Xi’s Verschiebung – von Mao zurück zum Imperium

Von Max Roland | Mao hat einen Nachbarn bekommen. Bis 2011 überblickte die Statue des „Großen Vorsitzenden“ alleine den Tiananmen-Platz – dann bekam sie Gesellschaft durch den großen chinesischen Denker Konfuzius. Der dicke Kommunist würde sich im Grabe umdrehen, wenn er das wüsste – denn die chinesischen Kommunisten taten zu Maos Lebzeiten alles, um die Ideen von und die Erinnerung an Konfuzius und andere Väter von chinesischer Kultur und Gesellschaft auszulöschen. Kulturrevolutionär Mao hatte zu Lebzeiten  versucht, den konfuzianischen Einfluss aus der Seele Chinas zu verdrängen. In den letzten Jahren kehrten er und andere Väter der imperial-chinesischen Kultur, wie Lao Zhou und Sun Tsu, ins kulturelle Gedächtnis des „Reiches der Mitte“ zurück. Eine Geschichte, die China einst verteufelte, ist wieder relevant, und ihre Charaktere, die einst verschrien waren, sind als Helden der Nation wiederauferstanden.  Heute sind Konfuzius und co. der jungen Akademikergeneration Chinas wichtiger als Mao. China distanziert sich ein Stück weit vom Kommunismus – Kommunistisch ist am Land eigentlich nur noch der Name und die Struktur der herrschenden Partei, der KP Chinas. Sie ist intern strikt leninistisch organisiert. Aber die chinesische Wirtschaft ist keine Planwirtschaft – eher eine regierungsabhängige und -beeinflusste, aber  doch marktorientierte Wirtschaft. Stattdessen ordnet der chinesische Staat sich in die dreitausendjährige, imperiale Geschichte der Nation ein – und Präsident Xi beschleunigt diesen Prozess. 

Über Jahrtausende bestand die imperiale Ordnung des „himmlischen Reiches“. Die Welt des Handels drehte sich um China und sein Imperium – schon die Römer handelten mit dem chinesischen Reich, welches so eine kontinuierliche Instanz war, dass die Chinesen die Außenwelt kaum noch wahrnahmen. Sie mussten es nicht – die Außenwelt kam ja zu ihnen.  Die Gleichgültigkeit gegenüber den „Barbaren“ dieser Außenwelt zeigt der Kontakt zwischen den Handelsdelegationen der Briten und den Chinesen im 18. Jahrhundert. Die Briten boten den Chinesen ihre neuesten Erkenntnisse in Seenavigation, Bildung und Waffentechnologie an. Die Chinesen lehnten das Angebot ab – auf Latein. Denn Latein war die Sprache dieser „europäischen Barbaren“. Dass das römische Reich seit über Tausend Jahren aufgehört hatte, zu existieren, scherte die Chinesen nicht – die Briten waren für sie das gleiche Barbarenpack, als das sie die Römer sahen. Über die Jahrhunderte schwand Chinas Einfluss jedoch. Dieser Schwund kulminierte im „Jahrhundert der Demütigung“ – als China im späten 19. Jahrhundert durch die Europäer bedrängt, überwältigt und aufgeteilt wurde. Jahrtausende war China das Zentrum der Welt – plötzlich nicht mehr. Europa und später Amerika wurden zu Weltmächten.

Nun strebt China zurück an die Spitze der Weltordnung, geführt von seinem ambitionierten Präsidenten Xi Jinping. Was im Westen als ein Umsturz dieser Weltordnung wahrgenommen wird, gilt in China eher als historische Korrektur – zurück zur natürlichen Weltordnung, in der China als Herz und Zentrum steht.  Dieses chinesische Selbstverständnis begreift man im Westen erst langsam. China geht es nicht um Kapitalismus und Kommunismus, nicht um Multilateralismus oder globale Gerechtigkeit gegenüber dem Westen – es geht um die Rückkehr an die Spitze einer Weltordnung, die sich um China dreht. Das imperiale Denken der letzten dreitausend Jahre dominiert die chinesische Politik erneut – der Maoismus wird inoffiziell als Unfall der Geschichte an den Rand gestellt. Natürlich distanziert man sich offiziell nicht von Mao Tse-Tung und seinem Kommunismus – immerhin ist er nach wie vor die Machtbasis der KP. Aber an sich ist die chinesische Staatsdoktrin längst zurück im kaiserlichen Denken des Imperialismus – nichts ist ewig, außer der chinesische Staat. 

1 Antwort

  1. Li-Si Chen sagt:

    Ja!
    Das begreift man hier einfach nicht – oder erst, wenn es zu spät ist…