Chemnitz.

Gegenwind. Die Kolumne von Vize-Chefredakteur Max Roland heute zu den aktuellen Ereignissen in Chemnitz.

Von MAX ROLAND | In Deutschland werden wieder Menschen gejagt. Der Braune Mob wütet durch die Straßen, im ganzen Land werden Pogrome veranstaltet, Moscheen brennen, Menschen mit brauner Haut werden aufgehängt… Das ist, wenn es nach unseren Medien geht, genau das, was gerade in diesem Land passieren soll.

Vorweg erstmal eine Selbstverständlichkeit: Ja, ich verurteile Nazis, logischerweise. Sie sind die Antithese zu allem, was ich vertrete, und wenn Menschen wieder mit dem Hitlergruß durch die Straßen laufen, dann ist das schlicht und ergreifend widerlich. Leider muss ich das vorwegschicken, denn das Debattenklima ist auf eine Art vergiftet, die ironischerweise jeden Nazi stolz machen würde.  Ich will mich heute Chemnitz widmen: Einer Stadt in einem schönen Bundesland, mit Menschen, die viel zu toll sind, um sie über einen Kamm zu scheren, wie es momentan vor allem jene Medien und Politiker tun, bei denen das Wort „Differenziert“ sonst den halben Wortschatz ersetzt.  Ich bin mir auch all den Pannen bei der Polizei bewusst, aber die sollen hier nicht Thema sein: Ich ignoriere sie dennoch nicht.

Wie wir es im Deutschunterricht gelernt haben, erstmal zum Faktischen. Was ist in Chemnitz passiert? Die Debatte ist so von Fake-News durchsetzt, dass man erstmal feststellen muss, was Wirklichkeit ist. In Chemnitz gab es mal wieder einen bedauerlichen Einzelfall, der keinem Muster folgt und vor allem bloß nicht instrumentalisiert werden sollte: Ein Mann wurde durch „Flüchtlinge“ erstochen. Einer der Täter, ein Iraker, der, Überraschung, gar nicht mehr im Land hätte sein dürfen, weil sein Asylantrag abgelehnt und er Ausreisepflichtig war, wird inzwischen per Haftbefehl gesucht. Nach dem Mord kam es zu Demonstrationen in der Chemnitzer Innenstadt. Zu diesen Demonstrationen kamen wohl auch mehrere Rechtsextreme, aber die Mehrheit der Leute waren wohl normale Bürger, Menschen, die ihren Unmut kundtun wollten. Ja, vielleicht waren sie Rechts der Union, vielleicht AfDler: Aber keine Nazis. Das ist wichtig, wenn man die Medienberichterstattung kritisch betrachten will.

Die Medien griffen das ganze natürlich auch auf: Aber noch ein Toter, der durch einen abgelehnten „Flüchtling“ starb? Noch einer auf dem Kerbholz für die Willkommens-Klatscher, die, besoffen vor Freude an der eigenen moralischen Erhöhung, damals frenetisch applaudierten, als man die Grenzen einfach so öffnete und die Kontrolle über die Lage mit Ansage über Bord warf? Darüber kann man nicht berichten. Bevor man aber in Tagesschau-Manier  drum herum wand, weil so ein Fall angeblich keine „nationale Relevanz“ hätte, zündete man stattdessen eine große Rauchbombe. man hatte ja die Nazis in Chemnitz – Jackpot. Schnell war von „Menschenjagden“ die Rede: Nazi-Mobs würden Menschen mit ausländischem Erscheinungsbild durch die Stadt jagen. Und nicht mal 24 Stunden später wurde genau das sogar durch niemanden geringeren als die Kanzlerin höchstselbst wiederholt. Mielke-Miniatur Heiko Maas war natürlich auch sofort dabei, zeigte sich anhand solcher Szenen besorgt um das Ansehen Deutschlands in der Welt.Nur hat von allen Medien, die von diesen „Hetzjagden“ sprachen, kein einziges tatsächlich Bilder davon gezeigt. Noch an dem Tag, an dem davon gesprochen wurde, habe ich mich hingesetzt und überall im Internet gesucht: Ich wurde nicht fündig. Nachdem ich mehrmals an verschiedenen Orten nachfragte (Und schon für die Frage nach einem Beweis als latenter Nazi beleidigt wurde), schickte mir jemand einen Link von einem Video. Zu sehen war kein Mob mit Fackeln und Mistgabeln, sondern einfach mehrere Leute, die sich mit (nicht zu sehenden) Migranten anlegten, in ihre Richtung brüllten und bedrohlich auf sie zuliefen. Was untergeht: Genau diese Migranten sollen vorher provoziert haben. Da das Video komisch geschnitten ist, kann ich nicht sagen, was wahr und falsch ist: Nach „Hetzjagden“ sieht das aber nicht aus. Für ein angeblich so schlimmes, großes Ereignis wird man doch wohl mehr Beweise haben als ein  fragliches Youtube-Video von einem unbekannten Account – oder?

