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US-Außenminister

„Glauben, dass Europa das Feuer neu entfachen kann“: Rubios historische Rede zum Westen im Wortlaut

US-Außenminister Marco Rubio hat in Athen eine historische Grundsatzrede zur Lage des Westens als Zivilisation gehalten. Er hat den gesamten Westen zu mehr Kooperation aufgerufen und vor Gefahren gewarnt. Hier die gesamte Rede in deutscher Übersetzung.

Von

Grundsatzrede zum Westen: US-Außenminister Marco Rubio in Athen (IMAGO/One Inch Productions)

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Überall auf der Welt gibt es große Ruinen. In vielen Fällen sind es Orte, an denen die Geschichte gleichsam an ihr Ende gelangt zu sein scheint: Überreste ferner Kulturen, die längst aus dem lebendigen Gedächtnis verschwunden sind. Doch die Akropolis ist anders.

Seit Jahrtausenden fesselt die Zivilisation, die das errichtete, was hinter mir steht, die Vorstellungskraft der westlichen Welt. Generationen unserer Staatsmänner, Künstler und Philosophen haben auf sie geblickt – voller Staunen und Ehrfurcht. Die Zeit hat die Neigung, unsere Wahrnehmung abzustumpfen. Große Siege und katastrophale Niederlagen schrumpfen irgendwann zu einer Fußnote in einem Schulbuch zusammen, zu einer weiteren Tatsache, die unsere Kinder auswendig lernen und wieder vergessen. Doch die Griechen der Antike scheinen unser Gedächtnis auf beinahe mystische Weise in ihrem Bann zu halten. Immer wieder rufen sie uns zu sich zurück.

Im Jahr 480 vor Christus erreichten die Heere des Xerxes diese Stadt und setzten ihre Heiligtümer in Brand. Die meisten Athener waren zu diesem Zeitpunkt bereits mit Schiffen auf eine nahe gelegene Insel evakuiert worden. Doch eine Handvoll von ihnen weigerte sich, ihre Heimat zu verlassen. Stattdessen verschanzten sie sich in der Felsenfestung der Akropolis und leisteten einen außergewöhnlichen letzten Widerstand. Sie schleuderten gewaltige Steine die Klippen hinab auf die persischen Angreifer und hielten das mächtigste Reich ihrer Zeit tagelang auf. Schließlich wurden sie überwältigt. Die Perser plünderten die Tempel, verbrannten die Heiligtümer und machten die Akropolis dem Erdboden gleich. Doch als die Athener zurückkehrten, sammelten sie die zerbrochenen Überreste der alten Akropolis ein und begruben sie in dem Hügel, auf dem sie gestanden hatte. Jahrzehnte später errichteten sie unter Perikles den Parthenon.

Seit 25 Jahrhunderten steht der Parthenon nun dort. Reiche sind in seinem Schatten aufgestiegen und untergegangen. Und die Nachkommen der Männer, die ihn erbauten – die Söhne Athens und Roms –, haben ihre Zivilisation bis an die Enden der Erde getragen. Zweieinhalb Jahrhunderte nach der Gründung der amerikanischen Republik und eine halbe Welt von dem Ort entfernt, an dem sie entstand, stehe ich heute hier als Außenminister dieser Republik und als Urenkel von Siedlern, die aus Spanien in die Neue Welt kamen. Ich stehe hier, um Zeugnis von einer Schuld abzulegen, die weder der Lauf der Zeit noch räumliche Entfernung jemals auslöschen können.

Die Geschichte Amerikas, die Geschichte meines Landes, trägt überall die Fingerabdrücke der Antike. Griechenland ist buchstäblich in die Architektur unserer Regierung eingemeißelt: in die hoch aufragenden Säulen, die Kuppeln und die Monumente unserer Hauptstadt. Selbst die Stadt, in der unsere Verfassung geboren wurde – Philadelphia –, trägt einen griechischen Namen. Die Männer, die mein Land gründeten, waren fasziniert von dem Erbe, das wir von Ihrem Land übernommen hatten. Sie waren außerordentlich belesen in Geschichte und sich ihres einzigartigen Platzes in ihr sehr bewusst. Doch keine andere Epoche der Vergangenheit fesselte ihre Aufmerksamkeit und ihre Vorstellungskraft so sehr wie die Antike.

