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Berliner Schule zum neuen Antisemitismus

„Wenn wir aus Angst schweigen, müssen wir den Namen Anne Frank ablegen“

Neuköllns Bürgermeister besucht eine der wenigen Berliner Schulen, die sich traut, zum 9. November klare Solidarität mit Israel und Juden auszudrücken. Dann kocht auch hier der Konflikt hoch. Ein Besuch. 

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„Es bricht mir das Herz, dass jüdische Schüler zu mir kommen und erzählen, dass sie sich nicht sicher fühlen, sich zu zeigen“, erzählt eine Lehrerin am Rednerpult. Es ist der 9. November am Berliner Anne-Frank-Gymnasium, etwas über 100 Schüler sitzen in der Aula zu dieser Veranstaltung, die sich insbesondere auch mit den Angriffen auf Israel vom 7. Oktober befasst. Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel ist hier, viele Schüler kommen auch aus Neukölln, die Schule selbst liegt in Altglienicke. Die Lehrerin am Rednerpult weiter: „Wenn wir aus Angst schweigen, müssen wir den Namen Anne Frank ablegen“.

Für SPD-Politiker Martin Hikel ist es die erste Veranstaltung an einer Schule zu den Angriffen auf Israel. Die meisten Schulen im stark migrantisch geprägten Süden Berlins schweigen, seit dem 7. Oktober ist Ausnahmezustand. Die Fälle von Krawall, Aktionen und Prügeleien nehmen zu: Die anti-israelische Welle läuft auch und gerade immer stärker in die Schulen. Und diese sind oft hilflos und lassen sich einschüchtern – das Thema wird größtenteils gar nicht angesprochen. Solidaritätsbekundungen sind selten; und jüdische Schüler gibt es in den Schulen von Neukölln, Kreuzberg & Co. sowieso nur noch in wenigen Fällen. Das Anne-Frank-Gymnasium hier ist damit eine absolute Ausnahme, gerade in der Klarheit, mit der hier an diesem Vormittag immer wieder die klare Solidarität mit Israel und jüdischen Schülern ausgedrückt wird.

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Als Martin Hikel seine Eingangsworte sagt, drückt auch er, für einen SPD-Politiker jedenfalls ungewöhnlich deutlich, seine Position aus. Spricht auch über die ungeheuerlichen Vorfälle auf der Sonnenallee. Vor allem eine Botschaft will er aber immer wieder senden: Es seien nur wenige, die so denken, auch in Neukölln. Aber die anderen müssten lauter werden in ihrem Widerspruch, insbesondere jene, die selber sonst pro-palästinensisch sind. Er ruft die Schüler auf: „Wir müssen zeigen, wir stehen hinter Israel und hinter Juden“.

So eine Veranstaltung gibt es nicht ohne große Widerstände, das wird schnell klar. In den ersten Reihen der Aula haben sich Schüler Palästina-Flaggen angeheftet, man murmelt, lacht. Die meisten Fragen der Schüler richten sich dann allerdings auf das Leid der Palästinenser. Von über 10.000 zivilen Opfern ist die Rede, von Jahrzehnten der Unterdrückung, und davon, dass Israel Kriegsverbrechen begehen und „Terror verbreiten“ würde. Die Schüler, überwiegend aus der Mittelstufe, haben sich vorbereitet, lange Fragen aufgeschrieben, sich abgesprochen. 

Martin Hikel antwortet ausführlich auf die Fragen, widerspricht, umschifft und versucht irgendwie immer wieder einen friedlichen Konsens herzustellen. Er betont Israels Recht zur Selbstverteidigung, auch wenn dem jüdischen Staat gerade aus der Menge Kriegsverbrechen im großen Stil vorgeworfen wurden.

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Er bedankt sich aber auch immer wieder, für die „offenen Worte“ der Schüler, ermuntert sie zu diskutieren und verweist auch darauf, dass die Lage vor Ort komplex ist und man von Deutschland aus weder den Konflikt lösen noch Israel das konkrete militärische Vorgehen diktieren könne. Auch Lehrer widersprechen, erklären den historischen Hintergrund – dass nicht Israel palästinensische Friedensangebote ausschlug, sondern dass es immer wieder andersherum war. 

