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Astrid Lindgrens Werke werden zensiert: Wer Kinder in Watte packt, lässt sie allein

Astrid Lindgrens Erben beschreiben in einem Interview, wie sie die Werke der Kinderbuchautorin dem woken Zeitgeist anpassen. Damit ignorieren sie nicht nur den Wunsch Lindgrens - sie schaden auch den jungen Lesern.

„Vielleicht wird der Tag kommen, an dem wir den zweiten und dritten Band von Pippi Langstrumpf nicht mehr drucken“, sagt Annika Lindgren über die Bücher ihrer berühmten Großmutter Astrid Lindgren. Im Gespräch mit der Zeit spricht sie über die Änderungen, die sie und ihre Tante Karin in den letzten Jahren am Werk ihrer berühmten Verwandten vorgenommen haben. Die Nachfahrin gibt sich besonnen und ehrfürchtig, beteuert, dass sie sich verpflichtet fühle, das Erbe ihrer Großmutter in ihrem Sinne zu erhalten. Gleichzeitig beschreibt sie, wie sie nun schon seit Jahren eine Geschichte nach der anderen dem politisch korrekten Zeitgeist anpasst. 

Seit Astrid Lindgren 2002 verstorben ist, haben ihre Tochter und ihre Enkelin unter anderem Pippi Langstrumpfs Vater vom „Negerkönig“ zum „Südseekönig“ umbenannt, aus den „Kindern aus der Krachmacherstraße“ wurde das Kapitel „Lotta spielt Negersklave“ entfernt und in den „Büllerbü“-Geschichten wurde eine Passage gestrichen, in der die Figur Lasse ein Blatt Papier schwarz anmalt und erklärt: „Das sind fünf schwarze Neger in einer dunklen Kammer“. Die Geschichte „Unterm Kirschbaum“ aus der Geschichtensammlung „Sammelaugust“ wird nicht mehr gedruckt, weil es darin um „Zigeuner“ geht.

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Zu Lebzeiten ließ Lindgren keinen an ihre Texte

Lange, so schildert Annika Lindgren in dem Interview, habe sich Karin Lindgren, die Tochter Astrid Lindgrens, gegen jede Änderung an den Texten ihrer Mutter gewehrt. Immerhin habe ihre Mutter stets intensiv an ihren Texten gearbeitet, sie immer wieder umgeschrieben, nach dem richtigen Wort gesucht. Zu Lebzeiten habe Astrid Lindgren sich sehr gegen Änderungen an ihren Texten gewehrt – deutsche Übersetzungen ließ sie oft ändern, weil sie ihr nicht gefielen, die schwedischen Originale lektorierte sie selbst, da sie Kinderbuchchefin im Verlag Rabén & Sjögren war, der auch ihre eigenen Bücher verlegte. 

Dennoch habe sich schließlich auch Karin Lindgren für eine Bearbeitung der Texte entschieden, weil sie (laut Schilderungen ihrer Nichte) erkannt habe, dass Worte wie „Neger“ – beziehungsweise, wie die Zeit schreibt, das „N-Wort“ – für Kinder heutzutage „diskriminierend“ seien und Astrid Lindgren nie etwas geschrieben hätte, was Kinder „verletzen“ könnte. 

Auf die Frage der Zeit, warum Lindgren Witze über „fünf schwarze Neger in einer Kammer“ gemacht habe, antwortet Annika Lindgren: „Vielleicht hatte sie da einen blinden Fleck.“ Sie hätte auch sagen können: „Na weil die Bücher 1947 erschienen sind und damals ‚Neger‘ noch ein ganz normales Wort war und man im Übrigen offenbar auch mehr Humor hatte und sich nicht chronisch angegriffen fühlte.“ Doch sie kämpft nicht. 

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„Sensitivity-Reader“ checken Kinderbücher

Es nützt ihr nichts. Der Zeit ist sie damit immer noch nicht sensibel genug. „Haben Sie in Erwägung gezogen, Lindgrens gesamtes Werk von sogenannten Sensitivity-Readern prüfen zu lassen?“, fragen die Autoren und erläutern, dass es in Deutschland inzwischen recht üblich sei, dass Texte von solchen Menschen auf „verletzende oder diskriminierende Darstellungen und Ausdrucksweise“ geprüft werden. Nein, das könne sie sich nicht vorstellen, sagt die Lindgren-Enkelin. 