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Viele Menschen sind überrascht zu erfahren, dass der in den Federalist Papers am häufigsten zitierte Autor kein Philosoph der Aufklärung und kein politischer Theoretiker war. Der meistzitierte Autor war Plutarch, der griechische Biograf der großen Männer Griechenlands und Roms. Über den Einfluss des antiken Griechenlands auf das Denken der amerikanischen Gründerväter ist viel geschrieben und gesagt worden – ebenso wie über seinen Einfluss auf all die westlichen Philosophen und Staatsmänner, die ihnen vorausgingen. Die Grundzüge dieser Geschichte kennen die meisten von uns: Athen gab uns die Demokratie. Platon und Aristoteles gaben uns die westliche Philosophie. Unsere Vorstellungen von Recht, Tugend, Bürgersinn und republikanischer Regierung wurden in den griechischen Stadtstaaten geprägt. Selbst ein großer Teil unseres politischen Wortschatzes – Wörter wie Demokratie, Tyrannei oder überhaupt das Wort „Politik“ – hat hier seinen Ursprung.

All das ist wahr. Doch was wir diesem Ort als Amerikaner und als Menschen des Westens verdanken, reicht noch viel tiefer. Diese Institutionen und Ideen waren der äußere Ausdruck grundlegenderer Eigenschaften, die wir bei den alten Griechen finden – Eigenschaften, die sich nicht auf ein bestimmtes politisches System oder eine bestimmte Theorie reduzieren lassen. Hier in Athen finden wir erstmals die vollständige Ausprägung all jener wesentlichen Eigenschaften, die später den Westen bestimmen sollten: ausgeprägte Individualität und unermüdlicher Ehrgeiz; kühne Entdeckungsfahrten und Erfindungsgeist; die Sehnsucht nach Entdeckung, Abenteuer, Risiko und Ruhm; eine unstillbare Neugier auf die Welt und auf die Prinzipien, nach denen sie funktioniert; den Hunger, die Geheimnisse der Natur zu erkennen und die Geheimnisse des Kosmos zu ergründen. Eine Ungeduld gegenüber der Vorstellung des Unmöglichen, das Aufbegehren gegen alle Grenzen und Beschränkungen, der Drang, in die Tiefen des Unbekannten vorzudringen.

Das waren nicht lediglich Lehrsätze oder Regeln einer bestimmten philosophischen Schule. Es waren Eigenschaften eines Volkes. Sie fanden Ausdruck in seinen Traditionen, seinen Geschichten und seiner Vorstellungskraft; in den Eigenschaften, die es von seinen Bürgern verlangte; in den Dingen, für die seine Menschen lebten, kämpften und starben. Sie zu kennen heißt, uns selbst zu kennen.

Was hier an diesem Ort erblühte, war der westliche Wunsch, all das ans Licht zu bringen, was Unwissenheit, Dunkelheit und Entfernung dem menschlichen Geist verborgen gehalten hatten. Die Griechen prägten nicht nur die Geschichte. Die Griechen gaben uns die Geschichte selbst. Vieles von dem, was wir heute über zahlreiche antike Zivilisationen wissen, stammt nahezu ausschließlich aus den Aufzeichnungen griechischer Entdecker und Historiker – von Entdeckern und Historikern, die nicht nur die Geschichte ihres eigenen Volkes festhielten, sondern hinauszogen, um die Geschichten fremder Völker und Kulturen überall auf der Welt zu beobachten und aufzuzeichnen. Während andere nach innen blickten, waren die Griechen die Ersten, die ihren Blick nach außen richteten, getrieben von der Faszination und dem Ruhm, all das zu sehen, was fremd und neu war. Diese Eigenschaft sollte den Westen dazu antreiben, Dinge zu erschaffen und zu errichten, die andere nicht erschaffen konnten. Sie unterschied uns von so vielen anderen Kulturen und Zivilisationen, für die Stabilität und bloße Existenzsicherung die höchsten Ziele des Lebens waren.

