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Mehr Zeit für Tennis, aber kein Grund zu prokrastinieren

Der langweiligste Draufgänger, den Berlin zu bieten hatte, zieht sich aus dem Wahlkampf um das Berliner Abgeordnetenhaus zurück. Ohne wichtige Anrufe kann er sich dem Tennisplatz widmen.

IMAGO/Stefan Zeitz

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„Ich habe um 08:07 Uhr von dem Anschlag erfahren, bin dann direkt ans Telefon gegangen, habe viele, viele Telefonate geführt“, erklärte Kai Wegner in einem Interview mit der Bild. Dabei schaut er nicht nach oben rechts, wie Lügner es in den Krimisendungen immer tun. Wenn man weiß, wo er lügt, kann man sich einbilden, dass er an diesen Stellen zu langsam blinzelt. Rot wird er nicht. 

Tatsächlich ist es nicht wahr, dass er direkt ans Telefon gegangen ist und viele Telefonate geführt hat. Wie der Tagesspiegel recherchierte, hat Wegner am Morgen des Stromausfalls überhaupt nicht dienstlich telefoniert. Nach 13 Uhr führte er zwei Telefonate, gab Wegner am Donnerstag in einem Social-Media-Post zu. 

Am Freitag hat er nun ein halbes Jahr nach dem Anschlag Konsequenzen ziehen müssen – mehr oder weniger. Zurücktreten will er nicht. In die Geschichtsbücher wird er mit einer vollständigen Legislaturperiode eingehen. Gut, jetzt hat er es auch lange genug hinausgezögert, zwei Monate vor der Wahl würde ein Rücktritt auch nichts mehr bringen. 

Als Spitzenkandidat antreten will er aber nicht mehr. Nachfolger soll Finanzsenator Stefan Evers sein. Es ist nicht das erste Mal, dass Wegner sich durch Evers ersetzen lassen muss. 2016 trat er bereits nach Wegners Rücktritt als Generalsekretär der CDU Berlin an seine Stelle. 

Tja, so schnell kann es gehen. Seit 1995 ist Wegner nun Karrierepolitiker: erst in der Bezirksverordnetenversammlung von Spandau, dann im Berliner Abgeordnetenhaus, dann im Bundestag und dann wieder im Berliner Abgeordnetenhaus. Als Sohn eines Bauarbeiters hat er sich an die Spitze Berlins ge- … ja was eigentlich? Wie er so weit kommen konnte, ist eigentlich ein Rätsel. 

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Er ist nicht sonderlich charismatisch. Zu Augen, die meist nicht so wirken, als wäre dahinter jemand wirklich wach, kommt eine dünne Stimme, aus der keine Autorität spricht. Sonderlich überzeugend sind seine Reden auch inhaltlich oder sprachlich nicht. Ich wüsste auch nicht, wann er in seiner Politkarriere jemals Bahnbrechendes geleistet haben soll, außer dass er doch tatsächlich zum regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt wurde.

Damals hielt man das für ein bahnbrechendes Ereignis, weil er von der CDU ist. Aber eigentlich war es das, weil er er ist. Die meisten empören sich über seine Untätigkeit und, noch schlimmer, seine Lügen. Doch eigentlich ist sein größtes Verbrechen seine unglaubliche Inkompetenz. Dass dem ersten CDU-Bürgermeister seit Jahrzehnten ausgerechnet ein linksextremer Anschlag zum Verhängnis wird, ist nun wirklich ein Kunststück. 

Es ist ziemlich unverständlich, doch nach dem Überfliegen von Wegners Wikipedia-Artikel glaube ich, eine küchenpsychologische Erklärung anbieten zu können. Dass Wegner seine ersten Stunden des Stromausfalls mit Tennis verbracht hat, brachte ihm ein sehr elitäres Image ein. Er hätte alles Mögliche machen können, doch Tennis ist für einen Politikskandal einfach perfekt. Da Wegner aus eher einfachen Verhältnissen stammt, geht er in solchen Statussymbolen sicher auf. So wie Neureiche mit hässlichen Protzuhren. 

Er hat sich selbst als schmierigen Politiker gesehen, der an der Spitze angekommen ist und jetzt macht, was er will. Nur leider ist er der jämmerlich langweiligste Stino-Draufgänger, den Berlin zu bieten hat. Ich frage mich, wie Berlin das immer macht. In einer Stadt mit der wildesten Wählerschaft – Hippies, Punks, Junkies, Kriegsdienstverweigerer, Kriminelle und was sonst noch alles – schafft man es zu jeder Wahl wieder, die ödesten Leute zu finden und sie ins Rote Rathaus zu setzen.

