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Das Duracell-Häschen im Kanzleramt

Führende CDU-Politiker als Sprechpuppen von Social-Media-Beauftragten, Machtrausch und verlorene Strandkörbe. Die ZDF-Dokumentation „Inside CDU“ zeigt, dass es um die Kanzlerpartei noch schlimmer bestellt ist, als man gedacht hätte.

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„Das war echt ne krasse Woche damals“, berichtet Christiane Schenderlein in eine Handykamera mit Ringlicht. Hinter der Kamera steht eine junge Frau nach vorne gebückt mit einem Zettel in der Hand, von dem sie vorliest: „Da kamen irgendwie ganz viele Meilensteine.“ „Da kamen irgendwie ganz viele Meilensteine auf einmal“, spricht Schenderlein – mit eher weniger überzeugend gespielten Denkpausen – ihr nach.  

„Aber sag das vielleicht ein bisschen freundlicher noch, weil es sind ja trotzdem positive Sachen passiert“, kommt die Regieanweisung von hinter der Kamera. Wieder mit den gleichen vermeintlichen Denkpausen, aber mit dem Versuch, die Aufgabe umzusetzen, sagt Schenderlein ihren Text noch mal auf. 

„So jetzt sagst du, also so nachdenkend: Ja, da bin ich schon stolz drauf.“ Dieses Mal zögert Schenderlein und fragt: „Kann ich da wirklich stolz drauf sein? Ja, doch, oder?“ Nach kurzen Witzeleien sagt sie dann wieder brav in die Kamera: „Ja (Kunstpause) da bin ich schon stolz drauf.“ Und fügt offenbar improvisiert hinzu: „Da haben wir viel erreicht in der Woche.“ Die Textgeberin gibt ihr ihren letzten Part: „Das kann man schon sagen.“ Schenderlein wieder: „Das kann man schon sagen.“ 

Wir sind hier gerade quasi live dabei, wie die damals noch amtierende Staatsministerin für Sport und Ehrenamt ein Social-Media-Video aufnimmt. Ihre Ansprache hört sie dabei mit uns zusammen auch zum ersten Mal. In der ZDF-Doku-Reihe „Inside CDU“ hat sich die CDU wirklich sehr intim hinter die Kulissen schauen lassen. Und man fragt sich nur: Wieso? 

Das ist die gleiche Frage, die man sich stellt, wenn man die Kult-SpiegelTV-Dokus über den Penny-Markt auf der Reeperbahn schaut, nur hatte man es da mit Bahnhofsalkoholikern zu tun, die keine Karriere hatten, die sie sich vor der Kamera im Suff hätten kaputtreden können. Außer natürlich dem studierten Kapitän zur See Harald Krull mit dem Patent A, B, C und die 6, wobei der so eine Koryphäe auf seinem Gebiet der großen Pötte sein dürfte, dass eine kleine Prügelei vor laufender Kamera ihm nichts anhaben kann. 

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Bei der CDU hat man es mit Berufspolitikern zu tun, die in einer schwierigen politischen Lage stecken, was Wahlergebnisse und Umfragewerte angeht. Da müsste man doch eigentlich noch auf sein Image bedacht sein. Ich weiß nicht, ob ich da so durchblicken lassen würde, dass ich im Grunde nur die Sprechpuppe einer Social-Media-Beraterin bin, die mir alle Sätze in Häppchen vorkaut. Aber man braucht gar nicht zu sehr auf der armen Frau Schenderlein herumzuhacken, die es in ihrem sächsischen Wahlkreis schon schwer genug hat und ihren Posten längst wieder los ist. Die gute Frau folgt einfach nur der Parteilinie. 

Denn wie sich herausstellt, sind die Strippenzieher in der Union keine Geheimdienste von sonst wo, keine Untergrundorganisationen, Konzerne oder Verschwörungsvereine – sondern Social-Media-Beauftragte, fast immer Frauen, oftmals augenscheinlich nicht älter als 17. Sie haben beim Bewerbungsgespräch wahrscheinlich zugeben müssen, dass sie sich eigentlich nur über TikTok informieren, und dabei versehentlich genau das gesagt, was man von ihnen hören wollte. 

Seitdem besteht ihr Job darin, Social-Media-Trends zu verfolgen und die führenden Politiker dieses Landes zu beraten. Und das tun sie mit der Reife, die sie eben so mitbringen. Bei diesen Social-Media-Beauftragten liegt die Macht, die CDU sogar noch mehr zu demütigen, als Lars Klingbeil es tut. Das Problem liegt aber nicht bei ihnen, sondern bei den erwachsenen Verantwortlichen in der Parteizentrale, die nicht verstehen, dass das ganze Rumgetanze vor der Kamera niemanden an die Wahlurne lockt. 