Doch von den Griechen haben wir nicht nur den Ehrgeiz geerbt, das Unbekannte zu erforschen. Wir haben auch die Überzeugung von ihnen geerbt, dass das Unbekannte erkannt werden kann: das Vertrauen darauf, dass die Welt vermessen, kartiert, erfasst und verstanden werden kann und dass dem Kosmos eine rationale Ordnung zugrunde liegt, die von bestimmten grundlegenden Gesetzen beherrscht wird – Gesetzen, die der Mensch beobachten und der menschliche Geist verstehen kann.

Das war das Fundament des westlichen Denkens: unserer Mathematik, unserer Wissenschaft, unserer Medizin, unserer Philosophie, unserer Ethik und unserer Religion. Es bereitete den Boden dafür, dass das Evangelium Jesu Christi in Europa auf fruchtbaren Boden fiel und zum Reich der Christenheit heranwuchs. Es bildete die Grundlage für den Reichtum der christlichen Theologie, für Augustinus und Thomas von Aquin und für die gesamte Tradition des Naturrechts. Daraus entstand eine Zivilisation, die nicht nur durch eine gemeinsame Kultur, sondern durch eine gemeinsame Anthropologie geprägt war – durch eine gemeinsame Vorstellung vom Menschen und seinem Platz im Universum. Ihre Nachfahren teilten nicht nur die Vorstellung einer natürlichen Ordnung, sondern auch ein besonderes Verständnis von Tugend, Bestimmung und Schicksal, von Wahrheit, Güte und Schönheit; von einem Kodex, der bestimmt, wie Menschen leben sollen; von objektiven Maßstäben und Idealen, denen man nachstreben soll.

Für die Griechen der Antike war das Streben nach Exzellenz das eigentliche Prinzip der menschlichen Existenz. Sie organisierten das gesamte öffentliche Leben um Wettstreit, Ehrgeiz und Konkurrenz: in Philosophie und Dichtung, in Bildhauerei und Theater, im Sport und in der Kunst, im Krieg und in der Staatskunst. Die klassische griechische Polis war eine Arena, in der große Männer sich erproben und beweisen konnten, in der sie durch fortwährenden Kampf ihr Potenzial schärften – um die Besten, die Stärksten, die Schönsten zu sein und sich immer weiter der Vollkommenheit anzunähern.

Ich weiß, dass das, was ich gerade beschrieben habe, für moderne Ohren merkwürdig klingen mag. Vielleicht sogar grausam. Das Ideal vieler Ideologien unserer Zeit ist offen gesagt eine Welt vollkommener Sicherheit geworden – eine Welt ohne Risiko oder Scheitern, in der es weder den Ruhm des Sieges noch die Schande der Niederlage gibt. Zu oft bauen wir heute nach unten. Wir gestalten unsere Maßstäbe so, dass niemand verlieren kann. Wir beschäftigen uns stärker mit dem Wohlbefinden der Schlechtesten als mit dem Potenzial der Besten. Wir machen das Außergewöhnlichste unter uns zum Gefangenen des Durchschnittlichen, des Gewöhnlichen, des Mittelmäßigen.

Die Männer, die den Parthenon errichteten, bauten nach oben. Sie waren überzeugt, dass das höchste und edelste Ziel im Leben darin bestand, alle anderen zu übertreffen und danach zu streben, in allen Dingen der Beste zu sein. Die antiken griechischen Stadtstaaten waren erfüllt von intensiver Leidenschaft, Rivalität, Parteienstreit und Konflikt. Doch gerade aus diesem fortwährenden Ringen um Auszeichnung entstand jene große Blüte von Kunst, Philosophie sowie politischer und geistiger Energie, die eine Ansammlung mediterraner Städte zur Geburtsstätte der größten Zivilisation der Welt machen sollte.

Der „thymos“, wie die alten Griechen ihn nannten – das Feuer aus Leidenschaft, Stärke, Mut und Stolz –, ist das Herz jeder großen Zivilisation. Und ohne ihn verlieren Nationen ihren Willen zu kämpfen, ihren Willen zu streben, ihren Willen zu überleben. Heute hat ein zu großer Teil des Westens diese Eigenschaft vergessen.

