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Finanzbeamte als "Möglichmacher"

„Geht auf uns“ – Neue Kampagne der Berliner Finanzverwaltung verhöhnt Steuerzahler

Mit der Imagekampagne „Geht auf uns" wirbt die Berliner Steuerverwaltung um neue Mitarbeiter für die Finanzämter. Diese seien laut Senator Evers die "Möglichmacher" Berlins. Dabei wird unterschlagen, wer die eigentlichen Möglichmacher sind - die Nettosteuerzahler, die auch dafür bezahlen müssen, sich von dieser Kampagne verhöhnen zu lassen.

Screenshot der Kampagne „Geht auf uns"

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In Berlin mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein, ist immer ein Abenteuer. Mal geben Betrunkene Lieder zum Besten, Junkies erzählen dem leeren Stuhl neben sich ihre Lebensgeschichte – oder man kann die Premiere einer neuen staatlichen Werbekampagne in der ersten Reihe miterleben. Selbst Shakespeare konnte sich keine so unsterbliche Liebe ausdenken, wie die, die der Berliner Senat zu steuerfinanzierten Werbekampagnen verspürt und auslebt.

Kürzlich ist mir da ein Plakat besonders ins Auge gesprungen. Darauf zu sehen sind zwei Frauen: Eine mit Kopftuch und eine, auf die die Bezeichnung „weiblich gelesen“ tatsächlich mal Anwendung finden könnte. Über den beiden prangt in Großbuchstaben die Headline: „Berliner Kulturlandschaft – Geht auf uns.“ Deutlich kleiner ist auf der rechten Seite zu lesen: „Ausbilderin Manja und Führungskraft (Juristin) Tugba finanzieren Orchester und Parks im Auftrag der Steuerzahlenden.“ Auf der linken Seite ist dann, nun wieder etwas größer, die eigentliche Werbebotschaft zu erkennen: „Bewirb dich jetzt für die Berliner Finanzämter“.

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Tatsächlich handelt es sich um eine Imagekampagne der Berliner Senatsverwaltung, die von Finanzsenator Stefan Evers (CDU) mit initiiert wurde. Das Ziel: Nachwuchsgewinnung für die Finanzämter der Hauptstadt. Des Weiteren soll die Kampagne einen Beitrag dazu leisten, auf die Attraktivität der Arbeit bei der Berliner Steuerverwaltung aufmerksam zu machen. Bei den Werbegesichtern handelt es sich zu dem bewusst um eigene Mitarbeiter, laut Evers habe es für das Casting über 100 Bewerbungen gegeben.

Für den CDU-Finanzsenator sind sie die „Möglichmacher Berlins“, da ohne sie nichts „läuft“. Das oben beschriebene Plakat ist dabei nur eines von vielen, die Botschaft ist aber überall dieselbe. Sogar ein sehr aufwendig produziertes Video gibt es zu der Kampagne. Darin brüstet man sich, durch die Überprüfung von Steuererklärungen die Staatskassen zu füllen. „Indem wir auch die nicht so sozialen zur Kasse bitten, ermöglichen wir sozialen Wohnungsbau“, erklärt man.

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Immer wieder heißt es, dass die Mitarbeiter der Steuerverwaltung verschiedene Dinge im Auftrag der „Steuerzahlenden“ finanzieren würden. Wüsste man es nicht besser, könnte bei dieser Aussage unweigerlich die Annahme entstehen, dass die Steuerzahler selbst entscheiden könnten, wofür ihre Steuergelder ausgegeben werden würden und dass die Finanzämter nur die Auftragnehmer- und -ausführer wären. Dass dem natürlich nicht so ist, bedarf vermutlich keiner Klarstellung. Immerhin wurden wir ja auch nicht gefragt, ob wir diese Kampagne finanzieren wollen.

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Die wahren „Möglichmacher“ sind die Steuerzahler

Die Werbebotschaft ist, gewollt oder ungewollt, eine Verhöhnung der Steuerzahler, da sie die Tatsachen auf eine geradezu groteske Weise verklärt. Nicht die Mitarbeiter in den Finanzämtern sind die „Möglichmacher“, sondern die Nettosteuerzahler (Menschen, die mehr Steuern und Abgaben zahlen als sie durch staatliche Transferleistungen beziehen), die einer wertschöpfenden Arbeit nachgehen. Von denen gibt es in Deutschland gerade einmal 27 Millionen auf 46 Millionen Beschäftigte, von denen wiederum 12 Millionen beim Staat angestellt sind und von den verbleibenden 15 Millionen ebenfalls ausgehalten werden. Zudem haben die Steuerzahler, wie bereits herausgestellt, überhaupt keinen Einfluss, für welche Zwecke die Steuermittel verwendet werden.

Natürlich sind Steuern zur Gewährleistung von Rechtsstaatlichkeit und zur Erfüllung der staatlichen Kernaufgaben notwendig und dahingehend auch akzeptiert. Nur erhalten die meisten Bürger, entgegen der Darstellung in der Kampagne, schon seit geraumer Zeit kaum eine nennenswerte Gegenleistung für die überdurchschnittlich hohe Steuerbelastung. Marode Straßen, mangelnde Infrastruktur, ein immer weiter sinkendes Bildungsniveau sind nur einige von vielen Beispielen, bei denen das Ungleichgewicht von Geben und Nehmen immer deutlicher wird. Sich in einer Kampagne dann auch noch damit zu brüsten, unsere Straßen, die Infrastruktur und die Bildung möglich zu machen, ist dabei unverschämt.

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