd. Ne schöne Kugel Huflattich-Tofu im Jutehörnchen, dass kriegen se da an jeder Ecke – aber Spaghetti-Eis, komplette Fehlanzeige. Begründung: Nee, wir sind ja hier in Mitte.

    Dieses Erlebnis mag jetzt so 6 bis 8 Jahre her sein. Da war mir schnell klar, Berlin ist ein absurder Moloch.
    Daheim in meiner Stadt, wie vermutlich in jeder anderen Stadt der Welt, nimmt die Spaghetti-Eis-Dichte Richtung Stadtmitte massiv zu.

    Liebe Frau David, wenn Sie wirklich was verändern wollen, dann stellen Sie sich mit einem Schild auf dem geschrieben steht „Ich fordere Spaghetti-Eis für Mitte!“ mitten nach Mitte und senden mir ein Foto davon!

    • Das kann daran liegen, dass die klassschen italienischen „Gewerbetreibenden“ längst von der Mafia aus Politik, Gerichten und Clankriminellen vertrieben wurden.

  • Die SED feiert also Auferstehung mitten in Berlin, und die woke Hauptstadtclique applaudiert frenetisch. Es ist ein historischer Witz: Da klopfen einem die Mauermörder-Nachfolger am Infostand auf die Schulter, faseln von Integration und fischen in arabischen Parallelgesellschaften nach Stimmen.

    Die CDU kuschelt schon mit den Linken, alles im Namen der Demokratie. Die 99 Prozent holen sich die Genossen zwar nicht, aber für Berlin reicht der Irrsinn allemal.

  • Wenn ich der Linken zuhöre, geht es heute bei der Berlin-Wahl eindeutig um Gaza und die restliche Welt der Muslime, aber nicht um die deutsche Hauptstadt, und wie man sie z.B. gegen linksterroristische Infrastrukturanschläge konsequent schützt.
    Dass mehr über Meck-Pomm als über Berlin berichtet wird, liegt einfnach an der völlig besoffenen AfD-Fixierung in diesem Land. Allen ist wichtiger, wie dort AfD und CDU abschneiden, als wer künftig die Hauptstadt regiert. Dabei sind in Berlin fast doppelt so viele wahlberechtigt.
    Viel Erfolg nachher beim Wählen! 🙂

  • Sehr geehrte Frau David,
    ich kann so gut nachvollziehen, wie die Geschichte gewordene Erfahrung ihrer Eltern ins Leben der nächsten Generation verankert wurde! Meine Eltern waren Vertriebene aus Schlesien und haben dieses transgenerationale Päckchen an mich weitergegeben. Ist das nun Schatz oder Ballast?

  • In der Tat ist es erschreckend, was in Berlin erneut heranwächst. Wie viel Leid und Unrecht ging in den letzten 200 Jahren von dieser Stadt und dem dort ansässigen Personal aus. Liegt es an der Berliner Luft?

    Für den aufkeimenden und durch links-grün beförderten Antisemitismus schämt man sich aus der Ferne fremd. Und dennoch werden zig-Tausende Berliner genau dieses Programm wählen und halten sich gleichzeitig als Teil der besseren Gesellschaft, welche angeblich tolerant und weltoffen ist.

    Das ist nicht mehr lächerlich, sondern einfach nur ekelhaft!

  • Es ist erschreckend, welche Mischpoke sich in dieser Stadt im Laufe der Jahrzehnte eingenistet hat. Wie lange werden da wohl Resozialisierungsprogramme brauchen, um daraus wieder eine halbwegs zivilisierte Zone zu machen? Um das Wort Entgrünifizierung einmal zu vermeiden. Es wäre wohl leichter und billiger, eine Mauer drum zu bauen.

  • Na ja. In Sachsen-Anhalt hat die SED schon fast 60% geschafft.
    Es wird schon noch, liebe Arbeiter und Bauern von der AfD, Linke und BSW, die Ihr Euch zwar gegenseitig hasst wie die Pest, aber doch alle von der selben Wurzel genährt werdet: der DDR.

    -18
    • Wie kommentiere ich das nett? Schwachsinn! Nett genug für diesen Kommentar.

      Bin AfD-Mitglied. Geboren in Stuttgart. Christ. Konservativ. Wir in der AfD haben tausende Mitglieder, die durch die SED gequält wurden. Was soll diese Einordnung?

      • Es ist Gerdolfo. Er ist mittlerweile beim 2. Kasten Sterni……Ein einsamer Mensch, ohne soziale Kontakte….

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