Mit der Zeit begannen wir im Westen, uns gerade für jene Dinge zu schämen, die uns außergewöhnlich gemacht hatten. Es wurde uns unangenehm, dass unsere Errungenschaften uns vom Rest der Welt abhoben. Unser Wohlstand wurde auf irgendeine Weise zu einer Quelle von Schuld. Wir glaubten nicht länger, dass wir unsere Größe verdient und uns erarbeitet hatten. Das Wort „Nationalismus“ wurde zu einem Schimpfwort. Also rissen wir unsere Denkmäler nieder; wir verurteilten unsere eigene Geschichte. Und an zu vielen Orten brachten wir unseren Kindern bei, sich für die Länder zu schämen, die sie eines Tages erben würden.

Dabei öffneten wir unsere Grenzen, verlagerten unsere Industrie ins Ausland und ließen unsere Streitkräfte verkümmern und verfallen. Und mit jedem weiteren Jahr schienen wir mehr von unserer Souveränität auszulagern und Entscheidungen an globale Bürokratien zu übertragen, die sich weit außerhalb unserer Kontrolle befinden. Andere waren nur allzu bereit, das Vakuum zu füllen, das wir hinterließen – das Vakuum unserer eigenen Schwäche. Und während das Selbstvertrauen des Westens schwand, wurden seine Gegner und Rivalen immer selbstbewusster und bauten an unserer Stelle ihren eigenen Wohlstand und ihre eigene Macht aus.

Heute stehen wir deshalb an einem Scheideweg. Denn das kommende Jahrzehnt und die Entscheidungen, die wir treffen, werden die Geschichte des kommenden Jahrhunderts schreiben. Der Weg, für den wir uns entscheiden, wird bestimmen, ob der Westen seinen Platz an der Spitze der Welt behauptet oder sich einer Zukunft aus Verkümmerung, Abhängigkeit und Niedergang ergibt. Entweder entscheiden wir uns jetzt zu handeln – oder wir verlieren überhaupt die Möglichkeit, noch handeln zu können.

Unter Präsident Trump haben die Vereinigten Staaten ihre Entscheidung getroffen. Wir entscheiden uns für das selbstbewusste, unverhohlene Streben nach nationaler Macht: dafür, die Kontrolle über unsere kritischen Lieferketten zurückzugewinnen, unsere Wirtschaft zu reindustrialisieren, unsere Verteidigung wieder aufzubauen und um die Vorherrschaft bei den Technologien und Industrien der Zukunft zu kämpfen. Wir entscheiden uns dafür, neue Grenzen zu erschließen: in der fortgeschrittenen Fertigung und bei der Superintelligenz; bei Drohnen, Waffen und Kriegsführung; bei Chips, Rohstoffen, im Cyberbereich und in jedem anderen Feld menschlicher Möglichkeiten. Wir wollen unsere Energie entfesseln, unsere Fabriken wieder aufbauen, unsere Astronauten auf den Mond zurückbringen und ein neues Zeitalter der Erforschung des Weltraums beginnen.

Bei all ihren hochfliegenden Idealen waren die alten Griechen nicht naiv. Sie verstanden, dass Nationen Interessen haben. Sie verstanden, dass Staatskunst Umsicht und Diplomatie verlangt. Doch sie verstanden ebenso, dass dazu auch die Fähigkeit gehört, Gewalt einzusetzen, wenn Umsicht und Diplomatie scheitern. Sie wussten, dass Macht nicht allein bedeutet, über die Mittel zur eigenen Verteidigung zu verfügen. Sie setzt auch glaubhaft voraus, dass man bereit ist, diese Mittel einzusetzen. Dieses klassische Verständnis von Politik und Staatskunst möchte die Trump-Regierung wiederbeleben – nicht nur für unser Land, sondern für unsere gesamte Zivilisation.

Wir glauben, dass Europa aus seinem langen Schlaf erwachen und das Feuer neu entfachen kann, das hier vor Jahrtausenden entzündet wurde. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits. Überall auf diesem Kontinent erleben wir das, was hoffentlich der Beginn eines Generationenwechsels sein wird: sprunghaft steigende Verteidigungsausgaben, eine Vielzahl neuer Partnerschaften und Programme sowie eine Ausweitung von Fertigung und Produktion – als Fortsetzung der historischen Verteidigungszusagen, die im vergangenen Jahr in Den Haag gemacht wurden.

