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Geschichtsrevisionismus

Laut BBC waren die Ur-Briten schwarz

Die Kinder-Show „Horrible Histories“ des englischen Senders BBC hat ein Lied herausgegeben, das propagiert, dass es schon immer Schwarze in Großbritannien gab - der Ur-Brite schwarz war. Mit Fakten hat das jedoch wenig zu tun.

„Wir waren von Anfang an hier“ – die Kinder-Show „Horrible Histories“ des größten englischen Senders BBC veröffentlichte ein Lied, in dem propagiert wird, dass die ersten Einwohner Großbritanniens in Wirklichkeit schwarz gewesen wären. Dabei springt ein schwarzer Schauspieler fröhlich durch die Gegend und wechselt vom Höhlenmenschen-Outfti, zum Römer, britischem Adligen, Shakespeare-Lookalike und schließlich zum Weltkriegs-Soldat. Kindern soll offensichtlich ein Bild der Geschichte beigebracht werden, dass nicht den Tatsachen entspricht.

War der „erste Brite“ schwarz?

Fröhlich, mit einprägender Melodie singt der Schauspieler: „Was euch nicht erzählt wird: Wir waren hier von Anfang an. Von Steinzeit (…) bis zum Weltkrieg: Schwarze Menschen hatten ihren Part.“ Laut BBC waren die ersten Menschen in Großbritannien, die Steinzeit-Bewohner Englands, schwarz. Dafür wird als Beispiel der sogenannte „Cheddar Man“ angeführt, ein Skelett, das man im Jahr 1903 in einer Höhle in der Grafschaft Somerset im Südwesten Englands gefunden hat. Der vor über 10.000 Jahren verstorbene Mann, lebte zu einer Zeit, als Großbritannien noch überhaupt keine Insel war und soll tatsächlich dunkle Haut gehabt haben – außerdem blaue Augen und lockige Haare. Er war laut Wissenschaftlern Teil einer Jäger und Sammlergruppe, die sich später mit Bauern mischte und von der etwa 10 Prozent der heutigen Briten genetisch abstammen.

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Die BBC suggeriert, dass „Cheddar Man“ schwarz gewesen wäre, so wie Menschen aus Subsahara-Afrika – laut Wissenschaftlern soll er jedoch aus dem Nahen Osten nach Europa eingewandert sein. Ganz abgesehen von dem Fakt, dass Schätzungen des Aussehens und der Hautfarbe anhand von Gen-Analysen immer vorsichtig betrachtet werden müssen, war der „Cheddar Man“ übrigens auch nicht der erste Mensch in Großbritannien: Schon vor dem „Cheddar Man“ soll es Ureinwohner (unbekannter Hautfarbe) in Großbritannien gegeben haben, die aber ausstarben. „Cheddar Mans“ Lebzeiten gelten als Beginn der dauerhaften Besiedlung des Landes, weshalb man ihn als ersten Briten bezeichnet.

Doch um Fakten, Vermutungen und Kontroversen in der Geschichtsforschung geht es der BBC sowieso nicht – ein Muster, das sich auch durch den Rest des Liedes zieht. Nach „Cheddar Man“ geht es nämlich mit dem Zeitalter der römischen Herrschaft in Großbritannien weiter. Hier wird der römische Kaiser Septimius Severus, der in Libyen geboren worden sein soll, als Beispiel für einen dafür angeführt, dass schon immer Schwarze in England lebten. Sein Aussehen und genauere ethnische Herkunft sind jedoch völlig offen. So wird er laut Überlieferungen von einigen Zeitzeugen mit krausem Haar und dunklerem Teint beschrieben, andere Porträts zeigen ihn mit weißer Haut.

Außerdem werden die „Aurelian Moors“ angeführt – eine Einheit, die nach dem Kaiser Marcus Aurelius benannt wurde und aus Nordafrika stammen soll. Die Männer sollen in Aballava in Cumbria, einer befestigten Stellung am Hadrianswall in Großbritannien stationiert gewesen sein. Was nicht sonderlich überraschend ist – immerhin erstreckte sich das römische Reich bis nach Nordafrika und Vorderasien.

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Englischer Adel: Schwarze waren am Hof die Ausnahme, nicht die Regel

Weiter geht es dann mit dem englischen Adel, der laut BBC auch von schwarze Menschen mitgetragen wurde. Tatsächlich gab es zu Hochzeiten des englischen Adels, etwa unter Elisabeth. I auch einige Schwarze im Königreich. Im 16. Jahrhundert gab es bei einer Gesamtbevölkerung von zwei bis drei Millionen Menschen laut der US-Historikerin Gretchen Gerzina etwas mehr als 300 Schwarze auf der Insel. Viele kamen von iberischen Sklavenhändlerschiffen, die auf dem Weg zum amerikanischen Kontinent von englischen oder schottischen Freibeutern gekapert worden waren. Sie arbeiteten zumeist als Diener in London oder in Hafenstädten an der englischen Südküste und in der Regel nicht beim Adel. Dass der englische Adel von Menschen schwarzer Hautfarbe mitgetragen wurde, wie es BBC im Video dargestellt wird, ist also unsinnig. Königin Elisabeth I., befahl sogar, die „Blackmoors“ aus dem Lande zu schaffen.

Der beim BBC dargestellte schwarze Trompeter am englischen Hofe, John Blanke, stellt hier wohl eine Ausnahme dar. Er spielte sowohl 1509 beim Begräbnis von Heinrichs II. als auch bei der Krönung von Heinrich VIII. Seine Geschichte ist allgemein bekannt, wird in vielen Museen und von Geschichtsinstituten betrachtet – dass der Schauspieler beim BBC singt: „Aber aus den Geschichtsbüchern sind sie verschwunden!“, entspricht also nicht der Wahrheit.

Geschichtsrevisionismus

Schließlich besingt man dann auch noch die schwarzen britischen Soldaten im 1. Weltkrieg – so, als wäre es üblich gewesen, dass zu dieser Zeit viele Schwarze auf Seiten der Briten kämpften. Nach dem Historiker Piet Chielens ist das aber nicht ganz korrekt: Während Frankreich sehr stark auf dunkelhäutige Soldaten aus ihren Kolonien setzte, sollen die Briten im Ersten Weltkrieg Angst gehabt haben, ihren kolonialen Untertanen Waffen zu geben. Die einzige grundsätzliche Ausnahme soll die indische Armee gebildet haben.

Doch die BBC ist anderer Meinung als die Historiker: „Bevor die Inseln britisch wurden, spielten schwarze Menschen ihren Part“. Danach trällert der Schauspieler, dass die Zukunft in dieser Hinsicht toll aussehen würde: „Und heute ist die Zukunft voller Hoffnung; Rashford and Stormzy haben uns den Weg gezeigt. Evaristo, Blackman, Hamilton, Kaluuya und viele Namen mehr sind hier zu nennen.“ Hier werden zuletzt also schwarze Persönlichkeiten der Gegenwart geehrt. Menschen, die man mit Sicherheit für ihre Erfolge feiern kann – trotzdem hat das BBC-Video insgesamt einen bitteren Nachgeschmack: Statt die Geschichte Großbritanniens faktenbasiert und in all ihren Aspekten zu beleuchten, vermittelt man Kindern ein völlig falsches Bild der Geschichte – betreibt Geschichts-Revisinismus, während man sich mehr auf die Hautfarbe historischer Persönlichkeiten fixiert, als auf ihre Leistung und Rolle in der Gesellschaft.

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