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Muss das Thalia Theater jetzt abgerissen werden?

Im Thalia-Theater fließen Tränen, weil Rechte auf den Stühlen der Künstler saßen. Doch was ist noch alles passiert? Und was muss jetzt geschehen, um den rechten Geist auszutreiben? Eine satirische Spurensuche.

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Seit die Zeit Mitte der Woche berichtete, welche Schäden der „Prozess gegen Deutschland“ von Milo Rau im Hamburger Thalia Theater hinterlassen hat, sehen sich die Betroffenen weitläufig Häme aus dem rechten bis rechtsextremen Lager ausgesetzt. „Man hört, es seien Tränen geflossen“, heißt es in Berufung auf eine Mitarbeiterin des Theaters im Bericht der Zeit – „weil Rechtspopulisten auf denselben Stühlen saßen, dieselbe Garderobe benutzten und das Theater, ihr Theater, beschmutzt haben.“ Was für andere ein Anlass zur Schadenfreude ist, ist für die Menschen, die in dieser Kulturstätte ihren emotionalen Safe-Space gefunden haben, bitterer Ernst. Wir haben uns im Reportereinsatz vor Ort begeben, um selbst zu sehen, welche Konsequenzen man aus dem Desaster nun ziehen wird.

Es ist nun fast einen Monat her, seit es geschehen ist. Was – das will man hier nicht aussprechen, zu tief sitzt noch der Schock. In den sonst so heiteren Gängen, Sälen und Hallen des Thalia Theaters herrscht jedoch unausgesprochene Einigkeit darüber, dass nun erst mal nichts mehr so sein wird, wie es war. Fast einen Monat später findet nun in dem Saal, in dem es geschah, etwas statt, das auf den ersten Blick wie ein weiterer Schauprozess wirken könnte. In einem Stuhlkreis vor einem einberufenen Komitee des Theaters sitzen verstörte Menschen. Die Klappstühle sind eigens für diesen Zweck vom anliegenden Intersektionalen Queerfeministischen Heuschreckenzüchterverein „Grille statt Grillen e.V.“ angemietet worden – wie die Vorsitzende des Komitees den Anwesenden eingangs mehrmals versichert hatte, war die absolute Nazifreiheit der Stühle vertraglich garantiert worden.

Doch was sich hier abspielt, ist kein Prozess, es ist auch nicht zur Schau. Bei dem Komitee handelt es sich um die Arbeitsgruppe „Bewältigung und Erneuerung“, welche Stammgäste, die zu der Aufführung im Theater gewesen sind, zur Zeugenvernehmung geladen hat. Das Komitee setzt sich zusammen aus der Vorsitzenden Anna Böring aus der Geschäftsführung des Theaters, dem Forensiker Udo Molker, der Datenanalystin Kerstin Möller, dem Diplom-Ingenieur Balduin Schmidt und der Psychiaterin Elke Albers (die Namen wurden von der Redaktion selbstverständlich geändert). Ziel der Arbeitsgruppe ist es, die Spuren der Rechtspopulisten sorgfältig und zuverlässig zu beseitigen, um wieder ein sicheres und unbeschmutztes Umfeld für die Stammkundschaft zu schaffen. Leichter gesagt als getan.

Die Datenanalytikerin Frau Möller ist damit beauftragt, eine KI zur Sichtung der Überwachungskameraaufnahmen auf die Erkennung von Rechtspopulisten zu trainieren. So soll überprüft werden, was die Rechten alles angefasst haben. Nazi-Indizien sind dabei etwa ungefärbte, gekämmte Haare, geschlechterstereotypische Kleidung oder Taschen ohne Juteanteil. Jedoch ist das Videomaterial nicht lückenlos. Insbesondere in den Sanitäranlagen ist man nun auf Zeugenaussagen angewiesen. Ein heikles Thema: Was sich niemand traut auszusprechen, aber jeder befürchtet, ist, dass es sogar zur Toilettennutzung durch Rechtspopulisten gekommen sein könnte.

Da Zeugen nach solchen immensen Stress- und Schocksituationen nur bedingt verlässlich sind, gehen die Ermittlungen nur langsam voran. Zudem ist äußerste Vorsicht geboten, die Betroffenen durch die Fragen nicht zu retraumatisieren. Um ihr psychisches Wohlbefinden während der Befragung sicherzustellen, ist die Psychiaterin Frau Albers in die Arbeitsgruppe berufen worden. Sie ist sonst in der Geflüchtetenhilfe Eimsbüttel Nord tätig und auf Traumabewältigung spezialisiert.

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Nach groben Vorschätzungen ist die infizierte Kontaktfläche, mit der die Arbeitsgruppe es zu tun hat, enorm. Die naive Vorstellung, das könne man durch eine gründliche Gebäudereinigung richten, hat man schon lange aufgegeben. Die Spuren sind sehr viel tiefgreifender. Die gesamte Stuhleinrichtung im betroffenen Saal ist bereits abgerissen und entsorgt worden. Zwar ließ sich im Nachhinein sehr gut feststellen, auf welchen Plätzen die Rechtspopulisten sowohl auf der Bühne als auch im Publikum gesessen haben – Frau Albers gelang es schnell, mit einem Programm zu analysieren, wer bei der Martenstein-Rede nicht die Augen verdreht hat. Jedoch war die Angst vor Schmierinfektionen, etwa durch das Durchrücken zum Platz, zu groß.

