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Modernisierung der Testbasis

Wie China neue Kernwaffentests vorbereitet

60 Jahre nach den ersten Atomwaffentests modernisiert China die Wüstenbasis Lop Nur, baut Röhren, Tunnel und errichtet neue Infrastruktur – alles, um bereit für neue Nukleartests zu sein. Dabei geht es womöglich auch um die Entwicklung kleinerer Atomwaffen, für dessen Einsatz die Hemmschwelle niedriger ist.

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Vor knapp 60 Jahren fanden die ersten chinesischen Atomwaffentest in der Militärbasis Lop Nur im Westen des Landes statt. Lop Nur liegt völlig abgeschieden in einer kargen Wüstenlandschaft. Doch zuletzt sei wieder Leben rund um das Testgebiet entstanden, berichtet die New York Times und sieht darin einen starken Beweis, für Chinas Bestrebungen, nukleare Waffen der neuesten Generation zu testen.

Ausschlaggebend für die Vermutungen der Journalisten sind Satellitenbilder der vergangenen Jahre, auf denen neuangelegte Infrastruktur und eine Erweiterung der Hauptbasis zu erkennen ist. Auch die früher für Waffentests genutzten horizontalen Tunnel in den Bergen, die die radioaktive Strahlung der Waffen abschirmen sollen, scheinen bearbeitet zu werden. Hinzu kommen neue Eingänge in die Berge, die laut NYT auf eine mögliche unterirdische Testbasis hinweisen.

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Mehrere Beamte in führenden Positionen beobachten das Geschehen in Lop Nur besorgt. „Russland als auch die USA haben ihre Testgelände weiter betrieben – aber nicht in dieser Form“, meint Siegfried S. Hecker, ehemaliger Direktor des Los Alamos Waffenlabors. Die NYT führt aus, Experten sehen eine Modernisierung der Testbasis in China und warnen vor einem atomaren Wettrüsten und einem neuen Zeitalter nuklearer Rivalität.

China weist Anschuldigungen als „unverantwortlich“ zurück

Auch die amerikanischen Geheimdienste verfolgen das Geschehen in Lop Nur aufmerksam. Denn die Errichtung neuer Infrastruktur sei zwar eindeutig, deren Zweck könne man allerdings noch nicht sicher bestimmen. Womöglich geht es aber darum, bereit zu sein, eigene Tests zu starten, sollten etwa Russland und die USA wieder mit Atomtests beginnen. Putin hatte erst vor wenigen Monaten die Rücknahme der russischen Ratifizierung des Kernwaffenteststopp-Vertrags verkündet.

In Lop Nur wird bereits jetzt viel Aufwand betrieben, um die Militärbasis funktionstüchtig zu machen – China möchte schnell reagieren können und modernisiert deswegen das ehemalige Testgebiet. Auf eine Anfrage der NYT nannte das chinesische Außenministerium die Behauptungen eine „Beschwörung der nuklearen Bedrohung durch China“ und wies die Befürchtungen als „völlig unverantwortlich“ zurück.

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Dr. Ronny Babiarz, einst Geheimdienstanalyst, deckte die Veränderung in Lop Nur durch die Auswertung der Satellitenbilder auf und kommt zu einem eindeutigen Schluss: „Die allgemeinen Anzeichen deuten daraufhin, dass China sich auf Tests vorbereitet“, meint er. Klar ist auch, dass China sein Nukleararsenal aufrüstet: Das amerikanische Verteidigungsministerium stellte kürzlich fest, dass das schneller geschieht als bisher angenommen. Aktuell hat das Land gut 500 Atombomben und plant eine Aufrüstung auf 1.000 Stück bis spätestens 2030.

Warum Lop Nur?

Das Testgelände Lop Nur besteht aus mehreren vereinzelt errichteten Zentren und umfasst insgesamt eine Fläche die in etwas so groß ist wie Bulgarien. Damit liegt die Basis auf dem Gebiet des gleichnamigen ausgetrockneten Salzsees in der Region Xinjiang. Die Region ist kaum bewohnt – mit einer Ausnahme: Lop Nur gehört zum autonomen Gebiet der Uiguren, einer überwiegend muslimischen Minderheit, die in den letzten Jahren mit allgegenwärtige Sicherheitskontrollen und massenhaften Verhaftungen durch die chinesische Regierung konfrontiert waren (Apollo News berichtete). Die Uiguren vielen schon den ersten durch den kommunistischen Diktator Mao angeordneten Atomwaffentests zum Opfer und erlitten durch die Tests ab 1964 schwere körperliche Einschränkungen bis hin zum Tod.

60 Jahre später befürchten die Uiguren ähnliche Konsequenzen, sollten tatsächlich wieder Tests in Lop Nur durchgeführt werden. Die NYT bildet heraus, dass die Modernisierungsarbeiten an der Militärbasis interessanterweise seit dem Amtsantritt von Xi Jinping angelaufen sind. Obwohl das Projekt streng geheimgehalten wurde, ermöglichten neue zivile Satelliten erste Einblicke in das Geschehen vor Ort. So konnte Dr. Babiarz aufdecken, wie aus einer 2012 noch maroden Basis mit wenigen Gebäuden innerhalb von nur fünf Jahren ein hochmodernes Testgebiet errichtet werden konnte.

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Bis heute wird Lop Nur täglich erweitert, Infrastruktur wie kilometerlange Straßen oder Landebahnen, ganze Dörfer oder eben Röhren für gezielte Detonationen – nicht nur in den Bergen – wurden bis heute errichtet. Neben den horizontal gebohrten Tunneln entdeckte Dr. Babiarz auch neue, in den Erdboden führende Röhren, die gut 400 Meter tief sein könnten und mit amerikanischen Standards gleichziehen.

Chinas Ziele

Genauso wie Russland und die USA hat China den Kernwaffenteststopp-Vertrag zwar unterzeichnet, aber nicht ratifiziert. Tests wären in Zukunft also möglich. Beginnt einer der Supermächte damit, könnte China sich diese Möglichkeit zunutze machen, um eine Verkleinerung der Waffen zu erforschen.

Die Volksrepublik verfügt bereits über ein beachtliches Atomwaffenarsenal – „aber sie wollen ihre Waffen kleiner machen“, meint der Physiker Richard L. Garwin in der NYT zu neuen Waffen. Bei solchen kleineren Atomwaffen könnten die Hemmschwelle zum Einsatz geringer sein, als bei großen.

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Ein Einsatz taktischer Atomwaffen in begrenzten Ausmaß – keine Großstädte als primäre Ziele, sondern Infrastruktur und militärische Ziele – wäre als ultima ratio selbst in einem Konflikt über Taiwan nicht völlig undenkbar, wenn es um die Bekämpfung von US- und japanischen Streitkräften ginge.

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