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Reaktionen auf die Reform der Bundesjugendspiele

Haben die Deutschen etwa ihren Kampfgeist wiederentdeckt?

Die Bundesjugendspiele sollen ihren Wettkampfcharakter verlieren. Statt Leistung soll künftig die Freunde an der Bewegung im Mittelpunkt stehen. Dies wird unter anderem ermöglicht, indem die Leistung der Schüler nicht mehr mit Stoppuhr und Messband erfasst wird. Die Änderung wurde in der bundesweiten Ausschreibung der Sportveranstaltung für das kommende Schuljahr angekündigt – und scheint scheint deutschlandweit tiefe Traumata hervorzuholen. 

„Die Bundesjugendspiele sind ein postfaschistischer, patriarchalischer, militaristischer Unterdrückungsdreck, der endlich weg gehört“, kommentierte beispielsweise Jakob Augstein. Eine t-online-Journalistin prangerte gleich den Sportunterricht an sich an: Die ständige Selektierung in Mannschaftssportarten habe sie „komplett daneben“ gefunden. Unsportliche seien „wie die letzten Dummen“ übrig geblieben – sie selbst, das stellt sie klar, habe natürlich nicht zu den bemitleidenswerten Opfern gezählt. 

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Und ach, was könnte auch ich auf die Tränendrüse drücken und Ihnen über Höhen und Tiefen meines Sportunterrichts berichten, die Blamagen von uns Mädchen beim Weitwurf und Kugelstoßen, den gekränkten Stolz, den ich empfunden habe, wenn beim 800-Meter-Lauf in den letzten Meter noch meine Freundin an mir vorbeizog und den Preis einsammelte, den ich doch so gern haben wollte. Doch diese Geschichten haben wir in den letzten Tagen alle schon genug gehört.

Überraschend ist allerdings, wie viele Menschen in den letzten Tagen so gar kein Mitleid mit den traumatisierten Jammernasen hatten. Das kennt man gar nicht mehr von Deutschland. Selbst im Spiegel las man einen erstaunlich Bullerbü-kritischen Kommentar von Nikolaus Blome mit der Kernaussage: „Derzeit gewinnt unser Land eine viel zu kleine Zahl von Wettkämpfen jedweder Art, als dass es sich leisten sollte, weitere abzuschaffen, nur weil sie welche sind“. Und auch die Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) mahnte: „Wir tun unseren Kindern keinen Gefallen, wenn wir so tun, als ob sich messen und Leistung nichts mit dem Leben zu tun hätten“.

Ein unglaubwürdiges Bekenntnis

Wer hätte gedacht, dass es in Deutschland doch noch so viel Wettkampfgeist gibt. Immerhin ist Fußball gucken in Deutschland seit ein paar Jahren ungefähr so emotional wie live bei einer Bingo-Partie dabei zu sein. Ich meine, von einer Berliner Bildungssenatorin hätte ich eigentlich erwartet, dass sie ihrem Ruf gerecht wird und an der Reform der Bundesjugendspiele eher kritisiert, dass der Sportwettbewerb nicht komplett abgeschafft wird. So nach dem Motto: Man könnte ja auch den Sportunterricht einfach mit einem wöchentlichen Besuch im Bällebad ersetzen.

Aber jetzt plötzlich dieses Bekenntnis zu Konkurrenz und Leistung… das ist ganz ungewohnt. Was kommt wohl als Nächstes: Ein Politiker sagt in den Tagesthemen „Leistung muss sich wieder lohnen“ und kündigt Steuerentlastungen an? Die Bundesregierung beschließt, Sozialleistungen zu kürzen, um mehr Menschen zum Arbeiten zu bewegen? Die Abituransprüche werden wieder angehoben, sodass der Schulabschluss tatsächlich wieder eine „Hochschulreife“ widerspiegelt? Nun, so recht glaubt man nicht dran.

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