Gerade als wir zur Zeugenvernehmung hinzustoßen, sagt Paula H. aus, eine 47-jährige Soziologiestudentin. Sie sitzt zusammengekauert auf ihrem Klappstuhl – äußerst bedacht, den Boden nicht mehr zu berühren als nötig. Bislang hat man den Bodenbelag noch nicht ausgetauscht. Der Forensiker Herr Molker, der sich nach einer Karriere bei der Kriminalpolizei Hamburg im Bereich Tatortreinigung, Wohnungsendabnahme und Sondermüllbeseitigung selbstständig gemacht hat, wurde mit einem Gutachten zu daktyloskopischen Spuren betraut. Alles, was nach dem Fußabdruck eines Lack- oder Stöckelschuhs aussieht, wird markiert. Später soll dann evaluiert werden, ob ein Teil des Teppichs noch erhalten bleiben kann.

Paula H. hat ihre Aussage schniefend überstanden. Dem Securitymann kroatischer Herkunft, der zum Zeitpunkt der Aufführung an der Garderobe Dienst hatte, wird auf ihrer Grundlage später gekündigt werden. Paula H. will gesehen haben, dass er den Mantel von Liane Bednarz angenommen und nicht streng von den anderen Kleidungsstücken getrennt hatte. Als Nächstes ist der 68-jährige Ernst G., Senior und „Opa gegen Rechts“, an der Reihe. Er ist sich trotz -9,5 Dioptrien links und -10,75 Dioptrien rechts völlig sicher, dass er gesehen hat, wie sich ein Mann beim Warten an den Herrentoiletten mit Poloshirt und strengem Seitenscheitel lässig mit der Hand an der Wand abstützte. Er kann die Stelle noch ziemlich genau beschreiben. Jedoch sind die dort angebrachten Fliesen des Modells „Terrakottakrieger blanco“ in der Größe 14 x 16 cm nicht mehr erhältlich – das Bad wird wohl neu gefliest werden müssen.

Doch nicht überall kommt das Theater so glimpflich davon. Als der 34-jährige Philosophie-Vertretungslehrer Malte K. aussagt, geht ein finsteres Raunen durch das Komitee. Was er schildert, hatte man bereits befürchtet. Harald Martenstein soll sich gegen eine unverputzte Wand im Flurbereich gelehnt haben. Da hilft nur noch der Presslufthammer. Für solche Fälle ist die Arbeitsgruppe vorbereitet. Diplom-Ingenieur Schmidt von der Schmidt Tragwerksplanung PartG mbB soll die Statik des Gebäudes bei den Entfernungsarbeiten im Blick behalten.

Nun steht natürlich noch eine große Frage im Raum: Wer soll das alles bezahlen? Anna Böring erklärt uns, sie habe nach einem vertraulichen Gespräch auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel im vergangenen Jahr gute Verbindungen zum Kulturstaatsminister. Da man sich ja schließlich im Antifaschismus und zugleich der Rettung eines kulturellen Erbes aufopfert, erhoffe man sich von dort eine großzügige Subvention. So ist sie, die Theaterszene: immer mit dem Blick voller Hoffnung nach vorne – selbst wenn die Sicht durch Tränen verschwommen ist.

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8 Kommentare

  • Danke!😂😂😂

  • Im nächsten Jahr gibt es bald ein Theaterstück über Brosius-Gersdorf und die antifeministischen Netzwerke“, und alle Links-Grünen sind wieder versöhnt. Die Stühle des Theaters bekommen neue regenbogenfarbene Sitzbezüge. Damit kann dann der Theaterbetrieb wieder weitergehen und die Rede von Martenstein wird vergessen sein.

  • Subventionen! Klar. :-((
    Ein Theater das sich nicht von alleine trägt, ist keinen Pfennig Zuschuss wert.

    Super Kommentar übrigens! Ich lache Tränen.

    • Und wieviel Subventionen durch Steuergeld von Rechten aufgebracht worden sind. omg! omg!!

  • Hat Martenstein schon Hausverbot? 😂

  • „Paula H. aus, eine 47-jährige Soziologiestudentin„ … 🤣
    Juvenal sagte einmal, es sei schwer darüber keine Satire zu schreiben.

  • Die Menschen sind es selbst schuld, wenn sie Links- und Rechtsextremen das Land überlassen.
    Unsere Politösen ergötzen sich in „schlaue“ Reden ohne etwas dagegen zu tun.
    Wenn dann wegen der Extremen Immobilien weichen müssen ist das immer noch besser als sich den Scheiss anhören zu müssen.
    Warum lernen die Menschen nicht aus unserer Geschichte????

    • Text gelesen?

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