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„Ich kann nicht lügen“

Kommt der Weihnachtsmann zu Gregor Gysi?

In einer Talkshow meint Gregor Gysi: „Ich kann nicht lügen.“ Er würde auch schon seit 60 Jahren nicht mehr lügen, weil er sich seine Lügen einfach nicht merken kann. Doch reichen solche Plädoyers aus, um den Weihnachtsmann zu überzeugen, dass man ein braver Junge ist? Oder holt einen die DDR-Vergangenheit doch wieder ein?

Kurz vor Weihnachten werden selbst die ungezogensten Kinder brav – dann, wenn die Konsequenzen von schlechtem Betragen plötzlich so gegenwärtig erscheinen. Im Dezember nochmal zu versuchen, die Eltern und den Weihnachtsmann milde zu stimmen, ist eine bewährte Strategie. Meistens kann man noch einiges rausreißen und muss doch nicht mit Rute und Kohle unter dem Weihnachtsbaum sitzen.

Doch eigentlich ist dabei die Rede von unordentlichen Zimmern, frechen Widerreden, vergessenen Hausaufgaben und zerbrochenen Vasen. Wie ist das aber mit einer verbrecherischen SED-Vergangenheit? Ist der Weihnachtsmann da auch so leicht bereit zu vergeben? 

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Gregor Gysi wollte es wohl wenigstens versuchen. In der Talkshow RIVERBOAT vom MDR zu Gast erzählte er Anfang Dezember aus dem Nähkästchen. Was wie ein gemütliches ehrliches Kaffeekränzchen wirkte, wurde zu einem Offenbarungseid für den Umgang mit den Verbrechen der letzten Diktatur auf deutschem Boden. Gysi „gestand“ nämlich: Lügen könne er ganz prinzipiell nicht. Das sei das, was ihn von allen anderen Politikern unterscheide, er ist dazwischen etwas ganz Besonderes, eine ganz besonders ehrlich Haut. 

„Ich kann mir Lügen nicht merken“

„Ich kann mir Lügen nicht merken. Deshalb kann ich nicht lügen“, erklärt Gysi dem treuherzigen Publikum, das gerne bereit ist, ihm das abzukaufen. „Wer Lügen will, muss sich seine Lügen merken können“, fügt er weiter hinzu. Es klingt mittlerweile gar nicht mehr wie das beiläufige aus dem Nähkästchen plaudern. Er klingt, als wolle er überzeugen, sicher gehen, dass man ihm glaubt. 

Wie ein kleiner Junge, der mit rot verschmierter Schnute ertappt wurde und panisch versucht, zu beweisen, dass er nicht vom Kirschkuchen genascht hat. Oder wie Paris Hilton, die wegen Drogenbesitzes vor Gericht stand und sich mit der Argumentation verteidigte, das Kokain könne gar nicht von ihr sein, weil die Tasche, in der es gefunden wurde, viel zu billig für sie sei. 

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„Als ich mal gelogen habe, mit 16, hatte ich das natürlich am nächsten Tag wieder vergessen und das flog sofort auf. Und da habe ich mir gesagt: Gysi, das hat keinen Sinn. Wenn du dir deine Lüge nicht mal merken kannst, lass es bleiben. Und seitdem mache ich das nicht.“ Das Publikum im Studio klatscht begeistert. Es ist eine absurde Szene der kollektiven Amnesie. Gregor Gysi, einer der größten und unbeirrbarsten Lügner der deutschen Politik, erteilt sich selbst die Absolution – unter begeistertem Applaus.

Gregor Gysi kann nicht lügen? Das dürfte nicht mal die größte der zahlreichen großen Lügen des Gregor Gysi sein. „Lügen haben kurze Beine, Gysi, zeig uns doch mal Deine“ hieß es schon auf Spottplakaten in der Spätphase der DDR, als Gysi die SED und ihr Parteivermögen mit einem genialen Etikettenschwindel rettete.

Hubertus Knabe wirft ihm eine große Rolle im Milliardenraub des verschwundenen SED-Vermögens vor.  Der Immunitätsausschuss des Deutschen Bundestages hat nach jahrelanger Recherche „eine inoffizielle Tätigkeit des Abgeordneten Dr. Gregor Gysi für das Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik als erwiesen festgestellt.“ Gysi leugnet alles bis heute.

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Paris Hilton, Gregor Gysi und Justin Timberlake

Gysis Auftritt bei RIVERBOAT spiegelt eine alte Taktik wider, etwas kleines Negatives über sich zu behaupten, um damit eine wichtigere positive Eigenschaft hervorzuheben. Die Menschen glauben, dass sie sich damit unbemerkt besser darstellen können, doch meistens klappt das nicht. Man muss dazu sagen: Meistens handelt es sich hierbei um 13-jährige Mädchen, die darauf bereits wenige Jahre später als peinliche Erinnerung zurückblicken. 

Sonderlich elegant ist diese Taktik meistens nicht. Gysi ist da keine Ausnahme. Er spricht von dem einen Mal, dass er als 16-Jähriger mal gelogen habe, als wäre das ein Jahrhundertereignis für ihn gewesen – wer es glaubt. An dieser Geschichte ist so viel eigenartig und unglaubwürdig, dass es eigentlich belustigend wäre. So wie Teenie-Stars, die in Interviews beteuern, wie sehr sie jeden einzelnen ihrer Fans über alles lieben. 

Ähnlich wie Justin Timberlake seinerzeit davon lebte, dass pubertierende Mädchen sich Hals über Kopf in ihn verliebten, sich wegen solcher Interviews Chancen bei ihm ausmalten und bereits aus Loyalität jede Platte von ihm kauften, so sind Politiker davon abhängig, dass man sie für vertrauenswürdig hält.

Gysi sitzt das alles aus. Der Weihnachtsmann mag ihn nicht auf die Liste mit den braven Kindern gesetzt haben, aber das kann Gysi ganz egal sein – dann kommt eben Väterchen Frost. 

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