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Corona-Schulschließungen: Die psychische Gesundheit von Jugendlichen wurde bewusst aufs Spiel gesetzt

Eine Studie der Universität Konstanz zeigt die drastischen Auswirkungen der Schulschließungen während der Corona-Pandemie. Die seien bislang weitgehend unbekannt gewesen - dass die psychische Gesundheit von Jugendlichen extrem gelitten hat, war in Wirklichkeit jedoch schon früh abzusehen.

„Nur die Spitze des Eisbergs“ – eine am Freitag veröffentlichten Studie der Universität Konstanz zeigt die drastischen Auswirkungen der Schulschließungen während der Corona-Pandemie. Die seien laut den Wissenschaftlern bislang weitgehend unbekannt gewesen – dass die psychische Gesundheit von Jugendlichen in einem außerordentlichen Ausmaß gelitten hat, war in Wirklichkeit jedoch schon früh abzusehen. Es hat nur niemanden interessiert.

Das Team von Wirtschaftswissenschaftlern der Universität Konstanz, der Universität Würzburg und des Medizinischen Universitätszentrums Hamburg-Eppendorf (UKE) untersuchte in ihrer Arbeit die unterschiedlichen Lockdown- und Homeschooling-Strategien der 16 Bundesländer und deren Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Dafür nutzte man die sogenannte COPSY-Studie des UKE, die BELLA-Studie (beide fragten die seelische Gesundheit und das Wohlbefinden ab) sowie Daten der größten deutschen Telefonhotline „Nummer gegen Kummer“.

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Und es kam heraus, was herauskommen musste: Die Schulschließungen während der ersten Corona-Welle haben zu einer erheblichen Verschlechterung der psychischen Gesundheit von Jugendlichen geführt. Laut der Studienleiterin Christina Felfe, ging es Schülern während des ersten Lockdowns durchschnittlich so schlecht, wie den 15 Prozent der Jugendlichen, denen es vor der Pandemie am schlechtesten ging. Besonders gelitten hätten männliche Jugendliche, Jugendliche im Alter von 11 bis 14 Jahren und Jugendliche, deren Wohnraum sehr begrenzt war.

Schon Anfang 2021 wurde das Ausmaß der Katastrophe sichtbar

Die Studie zeigt nun also schwarz auf weiß, wovor Kinder- und Jugendärzte, Psychologen und Psychiater bereits zu Beginn des Jahres 2021 warnten – und was an den Kinder- und Jugendpsychiatrien sichtbar wurde. Die waren im Zuge von Lockdown und Schulschließungen nämlich so überfüllt, dass laut Jakob Maske, dem Sprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, sogar eine Triage vorgenommen werden musste – das heißt, wer nicht unmittelbar suizidgefährdet war, wurde gar nicht erst aufgenommen. Maske sagte damals, es habe „psychiatrische Erkrankungen in einem Ausmaß [gegeben], wie wir es noch nie erlebt haben“.

In Österreich waren zu der Zeit ähnliche Entwicklungen zu erkennen: Die Psychiatrien waren durch die massive Zunahme von Kindern, die an Depressionen, akuter Selbstmordgefahr und schweren Essstörungen litten, völlig überfüllt. Der Klinikvorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Medizinischen Universität Wien, Prof. Paul Plener, berichtete der Kleinen Zeitung schon damals, dass sich der drastische Anstieg solcher Symptomatiken eindeutig auf die Schulschließungen und die soziale Isolation zurückführen lasse.
 
Doch von all dem wollte die Politik in Deutschland nichts wissen. Die Schulen blieben während der Lockdowns gnadenlos geschlossen – für den Schaden, der dadurch bei den Schüler angerichtet wurde, interessierte man sich nicht. Kinder und Jugendliche wurden bewusst im Stich und mit ihren Problemen alleine gelassen – und ich spreche aus Erfahrung, denn ich bin zu dieser Zeit selbst zur Schule, beziehungsweise nicht zur Schule, gegangen.

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Einige Schüler drehten völlig durch

Während des ersten Lockdowns war ich in der 8. Klasse und kann mich noch gut daran erinnern, wie ich ohne Hoffnung auf ein baldiges Ende des Albtraums monatelang im Homeschooling ausharren musste. Mein Leben stand völlig auf dem Kopf: Wir sahen unsere Lehrer nicht mehr, lernten nichts mehr, hatten keinen strukturierten Tagesablauf und konnten unsere Freunde nicht sehen – hatten generell kaum noch soziale Kontakte. Und ich habe gesehen was das mit meinen Mitschülern gemacht hat. Einige zockten nur noch Tag und Nacht, schliefen nicht mehr oder zogen sich völlig zurück.

Einer meiner Mitschüler lief sogar von Zuhause weg, weil seine Freundin Probleme mit ihrer Familie hatte und floh in ein Berliner Waldstück – die Polizei musste nach ihnen fahnden. Als die Schule wieder öffnete, war der Junge kaum noch wieder zu erkennen. Er war depressiv und aggressiv – bedrohte eines Tages andere Schüler mit einer angespitzten Rinder-Rippe. Und er war bei Gott nicht der einzige, der plötzlich schwerwiegende psychische Probleme hatte. Es musste sogar ein extra Sozialarbeiter eingestellt werden, um dem ganzen auch nur ein bisschen entgegenwirken zu können.

Viel genützt hat es nicht. Weder den Schülern, die psychisch gelitten haben, noch denen, die ihren Bildungslücken nicht mehr Herr wurden. Das Homeschooling war nämlich nicht mehr, als ein schlechter Witz – die Lehrer scheiterten an der Technik und die Technik an uns. Manchmal hatten wir über Monate hinweg weder Physik-, Latein-, Englisch-, Mathe-, Geschichte- noch Geografie- Unterricht.
 
Trotz alldem standen Kinder und Jugendlichen in der Corona-Politik immer an letzter Stelle – das kritisierte auch Christina Felfe in Bezug auf ihre Studie: „Das Kindeswohl wurde in der Pandemie dem Wohl aller anderen Bevölkerungsgruppen untergeordnet“. Und was hat all das genützt? Nichts – oder zumindest nicht viel. Mit den Folgen werden tausende Kinder und Jugendliche aber noch ihr ganzes Leben lang beschäftigt sein.

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