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„Für immer Frühling“: Der neue Anti-AfD-Song ist die prüde Hymne der Wohlstands-Verwahrlosung

„Für immer Frühling“ ist die neue Feel-Good-Hymne der Anti-AfD-Proteste. Der Song zeigt, dass es bei dem linken Protest schon lange nicht mehr um Widerstand oder kritisches Denken geht, stattdessen träumt man sich weg aus der Realität.

2012. Jugendclub. Meine Freunde und ich springen wild im Kreis, ab und zu wird eine Faust in die Luft gereckt. Gemeinsam grölen wir: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe; Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit; Du hast nie gelernt dich zu artikulieren; Und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit; Ohoho Arschloch!“ Der Anti-Nazi-Song der Berliner Band „Die Ärzte“ gehörte zum Standardrepertoire unserer mainstream-linken Teenie-Truppe. Schon in der Grundschule schrien wir: „Und wie du wieder aussiehst, Löcher in der Hose, und ständig dieser Läääääärm“.  

Als ich in die Oberstufe kam, hörte ich auf dem Weg in die Schule oft: „Hast du dich heute schon geärgert, war es heute wieder schlimm; Hast du dich wieder gefragt, warum kein Mensch was unternimmt; Du musst nicht akzeptieren, was dir überhaupt nicht passt; Wenn du deinen Kopf nicht nur zum Tragen einer Mütze hast“. Es waren Worte, die meiner typisch-jugendlichen Wut auf die Welt Ausdruck verliehen. „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist; Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt“ weckte wohl nicht wenige meiner Freunde aus depressiven Episoden auf. Kindische Zerstörungswut entwickelte sich damals zu dem tatsächlichen Wunsch, in der Welt etwas zu bewegen. Manche landeten dadurch bei der Antifa, andere bei Apollo News. 

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Heute macht wieder ein linker „Anti-Nazi“-Hit Schlagzeilen. „Für immer Frühling“ von der schwäbischen Sängerin „Soffie“ ist in kürzester Zeit zum Anti-AfD-Song der Demos „gegen Rechts“ avanciert. Schon seit Wochen werden auf TikTok und Instagram zahlreiche Videos mit dem Song hinterlegt, inzwischen ist er auf Platz 17 der deutschen Single-Charts aufgestiegen. Doch wer sich jetzt darauf freut, gemeinsam mit dem linken Nachwuchs die Rio Reiser Platten auszupacken und wie in alten Zeiten auf das Schweine-System zu schimpfen, fällt jetzt auf den rosaroten Boden der Tatsachen. 

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Das „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ von heute heißt: „Ich hab‘ neulich geträumt von einem Land, in dem für immer Frühling ist; Hier gibt es Kaviar und Hummer im Überfluss“. Sängerin Soffie trägt keine knallbunt gefärbte Punker-Frisur und Nietenketten, sondern sorgfältig gestylte Haare im Obré-Look und Perlenschmuck in Regenbogenfarben. Während sich Ärzte-Sänger Bela B für den Rebell-Look die Augen mit schwarzem Kajal voll klatschte, fliegt Soffie in ihrem Musikvideo mit einem sauber aufgemalten blau-rosa Make-up und Glitzer-Herzchen am unteren Augenlid durch die Menschenmengen der Anti-AfD-Demos. 

Sozialismus 2.0. – Kaviar und Hummer für alle

Sie sieht aus wie diese Frau, die sich vor dir im Hipster-Café einen Chai-Latte mit Hafermilch bestellt und dann fragt, ob es denn auch veganen Kuchen gibt. Ihr Song hat den Sound eines süßen Sommerliedes, den sich Jugendgruppen im Park anhören, während sie einen Joint rumgehen lassen. Während die linken Bands von früher die fruchtbare Zerstörung alles Etablierten besangen, träumt sich Soffie in ein Schlaraffenland, das es aus ihrer Sicht wohl ohne die AfD gäbe. 