Aber der typische Medienkreislauf (Die anderen Berichten es auch, und irgendjemand wird es doch nachgeprüft haben, oder?) war in Gang gekommen. Nazis in Chemnitz! Eine Dramatisierung der Ereignisse sondergleichen. Schnell konnte man die unliebsamen Demonstranten, die in Chemnitz friedlich auf die Straße gingen, mit einem Bruchteil an Hitlergruß-Idioten und Aggressiven zusammenwerfen. Während die üblichen Verdächtigen unter den Medien (Es sollte erwähnt sein, dass die Bildzeitung einen, zugegebenermaßen unglücklichen, aber dennoch respektablen Versuch unternahm, tatsächlich differenziert zu titeln) also begannen, das Märchen der neuen SA auf den Straßen von Chemnitz zu spielen, äußerten sich natürlich auch Politiker aller Couleur. Mein Favorit: Sawsan Chebli, die für ihre dümmlichen Twitterausfälle schon fast berühmte Staatssekretärin aus Berlin, war wohl innerlich schon in der Uniform des Rotfrontkämpferbundes auf dem Weg, die Leute daran zu erinnern, wie man in einer schönen Stadt namens Weimar die Dinge regelte, und twitterte, die „Gegenseite“ (Gemeint sind die Linken, oder auch ein uns in den letzten Tagen aufgezwungenes „Wir“) sei „zu wenig Radikal“. Auch andere Politiker äußerten sich euphorisch in Richtung Antifa und Konsorten.  Das linke Establishment nahm diesen Fall zum Anlass, um jetzt endlich den Kräften, die ihre Stellung als Herrscher über die offene Debatte in unserem Land zunehmend bedrohen, dem, was man am ehesten als allgemeine Skeptiker bezeichnen könnte, den totalen Krieg zu erklären. Jetzt müsse man mit der AfD auch aufräumen, war der Ton, diese Partei endlich vom Verfassungsschutz beobachten lassen. Jetzt sei die Zeit gekommen, gegen „Hass und Hetze“ vorzugehen, gegen die angeblichen braunen Horden, die unser Land bedrohen. Unter diesem Deckmantel kann man natürlich alles aussortieren, was einen stört.

Auch im Politikunterricht konnte das Thema natürlich nicht fehlen.  So legte unser Lehrer dem Kurs direkt zwei Texte vor: Einen wirklich unerträglichen Kommentar von irgendeinem Schreiberling in der SZ, der im Grunde sagte, an den Ausschreitungen wäre doch eigentlich nur der Umstand schuld, dass wir über Probleme mit Migration reden, und dass wir genau das deswegen lassen sollten, und ein Interview mit einem Politikwissenschaftler, der den all dem zugrundeliegenden Mord direkt am Anfang als einen „bedauerlichen Einzelfall“ deklarierte, auch aus der „Süddeutschen Zeitung“.

Ich möchte die Zerrissenheit der FDP hier nicht unerwähnt lassen. Ich fand durchaus spannend zu beobachten, wie die Partei öffentlich mit dem Thema umging. Parteivize Wolfgang Kubicki sagte – und das natürlich völlig zurecht – dass die Wurzeln für diese Ereignisse (auch) „in dem ‚Wir-schaffen-das‘ von Merkel“ lägen. Und nun taten sich die Gräben bei den Freien Demokraten auf: Ria Schröder, Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen, griff Kubicki für seine Aussagen an, sagte, dass an den Ausschreitungen nur „Rechtsradikalität“ schuld sei, und zeigte damit, warum böse Zungen den JuLis den Spitznamen „Liberalalas“ gegeben haben. Auch FDP-Bundesvorstandsmitglied Strack-Zimmermann griff ihren Kollegen an, der wiederum Rückendeckung von Generalsekretärin Nicola Beer bekam. In dieser Frage trennt sich in der FDP vielleicht, was Mainstreamkonformität angeht, die Spreu vom Weizen.

