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Bundesregierung schweigt

Das Leid der deutschen Geiseln in Gaza

Mehr als zwanzig Deutsche sollen sich zwischenzeitlich in den Fängen der Hamas befunden haben - inzwischen sind einige von ihnen frei, andere wurden brutal ermordet. Doch das Schicksal dieser Menschen scheint in Deutschland kaum jemanden zu interessieren. Die Bundesregierung schweigt - und zeigt damit, wie wenig die deutsche Staatsbürgerschaft noch wert ist.

„Ich bin immer noch eine Geisel“, sagt Raz Ben Ami im Januar bei einem Besuch in Berlin. Die 57-Jährige war Ende November, nach fast zwei Monaten in Gefangenschaft der Hamas, bei einem Geiselaustausch freigekommen. Ihr Mann Ohad Ben Ami hatte nicht so viel Glück. Nachdem die Terroristen den Buchhalter nur in Unterwäsche und ohne Schuhe aus dem Kibbutz Be’eri gezerrt und von seiner Frau getrennt hatten, gab es kein Lebenszeichen mehr von ihm. Doch seine Frau will das nicht hinnehmen: „Ich werde nicht aufgeben, bis er hier ist“, sagt Raz Ben Ami – und spricht damit wohl nicht nur Yiehl Yehoud aus dem Herzen. Auch er ist an diesem Tag in Berlin – für seine Kinder Arbel und Dolev, die wie Ohad Ben Amin die deutsche Staatsangehörigkeit haben. 

„Papa, wo bist du?“, schreit die 28-jährige Arbel Yehoud immer wieder in den Träumen ihres Vaters. Yehiel weiß nicht, wo seine Kinder sind, er weiß nicht, was nach dem 7. Oktober mit ihnen geschah – ob es ihnen gut geht oder ob sie überhaupt noch leben. Gegenüber der Welt beschreibt er die quälende Angst um seine Tochter: Zu wissen, dass sie umgeben von männlichen Geiselnehmern irgendwo in Gaza festgehalten wird – von eben solchen Männern, die zahllose israelische Frauen vergewaltigten, folterten und ermordeten. Sein Leben lang habe Yehiel seiner Tochter immer geholfen, „doch seit [über] 100 Tagen, kommt Papa nicht“. 

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Als er Hilfe-Schreie hörte, rannte er raus – und kam nie wieder

Er kann sie nicht retten, weder Arbel noch seinen Sohn Dolev Yehoud. Der 35-Jährige lebte mit seiner Frau und drei Kindern nur wenige Häuser weiter im Kibbutz Nir Oz. Als er „Hilfe“-Schreie auf der Straße hörte, soll der ausgebildete Sanitäter herausgelaufen sein, um zu helfen. Währenddessen saß Sigal, seine im neunten Monat schwangere Frau, über Stunden mit ihren Kindern in einem Schutzraum im Haus – von Doval fehlte jede Spur. Sigal musste die Geburt ihres vierten Kindes ohne ihren Mann erleben. Der Times of Israel erzählte sie, dass sie sich nichts sehnlicher wünscht, als dass Doval am Leben ist und er seine kleine Tochter Dor kennenlernen kann – „sie muss ihren Vater kennen, und sie muss mit ihrem Vater aufwachsen“.

Und Dor ist nicht das einzige Kind, das seine ersten Lebensmonate ohne seinen Vater verbringen muss. Erst vor wenigen Tagen, am 18. Januar, feierte Kfir Bibas seinen Geburtstag. Irgendwo zwischen den Trümmern und Tunneln in Gaza. Die Hamas behauptet zwar, dass der kleine Rotschopf, sein vierjähriger Bruder Ariel und seine Mutter Shiri – alle deutsche Staatsbürger – tot sind, doch dafür gibt es keine Beweise – die IDF geht von „psychologischem Terror“ aus. Das einzige, was man sicher weiß, ist, dass die Hamas Vater Yarden, der getrennt von seiner Familie gefangengehalten wird, für Propaganda-Videos missbraucht. 

Ein ähnliches Schicksal musste auch Gadi Mozes erleiden. Nach seiner Entführung veröffentlichte der islamische Jihad, eine mit der Hamas verbündete Terror-Gruppe, ein Video von Gadi und einer weiteren Geisel. Der 79-Jährige sah deutlich gezeichnet und abgemagert aus. Yair Mozes, Gadis Sohn, sagte gegenüber israelischen Medien, man sehe ihm die Erschöpfung an: „Normalerweise lächelt er viel und ist aufmerksam, und hier sieht man Tränensäcke unter den Augen. Es besteht kein Zweifel, dass es ihm körperlich nicht gut geht.“ Doch nicht nur körperlich. 

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„Mein Herz ist in Gefangenschaft in Gaza“

Gadi Mozes musste bei seiner Entführung die Ermordung seiner Lebensgefährtin Efrat Katz mitansehen. Ihre 34-jährige Tochter Doron Katz Asher wurde mit ihren zwei kleinen Töchtern, die wie Mutter und Großmutter deutsche Staatsangehörige sind, aus dem Kibbutz Nir Oz entführt. Die junge Mutter und ihre Töchter Raz (4 Jahre alt) und Aviv (2 Jahre alt), kamen im Dezember bei einem Geiselaustausch frei. Dorons 51-jähriger Bruder Ravid überlebte die Geiselnahme jedoch nicht. Nachdem er am 7. Oktober seine Familie versteckt hatte und aus der Tür stürmte, um gegen die Hamas zu kämpfen, war er verschwunden. Ende Oktober wurde seine Leiche identifiziert – er hinterlässt eine Frau und ein nun etwa sieben Monate altes Baby. 

