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Tagesschau in einfacher Sprache – Wenn Dumme „Dumme“ für dumm verkaufen

Das neue Format „Tagesschau in Einfacher Sprache“ soll angeblich Menschen helfen, die Sprachbarrieren haben. In Wirklichkeit geht es aber darum, die Zielgruppe an leicht manipulierbarem Pöbel noch etwas zu erweitern. 

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Seit die Tagesschau montags bis freitags jeden Abend um 19 Uhr die „Tagesschau in Einfacher Sprache“ präsentiert, werden Ausschnitte dieser Sendungen beinahe täglich auf den Sozialen Medien diskutiert. Viele begrüßten das Angebot als wichtigen Schritt für mehr Inklusion. Kritik daran wird als ausländer- und behindertenfeindlich abgeschrieben. Doch es geht nicht darum, sich über Menschen lustig zu machen, die tatsächlich auf leichtere Sprache angewiesen sind. Die Sendung legt offen, was die „Medienschaffenden“ des ÖRR von ihren Zuschauern halten – und wie sie selbst die Welt sehen.

Das Konzept der Sendung in einfacher Sprache bezeichnete der Sender als „Vertrauenswürdige tagesaktuelle Nachrichten für alle“. Menschen mit Sprachbarriere sollen „gut recherchierte Informationen“ auf eine Weise vermittelt bekommen, die „wenig Wissen voraussetzt“, damit auch sie „verstehen“.  Oder wie sie in einfacher Sprache erklärt: „In der neuen Sendung werden die Nachrichten erklärt. Und auch schwierige Wörter werden erklärt. Die Texte werden langsam gesprochen. Die Nachrichten sind einfach zu verstehen.“

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Doch verstehen tut man hier absolut gar nichts. Die Beiträge sind nicht fundiert, es ist vollkommen willkürlich, welches Wissen vorausgesetzt wird und wozu die Zuschauer dann plötzlich zu minderbemittelt sein sollen. Durch eine furchtbare Kombination aus nicht zusammenhängenden Hauptsätzen mit Nanoinformationsgehalt, ausschweifenden Erklärungen von Begriffen, die für das Verständnis des Themas eigentlich überflüssig sind, ist es sogar ohne Sprachbarriere teilweise unmöglich, den Beiträgen zu folgen. Vor allem, wenn dann die eigentlichen Inhalte und zum Verständnis wichtigen Informationen einfach weggelassen oder nur extrem oberflächlich gestreift werden.

Zusammenhanglose Sätze als Verständnis-Hilfe?

Als Beispiel einmal die Sendung zum Rücktritt von Malu Dreyer: Es gab da die Chefin vom Bundesland Rheinland-Pfalz, die heißt Dreyer, aber jetzt gibt es die da nicht mehr. Sie hat gesagt, dass sie müde ist. Manche sagen, dass sie krank ist, das hat sie selbst aber nicht gesagt. Sie hat die Krankheit Multible Sklerose. Das ist, wenn die Nerven krank sind und man manchmal Probleme beim Gehen hat. 

Ohne Zusammenhänge zwischen den Sätzen versteht man absolut nicht, was die Autoren einem da sagen wollen. Dreyer selbst arbeitet nicht mehr, weil sie müde ist. Die Behauptung, die arbeitet nicht mehr, weil sie krank ist, ist aber falsch. Aber sie hat aber eine Krankheit. Der gesamte Beitrag besteht aus Widersprüchen. Wie soll jemand, dem nicht mal das Wort „Ministerpräsidentin“ zuzutrauen ist, das bitte nachvollziehen können? 

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„In Deutschland sind viele Autobahnen kaputt. Und viele Brücken von Autobahnen sind kaputt. Reparaturen kosten viel Geld. Aber die Regierung von Deutschland hat gesagt: Wir müssen sparen. Deshalb hat der Minister für Geld gesagt: Jeder Minister muss sparen. Deshalb muss auch der Minister für Verkehr sparen. Zeitungen haben geschrieben: Der Minister für Verkehr spart bei den Autobahnen nämlich.“ 

Kein Erklären, kein Hinterfragen

Schwerwiegender als die grammatikalischen Kuriositäten der Sendung, die hier deutlich werden, sind die inhaltlichen Makel. Der Finanzminister ist nicht der Minister für Geld. Das kann unmöglich die einzige Erklärung sein, die die Menschen über diesen Posten erhalten, wenn man Menschen wirklich informieren will. Vor allem kann man solche halbrichtigen und uneindeutigen Begriffe nicht einfach in den Raum werfen, ohne den tatsächlichen Begriff wenigstens einmal zu nennen. 

