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„Fasch-O-Mat“: Zum Glück zeigt uns der Stern jetzt, wie wir unsere Nachbarn als Nazis entlarven  

Während Tausende auf den Straßen gegen ein zweites Nazi-Deutschland demonstrieren, gibt der Stern passenderweise einen Ratgeber unter dem Titel „So erkennen Sie einen Nazi“ heraus. Damit gibt es endlich eine wissenschaftliche Methode, verdächtigen Bekannten mal auf den Zahn zu fühlen.

Deutschland ist im Nazi-Hype. Seit Wochen versammeln sich tausende Menschen auf den Straßen, bereit, im Kampf gegen ein zweites Nazi-Deutschland auch ihr Leben zu riskieren. Denn wenn wir eins aus der Geschichte gelernt haben, dann, dass die Wannseekonferenz aus einer Gruppe bedeutungsloser Männer bestand, die in einem Hotel über ihre Verschwörungspläne gefaselt haben und dass man Hitler mit einer Online-Petition hätte stoppen können. Was die Weiße Rose nicht auf die Reihe gekriegt hat, wollen sie dieses Mal endlich richtig machen. 

Sämtliche Medien haben sich diesem Kampf angeschlossen. Besonders der Stern bekommt sich kaum mehr ein. Passend dazu gibt er also in einem Kommentar von Autor Stephan Maus einen Ratgeber heraus: „So erkennen Sie einen Nazi“. „Stern-Fasch-O-Mat“ nennt sich das Werk. Als Titelbild wird der Artikel von einer Schwarz-Weiß-Fotografie vom Reichsparteitag in Nürnberg im Jahre 1938, genauer „dem Aufmarsch der SA in der Luitpold-Arena“ geziert. Was wie eine (gelungene) Glosse wirken mag, scheint ernst gemeint zu sein. Jedenfalls hat Stephan Maus in der Vergangenheit schon Artikel mit dem Titel „Hubert Aiwanger lügt, wenn er behauptet, kein Extremist mehr zu sein“ völlig ernst gemeint. 

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Stephan Maus ist einer Untergrund-Nazi-Verschwörung auf der Spur. Nazis von heute, so stellt er fest, „laufen inzwischen nicht mehr mit Bomberjacken und Springerstiefeln herum“. Zu schade aber auch. Die Meinung eines Menschen aufgrund seines Aussehens zu beurteilen, hat doch in der Vergangenheit so super geklappt. Die Hammerbande um Lina E. ging zum Beispiel nach dem Muster vor, als sie Tobias N. zusammen schlugen. Er erlitt Platzwunden am Kopf, sein Jochbein und sein rechtes Auge mussten mit Metallplatten fixiert werden, bis heute ist sein Gesicht taub. Die Angreifer hatten ihn aufgrund einer Mütze mit Greifvogelsymbol für einen Nazi gehalten. 

Doch „die Nazis von heute tragen Tweed und Dackelkrawatte und geben sich gebildet und kultiviert“, stellt Stephan Maus fest. Und diese plötzlich kultivierten Nazis sprechen nicht mehr von Deportationen, sondern von „Remigration“. Und sie sitzen jetzt in prächtigen Villen und treffen sich mit Unternehmern. Die heutige Nazi-Szene hat also ein Style-Upgrade, ein Beauty-Makeover erhalten. Wenn ein Nazi nicht mehr an der Glatze erkennbar ist – woran soll man ihn dann noch erkennen? Der Stern schafft Abhilfe. Sie haben das moderne Nazi-Gedankengut in verschiedenen Stichpunkten einmal ganz einfach und klar zusammengefasst. Wer drei Aussagen zustimmt, der soll ein „waschechter Faschist“ sein, mit Stern-Gütesiegel. 