Doch ein großes Problem in der CDU ist leider, dass beinahe alle völlig schambefreit sind. Umso mehr muss man auch dem komödiantischen Gespür der Macher dieser Doku-Reihe applaudieren, die ganz genau wussten, worauf man die Kamera halten muss – und zwar vor allem auf Philipp Amthor. Während die Partei in einer historischen Krise steckt und Friedrich Merz regelmäßig den Tränen nah ist, dürfte Philipp Amthor der glücklichste Mann Deutschlands sein.

Seine ewige und bedingungslose Treue, die er Friedrich Merz entgegengebracht hat, hat sich für ihn ausgezahlt. Mit nur 33 Jahren hat er es inzwischen sogar zum Staatsminister gebracht, hat ein Büro im Kanzleramt und einen (zumindest gefühlten) direkten Draht zur Macht, und dieser rasante Aufstieg ist ihm offenbar zu Kopf gestiegen. Es gibt kaum eine Aufnahme von ihm, in der er nicht breit über das ganze Gesicht strahlt. Er wirkt schon beinahe überdreht. Als hätte das Duracell-Häschen seinen Wunsch erfüllt bekommen, ein Mensch zu sein, und so hoppelt es seither durch das Kanzleramt.

Er ist leider kein Sympathieträger, sonst wäre es schon beinahe putzig. Der Ausschnitt, in dem er sein Büro mit dem Strandkorb auf dem Balkon zeigt und den Sie sicher schon kennen, hat viele an Marie Antoinette erinnert. Das ist auch, wenn wir ehrlich sind, genau die Stimmung, die die Macher der Doku erzeugen wollten, als sie über die Szene auch noch die fröhliche Streichermusik gelegt haben. Ein verzogener Kronprinz stellt seinen Palast zur Schau, während das Volk hungert. Sie haben ihn freudestrahlend ins Verderben laufen lassen.

Ich kann ihm das nicht allzu übel nehmen, denn ich sehe in Philipp Amthor immer einen kleinen Jungen, der in seiner Kindheit zu viel Zeit mit alten Leuten verbracht hat. Irgendwann hat er eingesehen, dass er bei den gleichaltrigen Kindern nicht ankommt und hat aufgehört, es zu versuchen. Ich kann mir vorstellen, dass die CDU für ihn wirklich so etwas wie Heimat ist. 

Kinder eifern ihren Vorbildern nach. Amthor wirkt wie ein Kind, das man gerade von seinem Opa abgeholt hat. Jetzt ächzt er beim Aufstehen, weil Opa das auch so macht, und beim Gehen verschränkt er seine Arme hinter dem Rücken, wie Opa das tut. Wenn er eine Salzstange isst, pafft er daran wie Opa an seiner Pfeife. Wenn endlich mal jemand Gleichaltriges in sein Kinderzimmer kommt, führt er ihn stolz herum. Dabei macht er Witze, wie er es sich bei den Freunden von Opa abgeguckt hat. Er hat beobachtet, dass Erwachsene immer betonen, wie viel sie arbeiten müssen und wie beschäftigt sie sind. Da er ja jetzt wichtig ist, macht er das auch. Guck mal, was für ein tolles Spielzeug ich habe! Das ist ein Playmobil-Vulkan, der sogar Lavakugeln schießen kann! Damit spiele ich dann, wenn ich mal Zeit habe, höhöhö.

Es braucht keinen Philipp Amthor, um die CDU erst lächerlich zu machen. Ich glaube, diese Dokumentationsreihe sollte ursprünglich ernsthaft werden. Sie ist erst zu einer Komödie im Stil von SpiegelTV geworden, als die Journalisten gemerkt haben, wie unglaublich peinlich diese Partei wirklich ist. Ich glaube, ich kann diesen Zeitpunkt ganz genau festmachen. Es begann in der ersten Folge der ersten Staffel dieser Dokumentationsreihe, die noch vor den Wahlen spielt. Es ist ein später Abend in der Parteizentrale und man hat einen Motivationssprecher zu einem Coaching kommen lassen – oder wie der damalige Generalsekretär Linnemann ihn nennt: „Überlebenstrainer, Persönlichkeitstrainer“. 

In einer Einleitung schwärmt Linnemann von dem langjährigen, sehr geschätzten Bekannten: „Er hat mir beigebracht, dass wenn man einen Zug verpasst, sich nicht aufregt.“ Ob Carsten Linnemann ein Anti-Aggressions-Training wirklich nötig hatte? Wenn ich diesem Coaching hätte beiwohnen müssen, hätte man mich jedenfalls in noch ganz andere Kurse stecken müssen. 

