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Wolffsohn: Für Aiwanger-Attacken nutzen Linke „Juden als Objekte“

Der prominente jüdische Historiker Michael Wolffsohn kritisiert die Attacken auf Aiwanger. Als Nachfahre von Holocaust-Überlebenden fände er es „unerträglich“, wie Linke dabei „Juden als Objekte“ verwendet würden und gerne „tote Juden“ verteidigen, aber für die Interessen von „lebenden Juden“ wenig übrig hätten.

Bildquelle: Michael Wolffsohn, Wikimedia Commons via CC BY-SA 2.0

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In einem bemerkenswerten Interview mit der Welt hat der emeritierte Professor für Zeitgeschichte Michael Wolffsohn sich sehr kritisch über die Bigotterie in der Berichterstattung über den vermeintlichen Antisemitismus-Skandal rund um Hubert Aiwanger geäußert. Ihm gehe es dabei gar nicht um die Person Aiwanger, vielmehr gehe es darum, dass in der Berichterstattung mit zweierlei Maß gemessen werden würde, so Wolffson.

„Das ist unanständig“

Für Wolfssohn zeige sich nämlich ein deutliches politisches Ungleichgewicht im Umgang mit Fehlern aus der Vergangenheit: „Egal was stimmt oder nicht stimmt, der [Aiwanger] war damals 17 Jahre alt und bei vielen anderen Politikern, etwa bei Joschka Fischer, der mit 25 einen Vertreter des Staates, nämlich ein Polizisten, halb tot geschlagen hat, der dann Vertreter des Staates im Außenministerium war, gilt der Wandel.“ Weiter: „Bei vielen anderen auch: Beim Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann auch, der gilt jetzt als eingestandener Demokrat, eindeutig“.

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Wolffson bezieht sich damit auf die Jahre, in denen sich Kretschmann als Student der Universität Hohenheim der kommunistischen Studentengruppe Marxisten-Leninisten anschloss. Die war mit der gleichnamigen Partei KPD/ML verbunden, die eine radikale Jugendorganisation hatte, die sich die „Roten Garden“ nannte; der Name jener berüchtigten Truppe, die in Maos China die Kulturrevolution durchführte – einer der blutigsten Säuberungsaktionen der Menschheitsgeschichte mit Millionen Toten.

„Bei Aiwanger soll das aber nicht gelten“, doch „das was für nicht-konservative Politiker gilt, muss auch für konservative Politiker gelten – zweierlei Maß geht einfach nicht“ – so Wolffson.

„Wenn man das als politische Kultur bezeichnet, dann ist das Barbarei“

Ähnlich kritische Worte findet der Zeithistoriker auch zu den Rücktrittsforderungen und Nazi-Unterstellungen, die Hubert Aiwanger entgegengebracht werden: „Selbstverständlich muss darüber gesprochen werden, aber Rücktrittsforderungen oder zu versuchen, Aiwanger in die Nazi-Ecke zu stellen, das ist doch gerade zu absurd.“

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Ähnliches gilt für das Verhalten von Helmut, Aiwangers Bruder, der nach eigener Aussage der Verfasser des Flugblattes war – sein Verhalten ist für Wolffsohn nicht ideologisch, sondern psychologisch zu sehen: „Wenn das stimmt, dass der Bruder dieses Flugblatt verfasst hat, dann muss man sich doch in die Urgrunde der Psychologie hineinversetzen. Ein Schüler ärgert sich über die Lehrer, über die Schule. Was macht er? Er versucht die maximale Provokation.“ Und das sei „dass man mit den Auswirkungen, mit den Schrecklichkeiten, dieser Art schockiert – das ist ein ganz einfaches psychologisches Verhalten“, so Wolfssohn.

In dem Versuch der Presse, aus dem 35 Jahre alten Flugblatt einen Polit-Skandal zu drehen, auch wenn es der Bruder war, sieht Wolffsohn als den Versuch an, die „Sippenhaft“ wieder zu etablieren: „Das jetzt hier, Jahrzehnte danach, es dem Bruder noch zu unterstellen – das ist ja gerade zu Sippenhaft.“ – „Wenn es der Bruder gewesen ist, dann kann man nicht dem anderen Bruder, der es nicht gewesen ist, dafür solche Unterstellungen machen.“ Die mediale und politische Hetze grenze an Barbarei, so Wolffsohn: „Ich finde, das ist einfach inakzeptabel: Sippenhaft, das haben die Nazis gemacht, das ist in der DDR geschehen, das ist in anderen Diktaturen geschehen – wenn man das in der Demokratie als politische Kultur bezeichnet, dann muss ich sagen: Das ist Barbarei!“.

„Wir Juden werden zu Objekten gemacht“

Schwere Kritik übt der in Tel Aviv geborene Historiker auch an der Doppelmoral, mit der sich die SZ aber auch andere Kritiker, im Fall Aiwanger als große Kraft gegen Antisemitismus stilisieren. „Als Enkel und Sohn von Holocaust-Überlebenden, finde ich es unerträglich, dass wenn politische Süppchen in Deutschland gekocht oder ausgelötet werden, man Juden als Objekte dazu nimmt.“

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Grade die Süddeutsche Zeitung, habe sich „etwa mit Karikaturen, die gerade zu einen NS-Charakter hatten“, nicht besonders im Kampf gegen Antisemitismus hervorgetan – „Oder wenn ich an die Diskussion um die Documenta denke: Da waren wir Juden fast völlig alleine und diejenigen, die uns heute, also hier, quasi verteidigen, die verteidigen die toten Juden, wenn es um Auschwitz geht, aber wenn es um die Interessen, die Gefühle von lebenden Juden geht – dann sind wir nur Objekt.“ 

„Das kommt überhaupt nicht in Frage. Das mache ich nicht mit. Lasst mich mit euren Spielchen alleine“, so die eindeutigen Worte von Wolffsohn.

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