Sie könne es aber durchaus verstehen, dass sich manche afroamerikanische Autoren von der Pippi Langstrumpf Geschichte „verletzt“ fühlen. Immerhin herrsche dort Pippis weißer Piratenvater als König über schwarze Menschen. Ihr Statement dazu: „Wer weiß, vielleicht werden die Pippi-Bücher irgendwann nicht mehr gelesen.“

Wenn man diese Lindgren-Erbin so sprechen hört, drängt sich einem der Gedanke auf: Vielleicht hätte Astrid Lindgren ihre Kinder und Enkel doch etwas besser erziehen sollen, anstatt ihnen stets nur Geschichten vom einem langstrümpfigen Mädchen zu erzählen, das sich von niemandem etwas sagen lässt. Dann würden Karin und Annika Lindgren vielleicht nicht so respektlos ihr Werk zerstückeln – immerhin hat es ihnen Wohlstand und einen weltberühmten Familiennamen verschafft.

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Sie werden nicht gezwungen, den mit Sicherheit von den Verlagen geforderten woken Änderungen zuzustimmen. Sie könnten den linken Sprachbastlern auch einen Vogel zeigen und sie fragen, ob sie Goethes Faust denn eigentlich auch demnächst zur feministischen Befreiungsgeschichte umschreiben wollen. (Aber psst, ich will hier niemanden auf falsche Gedanken bringen)

Eine woke Wattewelt schadet Kindern

Am meisten befremdet jedoch das Bild, das in diesem Interview von der heutigen Kinderliteratur gezeichnet wird. Offensichtlich sollen sich Kinder heutzutage in keiner Weise mehr vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn sie eine Kindergeschichte von ihren Eltern hören. Sie sollen glattgebügelte, möglichst realitätsferne Phantasie-Geschichten konsumieren, am besten pädagogisch wertvoll, antirassistisch und queer. Es ist ok, schon Kitakindern in Bilderbüchern beizubringen, wie gleichgeschlechtlicher Sex funktioniert, aber wehe es wird von Negern und Zigeunern gesprochen. Wieso überlässt man es nicht den Eltern, ihren Kindern zu erklären, warum das Wort Neger früher eher benutzt wurde als heute? 

Kinder sollen in einer Wattewelt aufwachsen – dieser Meinung scheint die heutige Pädagogik zu sein. Offenbar ist den Vertretern jedoch nicht bewusst – oder es ist ihnen egal -, dass Kinder, die nicht lernen, sich mit ihrer Umwelt kritisch auseinanderzusetzen, ihr später hilflos ausgeliefert sind. Wer als Kind gelernt hat, jedem zu vertrauen und sich vor nichts zu fürchten, wird spätestens als Jugendlicher komplett den Einflüssen der Sozialen Medien ausgeliefert sein. Dort schützt sie keiner mehr vor Menschen, die ihnen beispielsweise erzählen, dass man sich besser fühle, wenn man trans oder raw-vegan lebe.

Wer die Geschichten von Astrid Lindgren kennt, weiß, dass dort Kinder etwas über das Leben lernen. Michel aus Lönneberga muss in den Schuppen, wenn er mal wieder etwas verbockt hat, Pippi ist zwar stark und selbstbewusst – ist aber auch oft traurig, weil sie ihren Vater in der fernen Südsee vermisst. Es geht um Familie, Freundschaft, Ängste, die überwunden werden, und Abenteuer, die stets mit dem Weg nach Hause enden. Astrid Lindgren hat in ihrer Lebenszeit öfter in Interviews gesagt, dass hinter ihren Geschichten keine pädagogische Idee stehe. Sie habe lediglich an ihre eigene Kindheit gedacht und versucht, sich in die Gedankenwelt der Kinder hineinzuversetzen. Sie hat ihre Geschichten geschrieben, um ihre kranken Kinder und Enkel aufzuheitern und zu trösten. Ihr ging es nie darum, zu indoktrinieren. Heute, über zwanzig Jahre nach ihrem Tod, scheint keiner mehr so recht für ihr Erbe einzustehen. 

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