Biologie ist rassistisch

Die Auflistung beginnt mit Aussagen wie „Unterschiedliche Rassen sind unterschiedlich viel wert“, wir beginnen also mit klassischem Rassismus. Doch das alleine macht ja noch keinen Neo-Nazi aus. Die fast vierzig Stichpunkte, von denen einige klar faschistisch sind, sind durchwachsen von Punkten, die einfach nur dem grünen Parteiprogramm widersprechen. So ist man zum Beispiel bereits auf dem besten Weg ein Nazi zu werden, wenn man an biologische Geschlechter glaubt: „Das Geschlecht eines Menschen ist naturgegeben und kann niemals das Ergebnis einer selbstbestimmten Wahl sein.“

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Sie glauben nicht, dass man seine Chromosome verpuffen lassen kann, indem man nur ganz fest daran glaubt? Dann können Sie sich auch genauso gut ein Hakenkreuz auf die Stirn tätowieren. Gleich der nächste Punkt beschreibt: „Sprache ist niemals nur willkürliche Zeichenfolge, deren einzige Funktion ist, Kommunikation zu ermöglichen. Sondern Sprache ist der perfekte Ausdruck eines Nationalcharakters. Deswegen ist sie rein zu halten.“ Das würde so wohl kaum einer sagen. 

Doch die Frage ist: Wovon rein halten? Was ist gerade die größte „Bedrohung“ der Deutschen Sprache? Maus hat leider nicht den Mut, das klar auszudrücken, oder er wollte es möglichst breit halten, damit es lustig irre klingt. Aber spricht er hier etwa das Gendern an? Es ist jedenfalls die einzige Debatte, die es um die deutsche Sprache gibt. Und wenn biologische Geschlechter schon Nazi sind, dann das doch ganz sicher. Was interessanterweise auch aufgeführt wurde: „Eine Nation ist eine Schicksalsgemeinschaft, zusammengeschweißt durch eine unveränderliche Kultur.“

Im Jura-Studium lernt man von der Drei-Elementen-Lehre von Jellinek im ersten Semester. Die besagt, dass ein Staat sich aus einem Staatsgebiet, einem Staatsvolk und einer Staatsgewalt zusammensetzt. Und wie wird ein Staatsvolk definiert? Als die Gesamtheit einer durch die Herrschaftsordnung eines Staates vereinten Menschen, die eine Schicksalsgemeinschaft darstellen muss. Und es wird noch rassistischer: Der Regelfall zur Erlangung der Staatsbürgerschaft ist je nach Rechtsordnung die Abstammung (ius sanguinis) oder die Geburt auf dem Staatsgebiet des jeweiligen Staates (ius soli). Zusätzlich gibt es die Einbürgerung. Wir müssen unsere Einschätzung zu Annalena Baerbock vielleicht nochmal überdenken – dass sie nach eigener Aussage aus dem Völkerrecht kommt, könnte auch ein rechtsextremer Code sein. 

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Damit kommen wir zu einem anderen interessanten Nebeneffekt des Nazi-Katalogs. Denn so wie in der Auflistung einige absolut gängige, teilweise sogar wissenschaftliche, Thesen zu Nazi-Sprech erklärt werden, so macht die Anwendung auch aus so manchem Linken einen Nazi. „Die liberalen westlichen Regierungen sind Marionetten verborgener Mächte“, kann man ganz sicher öfter bei Treffen von antikapitalistischen Marxisten hören, als bei der Brandenburger Nazi-Elite. 

Black-Lives-Matter und Marx sind zertifiziert rechtsextrem?

Wo wir schon bei Marx sind. Woran erinnert Sie diese These: „Die Gesellschaft ist ein homogenes Ganzes, das von einem Volkswillen beherrscht wird. Niemand anderes als wir kennen diesen Volkswillen. Alle anderen Meinungen sind Volksverrat“? Vielleicht liegt es daran, dass Nationalsozialisten sich eben doch nicht umsonst als solche bezeichnet haben, aber das klingt doch sehr sozialistisch. Außerdem sind es doch die linken Politiker, die immer besser wissen, was das Volk will. Und wer rennt denn gerade mit dem Spruch „Wir sind mehr“ durch die Straßen? „Die Freiheit des Einzelnen und die freie Entfaltung der Persönlichkeit sind kranke Ideen einer dekadenten Moderne“ hätte auch von Stalin kommen können. 