Der Komiker Kurt Krömer sagte Michael Müller einst treffend das Charisma einer Büroklammer nach. Kai Wegner hat die Ausstrahlung eines noch lauwarmen Kamillenteebeutels in einer leer getrunkenen Tasse. Franziska Giffey erinnert an eine selbst gemachte Strickjacke aus Biowolle. Aber im Vergleich zu den anderen beiden ist sie wirklich noch eine Wucht, das muss man schon sagen. 

Doch auch als der langweilige Teebeutel, der Kai Wegner nun mal ist, hätte es für ihn unmöglich sein müssen, nach dem Anschlag an Sympathie zu verlieren. Diese Geschichte war wie gemacht für eine zweite CDU-Regierung. Er hätte große Reden schwingen und alle Strukturprobleme auf die Vorgängerregierung schieben können. Er hätte wunderbare PR-Fotos machen können. 

Es ist zynisch, aber Umweltkatastrophen und alles, was die Grundversorgung angreift, sind für Politiker in Regierungsverantwortung perfekte Gelegenheiten. Die Lösung der Krise ist weitestgehend unpolitisch, die Menschen sind hilflos und auf den Staat angewiesen. Alle Diskussionen, über die man sich vorher furchtbar aufgeregt hat, erscheinen abgehoben und fernliegend, man will nur die Normalität zurück. Licht, warmes Wasser, eine funktionierende Heizung – nie sind die Ansprüche an die Politik niedriger. 

Kai Wegner hätte diese Gelegenheit dankend annehmen müssen. Denn auch ohne den Tennisskandal und seine vielen Lügen wäre Wegner wahrscheinlich nicht wiedergewählt worden. Seine Wahl hatte er dem Trotz und der Massendynamik nach der gerichtlichen Aufhebung der vorherigen Wahl zu verdanken. Entscheidend war die Massendynamik. Die Umfragen gaben der CDU eine tatsächliche Chance. Zuvor hatten die unzufriedenen Wähler trotz ihres Unmuts taktisch die SPD gewählt, denn: Lieber die SPD als die Linke. Die CDU zu wählen bedeutete für viele, ihre Stimme zu verschenken. 

Man kann es jedem eigentlich irgendwie latent konservativen Wähler, der in zwei Monaten wieder die SPD wählt, um die Linke zu verhindern, nicht wirklich verübeln. Was war denn unter Giffey oder Müller schlimmer als unter Wegner? Man hat keinen Unterschied gemerkt. Peinliche Bilder auf Pride-Paraden kann ein SPD-Politiker auch. Krisen zu verschlafen wird er auch noch schaffen. Mit etwas Glück macht er auch noch bessere PR-Auftritte. 

Also wieder Rot-Grün. Das Schöne ist doch: Auch bei diesem Wechsel zurück wird man in Berlin keinen Unterschied merken. Nur traurig, dass dieser Wahlsieg das Ergebnis reinster Dummheit sein wird. Ich bin von diesem Maß an Dummheit noch mal persönlich ergriffen, nicht weil ich seit einigen Jahren Wahlberlinerin bin, sondern weil ich damals an der Recherche zu den Unstimmigkeiten der Berlin-Wahl im September 2021 mitarbeiten durfte. Ich habe in einem Hinterzimmer im Kammergericht Hunderte Wahlprotokolle abgearbeitet und frage mich seit der Wahlwiederholung: Wofür eigentlich?

Damit Kai Wegner sich für ein paar Jahre völlig unberechtigt für den König der Welt halten kann? Gerade mit Eltern, die tatsächlich für ihr Geld gearbeitet haben, hätte Kai Wegner eine Repräsentation dieses Teils von Berlin sein können. Denn es gibt hart arbeitende Berliner! Morgens um 6 Uhr, wenn die Zugezogenen aus dem Berghain getorkelt kommen, setzen die Urberliner ihre Kastenwagen in Bewegung oder steigen in farbverschmierten Latzhosen in die S-Bahn ein. 

Wer nicht zu früh aufstehen will, kann sie dann vormittags um 10 oder 11 Uhr vor den wenigen verbliebenen Fleischereien antreffen. Dort kann man diese aussterbende Spezies beim 3,50-Euro-Gulasch mit Gratiskaffee zum Mittagessen beobachten. Noch bevor sich die Lifestyle-Berliner dann nachmittags gemütlich zu den Fahrraddemos bewegen, werden die Malocher nach getaner Arbeit längst zu Hause bei ihren Familien sein. Egal ob Schwarz, Rot, Grün oder Doppel-Rot: Sie werden die Verlierer dieser Wahl sein. 