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In dieser Traumwelt ist offenbar der gefürchtete Klimawandel abgewendet worden, die Sommer sind „kühler“ und „grüner“ – außerdem gibt es keine Armut mehr. Soffie singt: „Keine*r hier, der hungert; Und niemandem ist kalt; Vanille-Eis zum Nachtisch; Alle sterben alt.“ Es reicht also in der linken Utopie bei Weitem nicht, dass alle satt sind, es muss schon Vanille-Eis, Kaviar und Hummer für alle geben.

Überhaupt gibt es offenbar in Soffies Welt keinen Handel mehr: „Keine*r ist im Soll; Sag mir einfach, was du brauchst“, träumt die 24-Jährige und erinnert mich dabei spontan an ein linkes Kiosk-Projekt im Prenzlauer Berg, das das visionäre Prinzip einführte, dass jeder für seine Waren so viel zahlen solle, wie es ihm möglich sei – natürlich ging der Laden nach kürzester Zeit pleite. 

Bürgerliche Sehnsüchte statt linker Revolution

Soffies Traumland hat aber nicht nur den Kapitalismus überwunden, sondern auch offene Grenzen geschaffen: Es gibt „keine hohen Mauern mehr“ und „alle sind willkommen“, heißt es in dem Song. Plötzlich sitzt der Zuhörer fiktiv am Essenstisch eines bürgerlichen Haushaltes, an dem es „immer einen Platz“ gibt. Soffie singt von „rot karierte[m] Stoff“ – meint sie die Tischdecke, die den alten Holztisch bedenkt, an dem alle gemütlich zusammenkommen? Ist das der neue linke Traum – alle Menschen essen zusammen Vanilleeis in Omas Kuschel-Küche?

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Doch damit nicht genug. Weiße Flaggen gibt es in der Traumwelt auch nicht mehr – wir hoffen mal, dass Soffie damit meint, dass es keine Kriege mehr gibt, nicht, dass sich keine Kriegspartei mehr ergibt und alle ewig gegeneinander kämpfen. Doch wer weiß: Immerhin wünscht sie sich die „Kinder an die Macht“, die unerzogenen sollen die Welt regieren. Allein: Die „Waffenspeicher“ sind leer – es muss also mit Schäufelchen statt Totschläger auf die Köpfe der Friedensstörer eingedroschen werden. 

„Du nennst es Utopie; Ich nenn‘ es Heimat, revolutionierte Freiheit“, resümiert die Sängerin schließlich und kündigt an, weiter von dem Land zu träumen, bis sie dort sei. Währenddessen hopst sie in ihrem Musikvideo beseelt lächelnd durch die Anti-AfD-Proteste. Parallel zu süßen dahin plätschernden Kinderxylophon-Tönen wird ein „Wehret den Anfängen“-Plakat eingeblendet. 

Wenn so ein Lied wirklich die Hymne der AfD-Proteste ist, dann sind es nicht Wut und Aggression, die die jungen Menschen auf die Straßen treiben. Sie haben keinen Kampfgeist, wollen keinen Widerstand gegen eine vermeintliche Gefahr leisten – nein. Sie wollen sich nur wegträumen, in eine friedliche Welt, die ganz ohne Konflikte ist – und in keiner Weise bescheiden, immerhin muss sie schon Kaviar für alle liefern. „Für immer Frühling“ ist die Musik gewordene Wohlstandsverwahrlosung und zeugt von der Antriebslosigkeit einer ganzen Generation, die lieber von einem Schlaraffenland träumt, als sich in der realen Welt für ihre Überzeugungen einzusetzen. 

Die Ärzte sangen vor zwanzig Jahren: „Wer nicht mehr versucht zu kämpfen – kann nur verlieren“. Diese Zeiten sind längst vorbei. Mir soll es recht sein. Wenn Soffie das Aggressionslevel der Anti-Rechts-Bewegung symbolisiert, gebe ich gerne noch eine Runde Kaviar aus. 

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