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„Umzingelt von Wirklichkeit“

Anne Will-Aus: „16 Jahre Aufklärung“ – oder 16 Jahre Einheitsfernsehen

16 Jahre lang war die Talkshow von Anne Will in der ARD gesetzt. Nun hört die 57-Jährige auf. In ihren Talkrunden agierte sie zunehmend regierungsfreundlich und räumte den Grünen immer mehr Platz ein.

Seit 2007 moderierte Anne Will den nach ihr benannten ARD-Talk. Nach 16 Jahren und 530 Sendungen wurde am Sonntag die letzte Folge mit der Moderatorin ausgestrahlt. Bundeswirtschaftsminister Habeck bedankte sich bei Will für „16 Jahre Aufklärung“, Katrin Göring-Eckardt legte bei X (vormals Twitter) mit „16 Jahre Diskussions- & Streitkultur“ nach. Doch in Wirklichkeit war die vielen Jahre vor allem von einem geprägt: der grün-roten Einheitsmeinung.

Vor Anne Will hatte Sabine Christiansen den beliebten Sendeplatz inne. Diese hatte sich scharf gegen die damalige rot-grüne Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder und Vizekanzler Joschka Fischer positioniert. In ihren Sendungen waren regelmäßig Vertreter von Wirtschaftsverbänden wie der BDI-Chef und spätere AfD-Gründer Hans-Olaf Henkel zu Gast.

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Anne Will hat einen anderen Weg eingeschlagen. Sie positionierte sich wesentlich regierungsfreundlicher. Anne Will galt als die Lieblings-Talkshow von Altkanzlerin Angela Merkel. Wenn Merkel (überhaupt) öffentlich zu aktuellen Krisen Stellung genommen hatte, dann zumeist bei Anne Will. 2015 rechtfertigte Merkel ihre Flüchtlingspolitik zum Beispiel erneut mit dem Satz „wir schaffen das“, der nach Wills Sendung große Bekanntheit erlangte. Im Frühjahr 2021 erklärte die Altkanzlerin, in der ARD-Sendung, die Notwendigkeit eines neuen Lockdowns.

Während Corona räumte Anne Will Lockdown-Hardlinern ohnehin viel Platz ein. Die Virologin Melanie Brinckmann und Christian Drosten waren damals Dauergäste in ihrer Talkshow. Als das Thema mit der Zeit an Brisanz verlor, entwickelten sich die Sendungen zunehmend zu einer Art Werbeveranstaltung für die Grünen – die Politiker der Partei waren deutlich überrepräsentiert. So wechselten sich die Grünen-Vorsitzenden Omid Nouripour und Ricarda Lang teils im Wochentakt mit Auftritten bei der Talk-Moderatorin ab.

„Wir sind umzingelt von Wirklichkeit“

Dazu passt auch, dass sich bei der letzten Ausgabe von Anne Will Wirtschaftsminister Robert Habeck die Ehre gab. Habeck bedankte sich zum Abschluss noch einmal ausdrücklich für die Arbeit der Moderatorin. „Danke Ihnen für 16 Jahre Aufklärung“ erklärte Habeck – „Das war schon stilprägend.“ Die ehemalige Grünen-Vorsitzende Katrin Göring-Eckardt legte auf X (ehemals Twitter) nach. „Danke, Anne Will! Für 16 Jahre Diskussions- & Streitkultur, fürs Fragen stellen & Orientierung geben, fürs Nachhaken & Weitergehen“. Allein Göring-Eckardt war bei 530 Sendungen 29 Mal zu Gast. „Es war jedes Mal eine Freude und Ehre. Auf bald!“, so die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.

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Für den tatsächlichen Geist der Sendung steht aber vielmehr eine andere Aussage, die der Wirtschaftsminister während der Folge am Sonntag zum Besten gab. Habeck klagte: „Wir sind umzingelt von Wirklichkeit“. Und genau so verhielt es sich auch mit Anne Will. Egal ob Energiekrise, Inflation, Corona oder bei Aufmärschen von Islamisten auf deutschen Straßen. Es herrschte in ihrem Talk stets eine Wagenburgmentalität, bei der realen Probleme und ihre Verursacher kaschiert und andere – wie der Rechtsextremismus – künstlich aufgebauscht wurden. Mit der „Wirklichkeit“ wollte man sich nur ungern auseinandersetzen.

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Den Sendeplatz von Anne Will wird künftig Caren Miosga einnehmen. Miosga ersetzte Will im Jahr 2007 bereits als Tagesthemen-Sprecherin.

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