Griechenland steht im Zentrum dieses Wandels. Die Menschen dieses Landes haben sich erneut als unverzichtbarer Freund Europas ebenso wie der Vereinigten Staaten erwiesen – von Energie über Migration bis hin zur Verteidigung, wo Griechenland ein vorbildlicher Verbündeter gewesen ist. Und es ist unsere aufrichtige Hoffnung, dass ganz Europa Ihrem Beispiel folgen wird.

Auch wenn Leidenschaften zuweilen die freundschaftlichen Bande zwischen den Vereinigten Staaten und Europa strapaziert haben, dürfen wir nicht zulassen, dass sie diese Bande zerreißen. Gemeinsam müssen wir ein Bündnis stärken, das in der Lage ist, den Bedrohungen unserer Zeit entgegenzutreten. Und wir können das. Denn wir glauben nicht, dass die transatlantische Freundschaft ein Nullsummenspiel sein sollte. Ganz im Gegenteil: Unsere Vorstellung ist die eines Bündnisses, dessen Stärke größer ist als die Summe seiner Teile.

Wir haben diese Vorstellung erst im vergangenen Monat in einem beispiellosen neuen Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten, Dänemark und Grönland in die Tat umgesetzt gesehen – einem Abkommen, das die Arktis neu gestalten und die Sicherheit der gesamten NATO stärken wird. Alle drei Partner dieses Abkommens gingen daraus als Gewinner hervor. Ganz Europa, die NATO und die Vereinigten Staaten wurden dadurch sicherer, stärker und besser geschützt. Wir wollen gemeinsam gewinnen. Wir müssen gemeinsam gewinnen.

Heute ist es in Mode gekommen zu glauben, aufgeklärte Außenpolitik bedeute, die globale Gemeinschaft über das eigene Volk zu stellen. Und auch hier, glaube ich, können wir viel von den Männern des antiken Griechenlands lernen. Denn sie wussten, dass an der Loyalität zur eigenen Nation nichts Egoistisches oder Verwerfliches ist – und ebenso wenig daran, vor allem für die Verteidigung ihrer Interessen zu kämpfen.

Sie glaubten leidenschaftlich an das Ideal des großen Mannes: des außergewöhnlichen Individuums, das durch seine eigenen Taten Unsterblichkeit erlangt. Doch sie glaubten auch, dass Ruhm und Ansehen dadurch errungen werden, dass man strebt, Opfer bringt und Großes für etwas vollbringt, das größer ist als man selbst. Der immer wiederkehrende Held der antiken griechischen Welt war der Mann, der bereit war, jeden Preis für eine Sache zu zahlen, die seiner Loyalität würdig war.

Wir sehen das bei Sokrates, der sich weigerte, die Suche nach der Wahrheit aufzugeben, selbst wenn ihn dies sein eigenes Leben kostete. Wir sehen es im legendären letzten Kampf der 300 Spartaner, die – umzingelt und den gewaltigen Heeren Persiens hoffnungslos unterlegen – die Möglichkeit ablehnten, sich selbst zu retten, und sich stattdessen entschieden, bis zum letzten Mann zu kämpfen, statt ihren Posten oder ihre Pflicht aufzugeben. Und wir sehen es im großen Mythos von Achilles, dem die Wahl angeboten wird, nach Hause zurückzukehren und ein langes und friedliches Leben zu führen, der sich jedoch stattdessen dafür entscheidet, in Troja zu bleiben und auf der Suche nach ewigem Ruhm zu sterben.

Das sind die Eigenschaften, die die moralische Vorstellungskraft des Westens prägen sollten: vom christlichen Märtyrer, der sich weigerte, seinen Glauben zu verraten, bis zum Patrioten, der sein Leben für sein Land hingab; vom heiligen Thomas Morus bis zur Schlacht von Alamo – bis hin zu den unsterblichen Schlussworten der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten: „Wir verpfänden einander unser Leben, unser Vermögen und unsere heilige Ehre.“

Von den Griechen hat der Westen sein Pflichtgefühl geerbt – eine unauflösliche Loyalität gegenüber dem eigenen Kodex, der eigenen Sache und dem eigenen Land. Unsere Helden, die Helden des Westens, sind diejenigen, die ihrer Pflicht gerade dann treu bleiben, wenn dies am schwierigsten und schmerzhaftesten ist: der Mann, der an sein Wort gebunden ist; der Soldat, der seinen Posten nicht verlässt; der sprichwörtliche Kapitän, der mit seinem Schiff untergeht.