Wenn ihnen ihre Lehrer diese historischen Zusammenhänge erklären, tuscheln einige der pro-palästinensischen Schüler unruhig, machen untereinander Bemerkungen über ihre Lehrer. Dass mehrere Lehrer hier am 9. November einen kleinen Pin einer Israel-Flagge zusammen mit einer Deutschlandflagge tragen, gefällt dieser Gruppe gar nicht. Lehrer hatten erklärt, sie tragen das als Zeichen der Solidarität mit jüdischen Schülern, die den Lehrern von einem Gefühl der Unsicherheit und Einschüchterung berichteten.

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„Ich habe nichts gegen Juden, auf keinen Fall“

Hikel stellt derweil klar: Ja, die Verdrehung von Tätern und Opfern könne „in Teilen auch antisemitisch sein“. Nach mehreren penetranten Fragen zu Palästinenser-Demos, fragt er auch mal zurück: „Wenn im Namen der palästinensischen Flagge Terror gegenüber Israel ausgeübt wird, warum soll ich einen Tag später mit einer Palästina-Flagge rumlaufen? Mit welcher Motivation?“ Eine Antwort darauf bekommt er nicht. Eine Fragestellerin aus dem pro-palästinensischen Lager beteuert „Ich habe nichts gegen Juden, auf keinen Fall“ – und muss dann erstmal kurz lachen.

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Am interessantesten an diesem Vormittag ist der Applaus – bei Solidarität mit jüdischen Schülern ist er brav und verhalten. Bei eher im Rahmen pubertärer Mutproben vorgetragenen Bedenken gegen angeblich israelischen Terror wird gejubelt und gejohlt. Von den etwas über 100 Schülern im Raum ist vielleicht ein Viertel deutlich anti-israelisch. Sie sitzen allerdings ganze vorne und sind doppelt so laut und selbstsicher wie der Rest. Auch das ist sinnbildlich für das Klima an vielen Berliner Schulen – und zeigt, wie wichtig es ist, dass jene lauter werden, die den Mord an Juden nicht in erster Linie relativieren wollen.

Man fragt sich: Wie mag es den Schülern gehen, die am Anfang erwähnt wurden? Juden, die sich nicht mehr sicher fühlen, ihre Identität zu zeigen. Sie werden sich nicht äußern, auch ihre Freunde nicht. Aber immerhin, das Kollegium wird seiner Verantwortung gerecht, widerspricht und zeigt, wo die Schule steht. Und macht damit immerhin hier deutlich, dass jüdisches Leben an dieser Schule noch eine Zukunft hat. Dies muss es geben, „so wie es auch jüdisches Leben in Berlin geben muss“ betont der Neuköllner Bezirksbürgermeister später im Interview mit Apollo News, wo er dann auch offen über das Antisemitismus-Problem an den Schulen spricht.

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Dies sei durch den jetzt laufenden Krieg gegen Israel deutlich größer geworden. Er wisse aus vielen Gesprächen, dass „viele Juden und Jüdinnen sich sowieso in der Stadt gar nicht mehr zeigen“. Auf Schulhöfen gäbe es seit Jahren schon „latent antisemitische Äußerungen“. Dieser Antisemitismus sei erst dann „nachhaltig bekämpft“, wenn jüdische Einrichtungen in Berlin keinen Polizeischutz mehr benötigen, so Hikel. „Bis dahin ist es noch ein sehr, sehr weiter Weg.“

Obwohl die Anne-Frank-Schule kurz vor dem Flughafen Berlin-Brandenburg liegt – und damit außerhalb der Brennnpunkt-Gebiete – ist das alles keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern ein Kampf. Ein Kampf um die Seele der Stadt. Und mehr – denn wie Hikel in Bezug auf die Migrationspolitik sagt: „Neukölln hält der Republik den Spiegel vor. Wenn hier ein Konflikt auftritt, dann tritt er woanders auch bald auf.“
Immerhin: Hier an dieser Schule hat man noch den Mut, diesen Kampf zu führen, an diesem 9. November. 

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