Mich bewegt aber etwas ganz anderes. Denn die Reaktion auf Dissidenten vom Mainstream war härter, als ich sie je gewohnt war. Ich war als jemand, der nie immer konform mit dem war, was in dieser Gesellschaft als „akzeptable Meinung“ gilt. Ich bin es also gewohnt, für meine Meinungen schief angeguckt zu werden. Damit habe ich auch kein Problem: Würde ich kontroversen aus dem Weg gehen wollen, würde ich meine Meinung erst gar nicht veröffentlichen, wie ich es hier tue. Aber die Heftigkeit, mit der mir begegnet wurde, wenn ich nicht auf den Zug aufsprang, der predigte, dass die braune Bedrohung vor uns stehe, dass wir jetzt „zurückschlagen“ müssten, überraschte mich doch. Wie man niedergebrüllt wird, wenn man irgendeinen Teil der Story, die uns serviert wurde, infrage stellt, nein, wenn man sogar nur Beweise dafür sehen will: Das macht mich besorgt. Wenn Politiker zu Radikalität aufrufen, wenn offen nach Angriffen auf Demonstranten gerufen wird, wenn normale Menschen, die gegen einen riesigen Missstand auf die Straße gehen, massiv diffamiert werden: Dann schadet das unserem Land. Momentan ist unsere Debattenkultur so kaputt wie fast noch nie in meiner Lebenszeit. Und das ist gefährlich. Wenn Dissens zu einer gesellschaftlichen Straftat gemacht wird, wenn das Verweigern einer unkritischen Meinungsübernahme mit Anfeindungen bestraft wird: Dann macht das etwas mit Menschen. Wer normale Menschen dauernd in einen Topf mit Nazis wirft, dann werden diese normalen Menschen dort irgendwann heimisch. Wenn Leute aus der Gesellschaft ausgestoßen werden, aus der Mitte, aus der sie kommen, vertrieben werden, dann gehen sie zu den Rändern. Oder kurz: Wer Leute andauernd zu Nazis erklärt, macht sie zu Nazis. Der Hass, die Überheblichkeit, mit der in dieser Debatte gearbeitet wird, die schaden unserer Gesellschaft. 300 Idioten, die den Hitlergruß zeigen: Das hält unser Land aus. Aber diese Art der Debatte, der dezentralen Zensur, der Hetze gegen alles, was nicht mit dem Mainstream konform geht, die Agitation gegen die, die das eigene Narrativ gefährden: Das wird unser Land auf Dauer nur schlechter machen. Ich bin heute 17 Jahre alt und gehe aufs Abitur zu. Ich will in 5 Jahren mitten im Studium stecken, Hausarbeiten schreiben, Verbindungspartys feiern: Und mich nicht zwischen dem rechten und dem linken Mob entscheiden müssen. Aber die Art, in der die öffentliche Diskussion über Chemnitz geführt wird, ist eine Art Vorschau auf eine Gesellschaft, in der nicht mehr verstanden, sondern recht gehabt werden will. Soll „Chemnitz“ zum Synonym für den Moment werden, in der die Debattenkultur der Republik endgültig verstarb? Das Verhalten von Medien und Establishment läuft darauf hinaus, die letzten Augusttage des Jahres 2018 zu genau diesem Moment zu machen.

1 Antwort

  1. le chaim sagt:

    Kluger, bewegender Artikel. Vielen Dank!
    Mich schockiert an den Vorgängen in Chemnitz besonders folgendes:
    Konnte unsere Qualitätspresse bei der Pegida-Bewegung (auf die ja schon ähnlich gnadenlos reagiert wurde) noch behaupten, die dumpfen Sachsen gingen quasi grundlos auf die Straße, ist hier ein Mensch gestorben, zwei weitere wurden schwer verletzt. So wie neuerdings viele Menschen in Europa (oder auch zB in Südafrika) tagtäglich getreten, geschlagen, gemessert (schönes neues deutsches Verb), vergewaltigt, gefoltert, ermordet werden, ohne dass darauf entsprechend entsetzt reagiert wird. Die ständigen Leugnungen und Verharmlosungen von Mord und Totschlag lassen mich erschauern. Diese Gefühlskälte gegenüber den Opfern, von denen wir kaum etwas erfahren oder über die gar nicht berichtet wird, zeigt, wie dünn der Firnis unserer Zivilisation schon wieder ist.
    Die auch unter Linken in Bezug auf das Dritte Reich stets beliebte Frage „Wie konnte das nur passieren, dass unter aller Augen Menschen gefoltert und getötetet werden konnten?“ findet hier ihre traurige Antwort: Genau so konnte das und kann das auch wieder passieren. Das waren keine Monster, böse Nazis, die mit uns nichts zu tun haben – es sind die ganz normalen Menschen, die zu unfassbarer Kälte und Härte fähig sind, wenn sie sich aus lauter Angst irren Fanatikern unterwerfen und mit den Wölfen heulen.

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