Seine Familie beschützen, sich überhaupt eine aufzubauen – diese Chance wird der 19-jährige Tamir Nimrodi, der als Soldat am Grenzübergang Eretz stationiert war, vielleicht nie kriegen. Man fand die Leichen zwei seiner Kameraden, doch von Tamir – der an diesem Tag nur da war, weil er einem Kameraden einen Gefallen tat und seinen Dienst übernahm – keine Spur. Für seinen Vater Alon ist das die „Hölle, Hölle, Hölle“, wie er der Taz bei einem Besuch in Berlin berichtet – wo er mit Tamir Urlaub machte als er 13 Jahre alt war. Vielleicht, um ihm seine deutschen Wurzeln näherzubringen. Und jetzt ist sein Sohn weg, entführt, vielleicht nicht mehr am Leben. Alon Nimrod kann seitdem nicht mehr schlafen, er sagt: „Mein Herz ist in Gefangenschaft in Gaza.“

Auch die Familie Chen, vermisst ihren 19-jährigen Sohn Itay „jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde.“ Itay, der sich ehrenamtlich in der Jugendarbeit engagierte und für sein Leben gerne Basketball spielte, war schwer verwundet, als er am 7. Oktober von Terroristen weggeschleppt wurde. Seine Mutter Hagit Chen hatte am „Tag des Grauens“ um etwa neun Uhr den Kontakt zu ihrem Sohn verloren – sie schrieb in einem Beitrag in der Jüdischen Allgemeinen im November: „Wir suchten nach ihm, doch er stand auf keiner Totenliste, war in keinem Krankenhaus zu finden.“ Denn Itay war, und ist noch immer, in Gaza. „Itay ist Soldat. Aber er ist auch ein Kind. Unser Kind, unser Baby, das in großer Gefahr ist“, schreibt Hagit.

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„Er will seine Söhne noch einmal sehen“

Die verzweifelte Mutter erzählt, dass ihre Vorfahren Holocaust-Überlebende waren. Itays Großmutter mütterlicherseits kam aus Bad Reichenhall, der Vater aus einem ukrainischen Dorf. Die Großmutter floh vor den Nazis aus Deutschland und baute sich in Israel eine Familie auf – genau wie der Großvater von Arbel und Dolev Yehoud, Curt Singer. Nun, erhoffen sich ihre Kinder, die Eltern der Geiseln, Hilfe aus Deutschland. Auch Talia Berman kam in die Bundesrepublik, wo ihre Wurzeln liegen, um nach Hilfe zu suchen – für ihre 26-jährigen Söhne, Gali und Ziv Berman. Die Zwillinge sind fröhliche junge Männer, die Fußball lieben und gerne gemeinsam um die Welt reisten. Nun sind sie beide in den Händen der Hamas – vielleicht sind sie zusammen, vielleicht getrennt, keiner weiß etwas. 

Für die Familie Berman herrscht seitdem ein Leben im Ausnahmezustand. Mutter Talia berichtet der Augsburger Allgemeinen, dass sie nächtelang nicht geschlafen und tagelang nichts gegessen habe. Ihr schwer kranker Mann, der im Rollstuhl sitzt, habe jeden Lebensmut verloren. Zwischenzeitlich musste er sogar in ein Krankenhaus, wäre fast gestorben. Doch für Talia steht fest, dass ihren Mann eines am Leben hält: „Er will seine Söhne noch einmal sehen.“ Um das zu ermöglichen, war sie in Deutschland – in der Hoffnung, dass das „starke Land“ etwas tun könnte. Und vielleicht könnten wir das, aber wir tun es nicht.

Nichtmal ein Wort des Mitgefühls

Wenn Gali und Ziv freikommen sollten, dann nicht durch die Hilfe aus Deutschland. Unsere Regierung hat in den letzten Monaten deutlich gezeigt, dass eine deutsche Staatsbürgerschaft kaum noch einen Wert besitzt. Das bewiesen sie nicht zuletzt im Fall von Shani Louk. Videos der 22-Jährigen gingen um die Welt: Man sah den halbnackten Körper der hübschen jungen Frau mit entstellten Gliedmaßen auf der Rückbank eines Trucks. Die Hamas fuhr Shani als Trophäe durch Gaza, während „Zivilisten“ auf ihren Körper spuckten. Kurz danach wandte sich Shanis Mutter Ricarda Louk mehrmals öffentlich an die Bundesregierung – sie flehte auf Deutsch um Hilfe. Was taten Olaf Scholz und Annalena Baerbock? Richtig, gar nichts. 

Sie verloren nichtmal ein paar Worte der Kondolenz, als bekannt wurde, dass man Teile von Shanis Schädel gefunden hatte. Nicht für Shani. Auch nicht für den 19-jährigen Soldaten Shay Levinson, der an die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz von Arabern und Israelis geglaubt hatte – dessen Leichnahm sich noch immer in Gaza befindet. Oder für den 38-jährigen Itay Svirksy, aus dessen Tod die Hamas ein Social-Media-Ratespiel machte. Unsere Regierung schenkte ihren Staatsbürgern keinerlei Beachtung. Nichtmal die Eltern von Carolin Bohl konnten auf Worte des Mitgefühls hoffen. Obwohl die 22-jährige Studentin aus Berlin nur als Touristin in Israel war – wo sie als eine von etwa 260 Menschen auf dem Nova-Musikfestival abgeschlachtet wurde. Das Letzte, was Carolins Mutter von ihrer Tochter hörte, war: „Ich habe dich lieb und danke dir für alles.“

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