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9 Kommentare

  • Bei aller berechtigter Kritik an Wegner möchte ich gern wissen wie die Fokkusierung auf sein Tennisspiel die eigentlichen Täter, die IMMER NOCH frei rumlaufen in die Gefängniszellen bringt? Die lachen sich doch seit Monaten ins Fäustchen, weil nicht sie im Fokus der Ermittlungen stehen!
    In Nürnberg haben sie wieder zugeschlagen und Brandsätze gelegt!
    Ich hab gelesen, der Oberbürgermeister kocht gern.

  • Sehr gut Frau David. Wegner hat sich wie Merz ins Amt getäuscht und gelogen. Auch in Berlin bestimmt der Wahlverlierer SPD die Politik. Die CDU ist in Berlin nur auffällig mit Wegners Lügen oder dem CDU-Fördermittelskandal.

  • Der erste Lacher des Tages, danke dafür Frau David.
    Da wurde der Kai nochmal richtig geteebeutelt.
    Eigentlich sollte es ein leichtes sein, bei einem Angriff auf die Infrastruktur und dessen Folgen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und sich mit den anderen Verantwortliche zu koordinieren.
    Diejenigen, welche die Probleme dann vor Ort lösen müssen, fahren dann wieder mit dem Kastenwagen vor Ort vor.
    Kai Wegner hat offenbar das Problem unterschätzt und hat auch die Chance vertan, sich als Macher zu profilieren.
    Man mag den Berlinern wünschen, daß sie nach der nächsten Wahl einen Problemlöser bekommen.
    Aber nach der Wahl ist ja dann meist immer ganz anderes als nach der Wahl.
    Und der Bürger muss dann mit dem Ergebnis leben.
    Die Stimme ist dann im Wortsinn abgegeben.

  • Wie Julian Reichelt vor kurzem auf NIUS kritisierte, wird inzwischen nichts mehr unversucht gelassen, die von „Malochern“ (Schumann, in: Die Zeit v. 3.11.2005: 26) um des schieren Überlebens einer hochentwickelten Industriegesellschaft willen erbrachten Leistungen zunichte zu machen. Erst jüngst wieder ist laut offiziellen Angaben vor allem die „Beseitigung der industriellen Technologie“ das erklärte Ziel gewesen. Dass insbesondere der Regierende Bürgermeister von Berlin dem in nichts nachstehen will, nimmt dann nicht wunder. Letztlich hätte nur noch gefehlt, etwa die am 3.1.2026 dort im Südwesten der Stadt vollzogene Kappung der Energieversorgung angesichts dessen zu begrüßen.

  • Schon lustig dass er für die, die für seinen Abgang gesorgt haben, gestern noch nen bunten Fetzen an der Fahnenstange hoch gezogen hat. Der Mann hat null Charisma!
    Eigentlich können die Berlinser den Kabelsprengern dankbar sein, dass sie diese farblose Gestalt über Bande entfernt haben.

    • Diese Art Führungskräfte sehen Sie auch in der Wirtschaft zu Hauf .
      Weitgehend komplette AutomotiveManager , besonders hervorzuheben der Typus Schrempp , Reuter aktuell „Källi“ oder Stoschek, dann Claquere bei zB VDI , die u.a. wußten, dass die ach so angeforderten TopMINT man gar nicht braucht ,sondern FH oder gar DualIng besser eben „kontrollierbar“ weil „billig“

  • Berlin hat diesen Mann komplett überfordert. Er hat durch seine Inkompetenz und seine missratene Politik die Stadt in ein Shithole verwandelt. Was Wegner im Kleinen angerichtet hat, tut Merz im Großen. Nur dass Merz statt Tennisspielen in der Weltgeschichte herumgurkt. Beide Beschäftigungen sind so sinnlos wie wirkungslos.

  • Es war falsch, falsch, falsch, falsch, Berlin zur Hauptstadt zu machen.
    Meinetwegen als bunte Weltmetropole Deutschlands ein Touristenmagnet – aber niemals politische Hauptstadt. Damit und mit den daran geknüpften widersprüchlichen Erwartungen ist die Stadt mehrfach gescheitert und einfach überfordert.

  • Es ist immer das gleich Spiel,
    von alleine werden diese Patexpolitiker niemals gehen.
    Anstand und Moral sind solchen Leuten fremd. Sich einzugestehen einen Fehler gemacht zu haben und durch Rücktritt die Verantwortung dafür zu übernehmen kommt ihnen nicht in den Sinn.
    Sie verfangen sich lieber in Lügen und suchen die Fehler bei anderen.
    Dieses Verhalten zeigt auch ihre ganz Unfähigkeit auf um so ein Amt zu führen.

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