Frisch aus der rechten Troll-Fabrik
Mit Clan-Chef und Terrorismus-Sympathisanten auf der Wahlparty – kein rechter Troll hätte sich das besser ausdenken können. Dreht die Berliner Linke jetzt schon über oder ist sie einfach ein bisschen dumm?
Stellen Sie sich folgende Szene vor: Wir befinden uns in der Werkstatt der rechten Hetz-Troll-Armeen, vor denen alle immer warnen. Es ist noch kurz vor der Berlin-Wahl. Wie in einem Sweatshop sitzen in einer unterirdischen Fabrik irgendwo in Sachsen Hunderte Rentner an ihren iPads. Wer hier landet, muss sich ein bisschen was zu seiner knappen Rente dazuverdienen, hat es aber mit dem Rücken und kann deshalb keine Pfandflaschen sammeln. Jedes Mal, wenn sich der Ischias meldet, wird der Schmerz in Hass auf Frauen und Migranten umgewandelt. Das ist der Antrieb dieser gut geölten Maschine.
Hätte es nicht gerade zum Zweck, die Demokratie in Deutschland zu untergraben, würde dieses Projekt wohl mit einem Friedenspreis ausgezeichnet werden. Wann sonst haben sich denn jemals zuvor Russland, die USA und Israel zu einem gemeinsamen Ziel vereint? Die Hetze, die hier produziert wird, stammt aus deutscher Handarbeit, auf KI wird hier noch weitestgehend verzichtet. Erstens achtet die zu sehr auf Groß- und Kleinschreibung und hat noch nicht ganz raus, wie viele Kotz-Emojis zu viel sind. Zweitens verbraucht sie zu viel Wasser, was bei Senioren kein Problem ist.
Ich hoffe, Sie haben die Szene nun bildlich vor Augen. So stelle ich mir die Schlafparalysen von Ruprecht Polenz vor. Was tippen die Troll-Boomer nun mit einem Zeigefinger in ihre Tastaturen? Welche Fake News denken sie sich aus, um die Leute gegen die Linken in Berlin aufzubringen? Was hassen und hetzen und hate speechen sie auf X, Facebook und Instagram rum? Der Klassiker dürfte doch schon mal die „Islamisierung Berlins“ sein. Berlin ist ja schon gemeinhin als Drogen- und Kriminalitätshotspot, Müllhalde und Schandfleck auf der Landkarte bekannt, deshalb wird man hier auf eine sehr blumige Sprache zurückgreifen müssen, um das noch zu steigern.
Die Clans werden endgültig die Überhand nehmen, die Terroristen mit ihren Flaggen durch die Straßen ziehen, die No-Go-Zonen werden sich ausweiten, die Polizei wird abgeschafft, überhaupt werden alle enteignet, keine deutsche Frau wird sich noch auf die Straße trauen können (fünf Ausrufezeichen, drei Kotz-Emojis, ein versehentliches Pudel-Emoji). Dann vielleicht noch eine schöne Fotomontage von Elif Eralp – die schon aus Prinzip immer falsch geschrieben wird – mit Kopftuch und vielleicht noch von Kai Wegner mit Turban (irgendwas Orientalisches halt, ist ja alles das Gleiche). Fotomontagen von Linken-Plakaten mit arabischer Schrift erübrigen sich, die gab es ja schon in echt.
Das ist doch schon mal ganz nett. Die Posts würden irgendwas zwischen dreitausend und fünftausend Likes bekommen, die Linken könnten sich über rassistische Hetzkampagnen beschweren und alle wären glücklich. Eine fröhliche Symbiose. Die Linke hat sich sehr bemüht, ihr extremistisches Gesicht nur einer ausgewählten Wählergruppe zu präsentieren. Bei den Studenten, den Antifa-Schlägern und einem gewissen migrantischen Milieu kommt das an. Im Mainstream muss man sich aber gemäßigt geben. Da sprechen dann alle Spitzenpolitiker von ihren vielen jüdischen Freunden, mit denen sie in regem Kontakt stehen und deren Ängste sie sehr ernst nehmen würden. Da will man ja nur einen Volksentscheid durchsetzen, nicht die ganze Stadt enteignen. Da nimmt man Kriminalität natürlich sehr ernst und kritisiert die Polizei ja nur für ihren strukturellen Rassismus.
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Kurz darauf kommt dann auch noch das niedliche Gesicht des Israelhasses Martha Kleedörfer um die Ecke und träumt von der Enteignung des Springer-Konzerns. Im Diskurs um die Berliner Linke ist das nur eine Randbemerkung, was an sich schon völlig irre ist. Was gäbe es für einen frontaleren Eingriff in die Pressefreiheit – wohlgemerkt ein Grundrecht, was man ja offenbar leider noch mal wiederholen muss – als die Enteignung eines unliebsamen Verlages?
Man hat das Gefühl, der Extremismus, der in der Berliner Linken vorherrscht, war den gesamten Wahlkampf über am Aufkochen und ließ sich exakt nur bis zur letzten Minute der Öffnungszeiten der Wahllokale unterdrücken, keine Sekunde länger. Selbst wenn man die Warnungen vor der Berliner Linken kannte, übertrumpft dieses offene Zurschaustellen von mehr als nur zweifelhaften Kontakten doch alles, was man erwartet hätte.
Für Koçak wird es gerade ein bisschen eng. Sämtliche Äußerungen, die er in der Vergangenheit getätigt hat, die Anfragen, die er im Bundestag gestellt hat, und seine Fixierung auf die Verteidigung von Clans ergeben in diesem neuen Licht nun etwas mehr Sinn. Die Linke behauptet, er hätte nicht gewusst, mit wem er da Fotos macht, und auch nicht, mit wem er da schreibt. Die Verteidigungsstrategie der Linken ist also gerade ungefähr: Sorry, Ferat ist halt ein bisschen dumm. Da chattet man eben mal mit dem Sohn eines Clan-Chefs über Clans, während man sich für Clans einsetzt, und macht dann Fotos mit eben jenem Clan-Chef, dem man zuvor noch von seinem Clan-Chef-Sohn liebe Clan-Grüße ausrichten lassen hat, ohne von irgendwelchen Clans gewusst zu haben.
Also eigentlich ist die Verteidigungsstrategie der Linken eher: Wir hoffen mal, ihr seid ein bisschen dumm. Ach ja und natürlich: rassistische Hetzkampagne. Doch wen man nicht aus den Augen verlieren darf, sind Firas Remmo und Ibrahim Ibrahim. Denn nehmen wir mal an, den Berliner Clans und Terror-Sympathisanten ist es gelungen, ein mehr oder weniger gut getarntes Trojanisches Pferd in das Berliner Abgeordnetenhaus zu schleusen. Warum um alles in der Welt postet man das dann auf Social Media?
Man muss ja auch sagen, das Veröffentlichen von privaten Chats ist ein Eingriff in die Privatsphäre von Koçak, der ihn gerade in ziemliche Schwierigkeiten gebracht hat. Wobei – wenn Remmo für ihn angeblich so fremd war, dürfte da kein Vertrauen bestanden haben, das gebrochen wurde. Trotzdem: Warum die List noch am gleichen Abend auffliegen lassen? Konnten Ibrahim und Remmo wirklich nicht auf die Party verzichten? Oder ist das schon die erste Machtdemonstration gewesen? Wenn es eine war, dann haben alle, die darüber jetzt bereitwillig hinwegsehen, um dennoch mit der Linken zu koalieren, den Test nicht bestanden. Was daraus folgen könnte – auch dafür fehlt jeder Troll-Armee die Fantasie.
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