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Wegen syrischer Flüchtlinge

Süddeutsche Zeitung diskutiert, ob Frauen Eis in der Öffentlichkeit essen sollten

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In der Kolumne „Typisch Deutsch“ in der Süddeutschen Zeitung schreibt der Autor Mohamad Alkhalaf regelmäßig über Dinge, die er seit seiner Flucht aus Syrien 2016 hier erlebt – über die Besonderheiten dieses Landes. So auch am Freitag. Doch der Artikel „Ist Eisessen im Freien obszön?“ sorgt für Aufregung. Insbesondere der Anlauftext: „Darf man es anstößig finden, in der Öffentlichkeit eine Kugel Eis zu schlecken? Man darf, doch in München sollte man sich daran gewöhnen.“

Im Artikel erzählt Alkhalaf, dass es für seinen Freund Ibrahim kritisch ist, dass Frauen in der Öffentlichkeit „phallisch“ geformte Lebensmittel essen – er laufe rot dann rot an. Auch dem Autor selbst habe das bis vor kurzem Schwierigkeiten bereitet. Das wird mit der konservativen Kultur Syriens erklärt. Alkhalaf heißt das nicht gut, er weist erstmal nur auf die Kulturunterschiede zwischen Syrien und Deutschland hin – so weit so gut.

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Doch was ausbleibt: Die Erklärung, dass das Fremdeln seines Freundes ungerechtfertigt ist – und dass es ganz und gar nicht „obszön“ ist, wenn Frauen in Deutschland Eis auf der Straße essen. Stattdessen geht der Autor vom Beschreiben der Tatsache direkt zu einer kleinen Kunde absurder Deutscher Eissorten wie „Biereis“ über, ohne die Frage im Titel zu beantworten.

Die romantische Scharia


Seine Wortwahl lässt es offen, wie er es findet, dass Syrer ein Problem damit haben, wenn Frauen in der Öffentlichkeit ein Eis essen. So schreibt er, dass in „konservativen“ Gesellschaften wie Syrien von Frauen eine „zurückhaltende und respektvolle“ Haltung in der Öffentlichkeit erwartet würde. Zurückhaltend und respektvoll? Eine überaus verständnisvolle Wortwahl – man hätte auch unterdrückt, unterwürfig, unfrei schreiben können.

Doch positive Formulierungen lassen die Position des Autors offen. Beschreibungen wie „Früher kauften wir im Falle einer Speiseeisvertilgung eine große Box für die Familie, nahmen das Eis mit nach Hause, schlossen die Tür – und ließen es uns schmecken.“ klingen nicht, wie eine scharfe Kritik an der illiberalen islamischen Gesellschaft des Nahen Ostens – sondern wie eine Romantisierung einer Gesellschaft, die es Frauen nicht erlaubt, in der Öffentlichkeit ein Eis zu essen, weil es „phallisch“ geformt ist.

Am Ende ist in diesem Text mehr Verständnis da, für das Unbehagen syrischer Flüchtlinge gegenüber frei lebenden Frauen, als Verurteilung dieser rückständigen Vorstellungen. Und es bleibt die Botschaft aus dem Anlauftext: „Darf man es anstößig finden, in der Öffentlichkeit eine Kugel Eis zu schlecken? Man darf“. Die Süddeutsche Zeitung hält es für in Ordnung, dass Frauen, die in der Öffentlichkeit ein Eis essen, dafür komische und abschätzige Blicke kassieren.

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