„Wenn ihr euch jetzt mal kneift, in die Hand – macht das mal, kneift euch in die Hand, dann müsstest ihr eigentlich alle was spüren, oder? So und jetzt machen wir folgendes, jetzt kneifen wir uns mal für morgen. Kneif dich mal für morgen. Ihr werdet feststellen, das geht gar nicht. Oder für gestern. Das geht auch nicht. Also haben wir folgende wissenschaftliche Erkenntnis: Immer wenn es um die Umsetzung geht, um das Machen, sind wir im Heute und Jetzt.“ Wieder ein beachtliches komödiantisches Gespür der Redaktion, die diese Rede in voller Länge in der Dokumentation gezeigt hat.

Auf diese bahnbrechende Erkenntnis folgt die Geschichte von einem Zirkusdirektor und einem Hund, der über eine Stange springen soll. Auf der anderen Seite hängt eine Fleischwurst, der Hund springt danach über die Stange. Dabei merkt er nicht, dass der Zirkusdirektor die Stange immer höher stellt. Irgendwann springt der Hund fast zwei Meter hoch. Die bahnbrechende Lektion der Geschichte: Während sich der Mensch auf die Höhe der Stange konzentriert hätte, hatte der Hund nur die Wurst im Blick. 

„Was ihr macht ist Spitzensport, ihr seid alle hochkompetent und Weltklasse.“ Die Lehre für das Wahlkampfteam der CDU, um sich von der Welt da draußen nicht kaputtmachen zu lassen, heißt nun: „Schütze deine Energie und bleib auf deinem Spielfeld“. Ich habe vorher schon nicht sonderlich viel von der CDU gehalten. Mit dieser Ansprache habe ich wirklich endgültig den Respekt vor ihr verloren. Allein dafür hätte sie es verdient gehabt, den Wahlkampf zu verlieren.

Die erste Folge endet mit diesen Worten. Die nächste beginnt mit dem Adenauer-Haus bei Tag. Ein älterer Herr steht im Flur mit einem Mikrofon: „Liebe Kolleginnen und Kollegen, bitte verlassen Sie alle Ihre Büroräume und kommen Sie in die Flure, oder besser noch, ins Foyer“, sagt er mit ernster Stimme an. Nein, das ist kein Feueralarm. Hier wird gerade die Belegschaft zur „Disco-Pause“ gerufen, so wie jeden Freitag um 10:30 Uhr im Wahlkampf. Was man höchstens den Grünen zugetraut hätte, kann die CDU schon lange – das gilt nicht nur für die Politik. 

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7 Kommentare

  • Die machen halt was der Chef oder die Medien sagen und hoffen ihre Listenplätze behalten zu können. Denn auch die CDU Leute wissen natürlich, dass Häuser in der Schweiz teuer sind. Die kennen die vielen Details auch ganz genau, können die langfristige Entwicklung wahrscheinlich auch ganz gut abschätzen, auch wenn natürlich niemand darüber redet.

  • Als “aktiver Leser” möchte man in der Kommentarspalte natürlich immer seinen Senf dazugeben. Hier aber einfach nur: ein Genuss zu lesen. Mehr davon!

  • Nicht das Duracell-Häschen, das Oskarchen aus Schlöndorffs Blechtrommel (Grass) ist es, an das man denken könnte.

  • „Er hat mir beigebracht, dass wenn man einen Zug verpasst, sich nicht aufregt.“
    Man wartet einfach auf den nächsten, mit der Gewissheit dass der zu spät kommt.
    So agiert eine CDU heute, selbst wenn sie Wahlen verliert. Und um das bildlich noch zu bekräftigen, geht sie sogar (immer noch) auf die Knie, vor der Frau, der sie ihren Untergang zu verdanken hat und ehrt sie als „die Beste“!

    Beim Warten auf den (nächsten) Zug achten sie nur darauf den linken(!) Bahnsteig zu benutzen, der Zug fährt aber auf dem rechten ein. Und somit werden sie ihn wieder verpassen und nie mehr an ihr Ziel kommen!

  • Selbstzerstörung von innen , dabei treten Dinge zu Tage die vorher
    nicht mal vermutet werden konnten !
    Es geht dadurch schneller Richtung Höhepunkt
    und das ist gut so !

  • Manche Flaggen darf man ja auch nicht vom BT-Balkon oder anderen Parlamentsbalkonen zeigen: Vorsicht ist geboten bei blau-weißen Streifen, das könnte einige Flaggen symbolisieren. Nicht, daß dann noch die BT-Pozelei kommt. Aua, aua, aua,…

  • Nachdem ich endlich auch mal diese Doku mit dem Zeug zum legendären geschaut habe, wurde mir klar, was PA anscheinend versucht zu kopieren: Es ist eine Mischung aus Feuerzangenbowle und Diederich Heßling …

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