Das unterscheidet sich grundlegend von dem, was wir selbst heute etwa bei Fanatikern wie den radikalen Mullahs des Iran beobachten, deren Todeskult minderjährige Selbstmordattentäter zu Nationalhelden erklärt und das Märtyrertum zu einem Selbstzweck erhebt. Unsere Helden mögen bereit sein, für ihre Sache zu sterben. Aber unsere Helden verehren den Tod nicht. Gerade weil wir das Leben wertschätzen, erkennen wir das Heldentum derjenigen, die es lieber opfern würden, als ihre Prinzipien zu verraten.

Wir halten diese Vorstellungen des Westens – Heldentum, Ehre, Pflicht – für selbstverständlich. Wir nehmen an, sie seien irgendwie universell und hätten für alle Menschen, zu allen Zeiten und an allen Orten gegolten. Das tun sie nicht. Sie sind das Ergebnis eines ganz bestimmten Charakters – eines Charakters, der hier entstand und die gesamte Geschichte der Zivilisation prägte, die ihm folgte. Einer Zivilisation, für deren Verteidigung wir heute mit derselben Leidenschaft kämpfen müssen wie unsere Vorfahren.

Auf die Männer, die den Parthenon erbauten, folgten die Architekten der europäischen Christenheit, die die Kathedralen von Mailand, Köln und Florenz errichteten. Das Streben nach der Vollendung der menschlichen Gestalt, das die antiken griechischen Bildhauer antrieb, fand in Michelangelo einen neuen Ausdruck. Die Suche der griechischen Philosophen nach der Struktur des Universums wurde von Kopernikus übernommen, dann von Galilei, Kepler und Newton. Der Hunger nach neuem Wissen brachte Magellans erste Expedition um die Welt hervor, Kolumbus’ Entdeckung Amerikas und schließlich die Reise von Apollo 11 zum Mond. Und die Eigenschaften, die Alexander dazu brachten, die gesamte damals bekannte Welt zu erobern, erschienen erneut in Caesar, dann in Karl dem Großen und in Cortés.

Und in Amerika entdeckte diese Tradition sich selbst aufs Neue. Ein offenes und wildes Land wurde zum Schauplatz einer großen Wiederbelebung westlicher Vorstellungskraft und westlichen Ehrgeizes. Das griechische Streben nach neuen Horizonten wurde zum amerikanischen Pioniergeist. Die Zivilisation Athens und Roms verwandelte eine junge Republik an der Atlantikküste in ein kontinentales Imperium. Die größten Amerikaner jeder Generation trugen die unverkennbaren Züge ihrer Vorfahren in sich – geboren in Athen, geformt von Rom, getauft in der Christenheit, gehärtet im Schmelzofen des mittelalterlichen Europas, ausgestattet mit dem englischen Genie für Freiheit und schließlich über den Atlantik getragen, um an den Küsten einer neuen Welt wiedergeboren zu werden.

Gemeinsam müssen wir diesen Geist nun wiederentdecken. Wir befinden uns an einem Wendepunkt – einem Wendepunkt nicht nur in der Geschichte meines Landes, sondern in der Geschichte unserer gesamten Zivilisation. Die Bedrohungen, denen wir heute gegenüberstehen, sind genauso real wie jene auf der dramatischen Bühne der Antike. Nationale Interessen verschwanden nicht durch die Entstehung internationaler Institutionen. Der Krieg verschwand nicht einfach deshalb, weil wir den Frieden bevorzugten. Andere Staaten rüsteten weiter auf, strebten nach Einfluss und konkurrierten um Territorien, Technologien, Rohstoffe, Märkte, Energie und Macht.