Doch das passiert häufig in der Sendung. Man erfindet komplett neue Übersetzungen und Umschreibungen für Begriffe, die man als zu schwer erachtet, erklärt aber nicht ein einziges Mal, welches Wort man da übersetzt. Das geht bei Begriffen wie „Finanzminister“, weil man zumindest die Chance hat, die Bedeutung nachzuempfinden. Doch was genau ist etwa eine „Erlaubnis für Deutschland“ im Zusammenhang mit Einwanderung? Es könnte eine Einreiseerlaubnis sein, ein genehmigter Asyl-Antrag, eine Aufenthaltserlaubnis, die deutsche Staatsbürgerschaft. 

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Der Verfassungsschutz wird teilweise gar nicht als solcher bezeichnet, nicht mal richtig erklärt. In einem Bericht ist nur von „einer wichtigen Behörde“ die Rede. Das ist keine Information, auch keine Erklärung. Man soll einfach der Tagesschau glauben: Wenn sie irgendwas als wichtige Behörde bezeichnen, muss das wichtig sein. 

Keine Erleichterung, sondern Manipulation

Aber an welchem Diskurs kann man denn bitte gleichberechtigt und würdevoll teilnehmen, wenn man nur sagen kann: „Ich hab in der Tagesschau gehört, dass eine wichtige Behörde gesagt hat, dass das ein Problem ist!“? Man will diese Menschen nicht zu mündigen Bürgern erziehen. Sondern zu hörigen. Man freut sich einfach, dass man eine Möglichkeit gefunden hat, die Zielgruppe an leicht manipulierbarem Pöbel noch etwas zu erweitern. 

Das zeigt auch die Sendung zum Jahrestag des 17. Juni 1953: Es wird erklärt, dass es die DDR, die Deutsche Demokratische Republik im Osten gab und es wird erklärt, dass es die Bundesrepublik Deutschland, die BRD gab. Die BRD und die DDR hatten unterschiedliche Regierungen. Das war es mit der Einordnung. Es gibt keine Karte. Auch keine Zeitangaben. Dass die DDR eine Diktatur war, wird nicht erklärt. Auch die Mauer wird mit keinem Wort erwähnt. Die Erklärung zum Aufstand des 17. Juni 1953 ist ebenfalls extrem fragwürdig. 

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Denn das erklärt die Tagesschau so: „Die Menschen in der DDR haben gesagt: Wir können nicht so viel arbeiten, wie die Regierung will. Wir wollen besser leben. Die Regierung von der DDR wollte keinen Protest.“ Sie schickte Soldaten und Panzer. Es starben Menschen. In wenigen Sätzen wird danach das eigentliche Thema abgehandelt: die Gedenkfeier an diesen Tag. Was die Politiker dort gesagt haben, wird nicht wiedergegeben, nur, dass sie dazu etwas gesagt haben.

Gefühle, von denen die Tagesschau gesagt hat, dass man sie haben soll

Was nimmt man also mit? Es gab irgendwann mal die DDR und die BRD, das sind Abkürzungen für Begriffe, die irgendwie gleich klingen. In einem von den beiden wollten die Menschen nicht so viel arbeiten, manche wurden danach umgebracht. Heute haben Politiker dazu irgendwas gesagt. 

Die einzige inhaltliche Information, die nicht in die Unkenntlichkeit „vereinfacht“ wurde, ist die Erklärung, was die Abkürzungen bedeuten. Die DDR zu erklären und dann im Grunde alles wegzulassen, was dieses Land ausgemacht hat und den Aufstand des 17. Juni auf die Botschaft „Die haben gesagt, dass sie nicht mehr so viel arbeiten können“, herunterzubrechen, ist für jeden Beteiligten eine Zeitverschwendung und verwirrt nur unnötig.

Man hat nicht wirklich das Gefühl, dass es der Tagesschau ernst ist, Menschen tatsächlich zu informieren und weiterzubringen. Vielmehr sollen sie auf dem Niveau bleiben, auf dem sie sind. Was die Tagesschau hier tut, kann man nicht als „Informieren“ bezeichnen. Vielmehr handelt es sich hier um ein hinweisen. Man wird darauf hingewiesen, dass es da irgendwas gab. Und dann bekommt man sehr umständlich, in Hauptsätzen angedeutet, worum es grob gehen könnte. Was bleibt ist oberflächliches Halbwissen und die Gefühle, von denen die Tagesschau gesagt hat, dass man sie haben soll. 

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