Interessant wird es auch, wenn wir mal politische Bewegungen dem Stern-Test unterziehen, die nicht in Deutschland sind – Sie wissen schon, weil wir uns ja nicht abschotten und eventuell noch für Nazis gehalten werden wollen. Da gibt es besonders eine Bewegung in Amerika, die den Test mit Bravour bestehen würde, mindestens drei Aussagen sind da locker drin. „Jeder Mensch gehört einer ganz speziellen Rasse an und trägt deren besondere Charaktereigenschaften in sich“, „Die Vermischung von Kulturen ist keine Bereicherung, sondern eine Verwässerung“ oder „Vermischung unterschiedlicher Ethnien führt zur Schwächung jeder einzelnen Volksgruppe und ist ein Zeichen von Dekadenz.“

Immerhin haben wir es dem Stern zu verdanken, dass damit zumindest Teile der Black Lives Matter Bewegung zertifiziert rassistisch sind. Sie halten weiße Menschen für einen Gendefekt, sprechen unterschiedlichen Rassen angeborene Charaktereigenschaften zu (zum Beispiel sind weiße Menschen angeborene Rassisten), halten nichts davon, Kulturen zu vermischen, und wollen ihre Bräuche für sich behalten (Dreadlocks als Weißer ist verboten) und sie sind dafür, sich nicht mit weißen Menschen einzulassen. Einige fühlen sich auch nicht als Amerikaner, sondern als Afrikaner – obwohl ihr Stammbaum seit Jahrhunderten entwurzelt ist, sie nur den amerikanischen Pass haben und ihre einzige Verbindung zu Afrika ihre Gene sind. Wenn das nicht rassistisch ist, dann weiß ich auch nicht – Stephan Maus stimmt mir da sicher zu. 

Die Hitler-Tagebücher lassen grüßen

Es ist erschreckend, wie einfach es war, einen Mob loszutreten, der der festen Überzeugung ist, dass ein Comeback des zweiten Reiches bevorsteht. Alle sind auf Nazi-Jagd und schnüffeln wie ein Trüffelschwein querbeet durch alle politischen Ideologien und Spektren nach Thesen, die ihnen komisch vorkommen. Um Fakten geht es dabei nicht. Auch macht sich keiner die Mühe, sich mit den tatsächlichen Thesen der Nazis auseinanderzusetzen. Es geht nur um den Vibe, um das Bauchgefühl. Sie suchen nach einer Nazi-Ästhetik. Bei vielen hat man das Gefühl, dass sie sich zum ersten Mal mit Politik und Geschichte auseinandersetzen und einfach nur alles rot anstreichen, was das Wort „Volk“ enthält. 

Doch eins ist nicht überraschend: Dass der Stern dabei vorne wegmarschiert. Man hätte vielleicht gedacht, dass in etablierten Magazinen erfahrene Journalisten sitzen, die sich nicht so leicht aus der Fassung bringen lassen. Und es macht auch etwas stutzig, dass der Stern aus den Hitler-Tagebüchern nichts gelernt hat. Inzwischen sind sich viele Experten einig, dass die Fälschung der Hitler-Tagebücher die Verharmlosung Hitlers zum Zweck hatten. Immerhin wurde darin kein einziges Mal von Gaskammern geschrieben, stattdessen, schreib Hitler darin davon, die Juden nur aussiedeln zu wollen und eine friedliche Lösung zu finden. Der Stern fiel darauf rein.

Und neben der offensichtlichen Verharmlosung der Nazis, die man aus dem Artikel von Maus lesen kann, ist auch auffällig: In diesem Katalog kommt das Wort „Jude“ nicht einmal vor. Als wären sie nicht ein zentrales Feindbild von echten Nazis. Stattdessen ist alles möglichst breit gefasst, damit jeder, der für geregelte Einwanderung ist, zum Nazi gemacht wird und die afrikanischen Flüchtlinge die neuen Juden sind. Es ist beim Stern also noch alles beim Alten. Ein Wunder, dass der Katalog nicht direkt alle Männer mit nur einem Hoden unter Generalverdacht stellt. 

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