Und heute gibt es wieder Krieg. Es gibt wieder Konkurrenz zwischen Großmächten. Es gibt wieder Verwundbarkeit, Aggression und Terrorismus – ein ganzes Universum neuer Bedrohungen und Angriffe. Deshalb müssen wir unsere Institutionen und unsere Bündnisse wieder aufbauen, um diesen Bedrohungen gemeinsam entgegenzutreten. Dabei müssen wir verstehen, dass der Zweck dieser Institutionen nicht darin besteht, die Souveränität der Nationen abzuschaffen, aus denen sie bestehen. Ihr Zweck besteht darin, diese Souveränität zu verteidigen. Und Nationen müssen ihre eigenständigen Identitäten nicht aufgeben, um ihre gemeinsamen Interessen anzuerkennen.

Gemeinsam mit unseren Partnern hier in Griechenland haben wir dafür ein Modell geschaffen: in unseren Verteidigungspartnerschaften, in Energie und Technologie sowie in unserem gemeinsamen Ziel, Europas Grenzen vor den Bedrohungen der Massenmigration zu schützen. Unsere Freundschaft reicht bis in die frühesten Jahre meines Landes zurück. Als Griechenland sich 1821 erhob, um nach Jahrhunderten osmanischer Herrschaft seine Unabhängigkeit zurückzugewinnen, erkannten die Amerikaner in diesem Kampf etwas Vertrautes.

Drei Jahre später hielt der große amerikanische Staatsmann Daniel Webster eine berühmte Rede vor dem Kongress und brachte damit die Sache der griechischen Revolution vor die Vertreter der jungen amerikanischen Republik. Er begann damit, ihre Aufmerksamkeit auf alles zu lenken, was sie umgab. Er sagte in seiner Rede: „Diese freie Regierungsform, diese Volksversammlung … diese Praxis der freien Debatte und öffentlichen Diskussion, der Wettstreit von Geist gegen Geist … selbst das Gebäude, in dem wir uns versammeln, diese wohlproportionierten Säulen, diese verzierte Architektur – all das erinnert uns daran, dass Griechenland existiert hat und dass wir, wie der Rest der Menschheit, tief in seiner Schuld stehen.“

Diese Worte sind heute genauso wahr wie an dem Tag, an dem er sie aussprach. Und wir alle – nicht nur die Amerikaner, sondern auch die Europäer und unsere Freunde überall im Westen – müssen die Lehren neu erlernen, die unsere Vorfahren aus diesem Ort und seiner Geschichte gezogen haben.

Die Geschichte Griechenlands gewährt uns nicht nur einen Blick auf unsere Institutionen in ihren frühesten Formen. Die Geschichte Griechenlands zeigt uns ein Bild von uns selbst. Sie zeigt uns, dass wir die Erben großer Helden sind und dass wir stolz sein sollten – dass wir zutiefst stolz darauf sein sollten –, woher wir kommen. Wir sollten darüber staunen, was unsere Vorfahren aus dieser Landschaft geschaffen haben.

Die Geschichte unserer Zivilisation ist die größte Geschichte, die der Menschheit je bekannt war. Und sie begann hier, mit den ersten Männern und Frauen des Westens. Von ihnen können wir die Tugenden, den Mut und die Stärke wiederentdecken, die wir brauchen, um den Gefahren unserer eigenen Zeit entgegenzutreten.

Vielen Dank.

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2 Kommentare

  • Mit jedem Auftritt verspottet Rubio den dicklichen, dümmlichen JD Vance, der nicht ansatzweise an diesen Pathos und Aura heranreicht.
    Bravo!

    • Nach meinem Geschmack etwas zuviel Pathos. Zudem bleibt die Verpflichtung zur Erhaltung der Schöpfung bei seiner Rede auf der Strecke, sie wurde in allen Epochen der Eroberungen mit Füßen getreten wie auch heute in den Kriegen, aber auch immer bei jedem exponentiellem Wachstum neuer Technologien. Die Natur, unsere Lebensgrundlage, wird geschliffen, ausgebeutet und immer weiter zerstört. Was nützten die Errungenschaften des Westens, wenn sie am Ende verbrannte Landschaften, eine verwüstete Tierwelt und zerstörte Ökosysteme hinterlassen, die Existenzbedrohend für die ganze Menschheit sind?

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