Zugausfälle, kaputte Klima und mehr: Dauerkatastrophe bei der Deutschen Bahn 

Von Simon Ben Schumann | Ende Juni war ich zu Gast beim Apollo-Seminar in der Nähe von Berlin. Bei der Rückfahrt wollte ich etwas sparen und nahm das 9-Euro-Ticket. „Wird schon klappen, steht ja auch in der DB Navigator App“: berühmte letzte Worte.

Wenn die Bahnfahrt zur Odyssee wird

Klar: Es ist schon ein Risiko, nur mit Regionalbahnen von Brandenburg ins Ruhrgebiet zu fahren. Aber da ich mir vorher fein säuberlich einen Fahrplan in der DB-hauseigenen App „Navigator“ erstellt hatte, waren meine Befürchtungen eher gering. Die Fahrt sollte planmäßig ca. 8 1/2 Stunden dauern – für lau, weil das 9-Euro-Ticket im Semesterticket der Uni enthalten ist.

In Erkner, wo das Seminar stattfand, stieg ich erstmal mit zwei Apollo-Kollegen in den Regionalexpress. Der war brütend heiß. Die Klimaanlage war entweder ein naiver Wunschtraum, ausgefallen oder ein Minigerät aus dem 1-Euro-Shop. Immerhin waren wir pünktlich am Berliner Hauptbahnhof. Hier trennten sich unsere Wege – meine Kollegen nahmen den ICE.

Ich musste aber unbedingt den Schnäppchenjäger mimen. Mit einer Verspätung von ungefähr einer halben Stunde bestieg ich also den RE nach Rathenow, von dort aus ging es weiter nach Stendal. Hier durchschritt ich das Tor zur Hölle.

Es war nicht nur heiß auf Bahngleis 7, sondern auch voll. Den Zug nach Wolfsburg wollten eine Menge Leute nehmen, eine richtige Alternative gab es nicht. Zunächst hieß es, der Zug würde sich verspäten. Dann kam die Nachricht über einen der Bildschirme: Zug fällt aus.
Die Stimmung auf dem Wartesteig kippte, auch ich war jetzt schlecht drauf. Die Fahrt nach Hause verlängerte sich mal eben um 4 Stunden. Der Umweg über Magdeburg verlief zwar problemlos, doch der Zugausfall brachte weiteres Umplanen mit sich. Erst um Fünf Uhr morgens fiel ich völlig kaputt ins Bett. Froh war ich, nicht von mitten in der Nacht am Bahnhof in Hamm „abhängenden“ Leutchen attackiert worden zu sein.
Bilanz des Ganzen: 80,00 € gespart, 80 Millionen Nervenzellen durch den Stress verbraten.

Missmanagement – keiner will verantwortlich sein

Egal, welche Reiseform der Deutschen Bahn es auch ist: Irgendwas stimmt nicht. Sogar der prestigeträchtige ICE trägt scheinbar ein Kainsmal.

So fuhr ich den Hinweg nach Berlin mit dem „FlixTrain“, die Zug-Sparte der bekannten Firma „FlixBus“. Der ICE nach Berlin vom selben Bahnhof fiel einfach ganz aus; hätte ich mich für die DB entschieden, wäre das Apollo-Seminar für mich flachgefallen. Dass Züge ausfallen, ist zugegebenermaßen nicht die Regel. Aber auch keine Ausnahme mehr. Gerade bei den im Vergleich hohen Ticketpreisen der Deutschen Bahn (der ICE kann One-Way locker 100,00 € kosten) ist der Unmut von Fahrgästen nachvollziehbar.

Am 22. Juli berichtete das Handelsblatt über mehrtägige Ganzausfälle in NRW. Betroffen sind vier (!) S-Bahn-Linien und auch eine Regionalbahn, die in unserer Region oft genutzt

wird und seit Ewigkeiten nicht mehr verlässlich fährt. Grund ist laut der Bahn ein „hoher Krankenstand“. Der Fahrgästeverband „Pro Bahn“ hält solche Totalausfälle für nicht mehr akzeptabel, nicht einmal einen Stundentakt könne die DB anbieten. Die entschuldigt sich und bietet z. B. Sammeltaxis als Alternative an.

Neben Ausfällen kommt es häufig zu Verspätungen. Mitte Juli 2022 wurden „geheime“ bahninterne Dokumente geleakt, welche sich mit „Langsamfahrstellen“ auseinandersetzen. Sie liegen dem Magazin „Spiegel“ vor. Bei Langsamfahrstellen handelt es sich um Streckenabschnitte, auf denen Züge nur noch mit etwa 20 km/h fahren dürfen. Gründe können Unfälle, Bauarbeiten oder ähnliches sein. Von diesen Stellen gab es Anfang Juni ca. 331 Stück. Davon waren 225 schon seit einem Monat nur mit Schneckentempo befahrbar. An die Öffentlichkeit sollten diese Zahlen nicht kommen. Jemand, der sich des Ganzen annimmt – Fehlanzeige. Stattdessen gibt es Entschuldigungen, Rechtfertigungen und Chaos im Schienenverkehr.

Ökonomische Misere und leere Versprechen?

Die Nettoschulden der Deutschen Bahn beliefen sich 2021 auf satte 29,1 Milliarden Euro. Das ist fast eine Verdopplung seit 2011. Dennoch will die Politik die Bahn weiter für die Klimaentlastung, bürgerfreundlichen Nahverkehr und so weiter einspannen. In der Corona-Krise verzeichnete sie Milliardenverluste, jetzt will sie 24.000 neue Mitarbeiter einstellen, um den Problemen Herr zu werden.

Ob das funktionieren wird? Ich hoffe es zwar. Früher war die Bahn Deutschlands Vorzeigeprojekt, bekannt für ihre Pünktlichkeit und Ingenieurskunst. Wir alle wollen entspannt und zufrieden herumreisen können.

Andererseits: Eine Verspätung gibt es bei der Bahn – kein Witz – erst ab 5 Minuten und 59 Sekunden. Davor gilt ein Zug als pünktlich. Wenn mit derselben Großzügigkeit die Probleme der DB behoben werden sollen, heißt es wahrscheinlich auch in Zukunft: „Dieser Zug hat leider Verspätung. Wir bitten um Entschuldigung.“