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Sawsan Chebli verharmlost die Unterdrückung von muslimischen Frauen und Mädchen

Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli twitterte am Montag ein Bild, das suggeriert, dass „Christen“ und „Muslime“ in religiösen Gewändern gleich wären und deshalb auch gleich behandelt werden sollten - doch das ist nicht nur faktisch falsch, es negiert die Unterdrückung von Frauen im radikalen Islam.

„Wir sollten beiden mit Respekt begegnen“ schreibt die SPD-Politikerin Sawsan Chebli am Montag auf Twitter. Dazu postet sie ein Bild, auf dem – geteilt durch eine Linie – auf jeder Seite je eine Frau und ein Mann in religiösen Gewändern zu sehen sind. Übertitelt mit „Christen“ und „Muslime“, gleichen sich die Paare bis auf eine Halskette und die Halskrausen der Nonne und des Priesters. Und genau das ist auch beabsichtigt. Das Bild soll suggerieren, dass beide Gruppen völlig gleich wären – dabei gibt es einen gewichtigen Unterschied.

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„Insgesamt wächst die Intoleranz gegenüber Menschen, die sich sichtbar zu einer Religion bekennen. Antimuslimischer Rassismus reicht bis tief in die Mitte der Gesellschaft.“ schreibt die ehemalige Staatssekretärin und stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amtes über das Bild – und ihr Lieblingsthema: Den angeblich so weit verbreiteten Hass auf Muslime in Deutschland. Ihr Tweet ist ein Appell, dass Christen und Muslime gleich sind und deshalb auch gleich behandelt werden sollten. Allerdings – auch wenn ich weiß, dass Frau Chebli mir nun Rassismus vorwerfen würde -, gibt es doch ein paar kleine (oder große) und vor allem wesentliche Unterschiede. 

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Nur 0,01 Prozent der deutschen Bevölkerung sind Nonnen oder Priester

Zunächst gibt es unter Christen nicht grade viele Menschen, die in ihrem Alltag mit einem Nonnen-Gewand oder einer Priester-Robe durch die Gegend laufen – im Gegenteil: Laut Vereinigung der Ordensoberen Deutschlands gab es im Jahr 2021 im ganzen Land nur knapp 12.000 Nonnen und laut der Deutschen Bischofskonferenz etwas mehr als 12.000 katholische Priester. Das entsprach 2021 also je etwa 0,01 Prozent der Gesamtbevölkerung. Laut Statista lebten im Jahr 2020 derweil etwa 5,5 Millionen Muslime in Deutschland – auch wenn man davon ausgeht, dass nur die Hälfte von ihnen religiöse Gewänder, zum Beispiel das Kopftuch, tragen, wären das immer noch drei Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung. 

Man kann die beiden Gruppen also allein aufgrund ihrer Anzahl nicht miteinander vergleichen – nur ein schwindend geringer, und stetig abnehmender, Teil der Christen ist so religiös, dass er in einen Orden eintreten und ein Priester oder eine Nonne werden würde. Der Begriff Christ ist also im Prinzip falsch, man müsste eigentlich Ordensmitglied sagen – und selbst unter besagten Mitgliedern von christlichen Ordensgemeinschaften tragen lange nicht alle religiöse Gewänder wie den „Habit“ der Nonne und die „Soutane“ des Priesters. Viele Orden, zum Beispiel der Frauenorden Congregatio Jesu, überlassen es ihren Mitgliedern freiwillig, ob sie die Gewänder tragen wollen.

Der Unterschied

Und freiwillig ist hier das ganz entscheidende Stichwort: Kaum ein Mensch in Deutschland wird dazu gezwungen in eine christliche Gemeinschaft einzutreten und religiöse Gewänder zu tragen – bei Muslimen ist das, zumindest bei Frauen, aber durchaus anders. Auch wenn in Deutschland lebende Muslima nicht per Gesetz zum Kopftuch gezwungen werden können, wie etwa im Iran, so tun es häufig ihre Familien und manchmal auch ihr Umfeld – entweder direkt durch Gewalt oder indirekt durch psychischen und sozialen Druck. 

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Ich habe das als Kind in Berlin-Kreuzberg, einem Bezirk mit einem sehr hohen Anteil an Muslimen, selbst erlebt – ich hatte Klassenkameradinnen, die in der vierten Klasse plötzlich mit Kopftuch zu Schule kamen. Die von ihren Eltern, insbesondere ihren Vätern, dazu gezwungen wurden, Kopftuch zu tragen, sobald sie ihre erste Menstruation bekamen – eine von ihnen wurde sogar schon in der Grundschule einem Mann in der Türkei versprochen. Man merkte ihr in der Zeit deutlich an, dass es ihr schlecht ging, weil sie plötzlich aufhörte zu sprechen und weil sie oft in der Schule fehlte. 

Viele Mädchen haben nicht die Wahl

Frau Chebli weiß, dass nicht alle Frauen freiwillig Kopftuch tragen – dass viele Frauen aus dem nahen Osten es als Privileg sehen, dass sie sich in Deutschland dazu entscheiden konnten, ohne Kopftuch, Hijab oder Burka zu leben, ohne dafür geschlagen oder anderweitig misshandelt zu werden. Und dass auch einige Frauen und Mädchen, die in Deutschland leben und aufgewachsen sind, neidisch auf Chebli sind – weil sie selbst nicht die Wahl hatten, ihre Eltern oder Umfeld nicht so tolerant oder aufgeschlossen waren. 

Doch ich fürchte Frau Chebli möchte das Leid junger muslimischer Mädchen in Deutschland nicht sehen, weil es nicht in ihre Agenda passt – sie würde jedem, der das Kopftuch als Symbol der Unterdrückung bezeichnet, wohl nur Rassismus vorwerfen. Auch Menschen wie der Imamin der liberalen Moschee in Berlin, der Islam-Kritikerin Seyran Ates. Sie sagte in einem Interview 2006, dass das Kopftuch für sie „kein religiöses Symbol“ sei – „Es hat ausschließlich politischen Charakter und dient der Manifestierung der untergeordnete Rolle der Frau innerhalb der (muslimischen) Gesellschaft“. Und der Sexualisierung der Frau, beziehungsweise der kleiner Mädchen.

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