Wokeness bis zum Abwinken: Bei GNTM dürfen jetzt auch Rentnerinnen und Volltätowierte mitmachen

Von Larissa Fußer | Viele Jahre hatte Heidi Klums Castingserie „Germany‘s Next Topmodel“ klare Vorgaben für die Teilnehmerinnen: Wer zu klein, zu alt, zu dick, zu tätowiert oder schlichtweg zu unattraktiv war, durfte nicht mitmachen. Punkt, Ende, Basta. Heute gilt das nicht mehr. In der aktuellen Staffel kämpfen Frauen über 65 Jahren, Volltätowierte, Gepiercte und Vokuhila-Hippies um den Model-Titel. Unsere Autorin weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll.


Liebe Heidi, ja genau, ich meine dich, Ex-Supermodel, Ehefrau des 17 Jahre jüngeren Tokio Hotel- Gitarristen, Ersatz-Mama von hunderten Nachwuchs-Models – wir müssen reden. Ich gucke deine Show – Germany’s Next Topmodel – ja schon eine ganze Weile. Als Teenie war ich sogar ein richtiger Fan: Ich habe mich geschminkt, wie es deine Make-Up-Künstler vorgemacht haben und ich habe vor dem Spiegel Laufen geübt, so wie es deine Catwalk-Trainer erklärt haben. Sicher habe ich auch ein, zwei der Schmink- und Schmuckutensilien gekauft, die ihr den Models in die Hand gedrückt habt, damit sie diese „ganz nebenbei“ vor der Kamera benutzen. Ich war voll auf dem Model-Trip – und habe keine Folge verpasst.

Doch dann hast Du angefangen, deine Show zu verändern. Früher, da gab es bei dir klare Regeln, wer mitmachen durfte und wer nicht. Ich erinnere mich noch an Staffeln, in denen hunderte Mädchen vor deiner Nase über einen riesigen Laufsteg gestakst sind und Du einer nach der anderen mit geschürzten Lippen und quäkender Stimme verklickert hast, dass sie zu klein, zu dick, zu unsportlich, zu tätowiert, zu gepierct, zu langweilig, zu verrückt oder „einfach kein Model“ sei. Manchmal haben sich auch Kerle einen Spaß erlaubt und sich in Kleider mit tiefen Ausschnitten geworfen, aus denen die dunklen Haare dann nur so hervorgesprossen sind. Wenn diese Jungs dann vor dir über den Laufsteg getrampelt sind, fandest Du das gar nicht lustig und hast nur pikiert kommentiert, dass bei deiner Sendung ausschließlich Frauen mitmachen dürfen.

Aber irgendwann – ich glaube es war die Zeit, in der in den Zeitungen stand, dass deine Zuschauerzahlen in den Boden gehen – wurde bei dir plötzlich alles anders. Da habe ich mal ganz unvorbereitet in neue Folgen reingezappt – und plötzlich ging’s nicht mehr um Schminke und Zickenkrieg, sondern darum, dass Transfrau XYZ total am Ende ist, weil gleich das Bikini- Shooting stattfindet und sie ihre Geschlechtsumwandlungs-OP noch nicht hatte. So saßen also Transfrau eins und Transfrau zwei zusammen heulend auf den Bahamas unter der Palme und wurden von zehn Mädels mit Tipps wie „Das kann man sicher irgendwie abbinden“ getröstet. Natürlich hat die Kamera die ganze Zeit voll drauf gehalten und es wurden ungefähr dreißig Kurzinterviews mit den Teilnehmerinnen darüber geführt, wie sie zu dem Bikinishooting-mit-Penis- Problem stehen.

Mit dieser Vorgeschichte war ich gewappnet, als ich deine aktuelle Staffel eingeschaltet habe. Dachte ich zumindest. Plötzlich starrte mich da eine Person mit pinker Vokuhila-Frisur, Nasenpiercing, Hipster-Brille und Überbiss an, die sich gerade damit vorstellte, dass sie mal so lange allein durch die Nacht geradelt sei, bis sie Halluzinationen bekommen hatte. Ich hatte kaum meine Kinnlade wieder unter Kontrolle, da hast Du schon die nächste Teilnehmerin eingeblendet – von Kopf bis Fuß tätowiert, Piercing über der Lippe und auf der Zunge, füllige Figur. Ausführlich hast Du sie über ihre Depressionen und ihre Gewichtszunahme in Folge einer Therapie sprechen lassen – ich habe mich gefühlt, als wäre ich unfreiwillig in eine Selbsthilfegruppe geplatzt. Das kannte ich bisher nur vom Dschungelcamp.

Highlight der Show sind diesmal aber eindeutig zwei andere Teilnehmerinnen: Lieselotte und Barbara. Die beiden sind sage und schreibe 66 und 68 Jahre alt. Also Heidi, jetzt mal im Ernst. Ich kann ja verstehen, dass dir das älter werden schwer fällt. Du bist ja immerhin inzwischen auch fast 50, als Model ist das sicher hart. Aber komm: sich jetzt Models im Oma-Alter einzuladen, nur damit Du daneben frischer aussiehst – das ist doch unter der Gürtellinie.

Findest Du nicht?
https://www.youtube.com/watch?v=nTiDanCo7p8

Guck dir doch mal die Lieselotte an. Die ist schon beim ersten Mal in der Maske den Tränen nah, weil es ja daaaaaaamals in der DDR nur zwei Lippenstiftfarben gegeben hätte. Kurze Zeit später steht Catwalk-Training auf dem Plan und sie säuselt in die Kamera: „Ich habe heute Lust, bei Heidi einen sexy Gang zu lernen“. Aber als sie dann über den Laufsteg holpert, knallst Du ihr nur unverhohlen vor den Latz, dass sie viel zu steif in der Hüfte sei. Merkst Du selber, oder? Die Frau ist 66 – klar ist sie steif in der Hüfte! Und Du verordnest ihr Hulahup-Training – also beim Hausarzt nennt man das Reha-Sport.

Bei der Barbara ist es kaum besser – als ein junges, schwarzes Mädel ihr im Ghetto-Slang verklickern will, dass sie heute zusammen auf dem Laufsteg „rasieren“ werden, guckt Oma Barbara nur wie ein Auto. Die Göre braucht einen Moment, schaltet dann aber und sagt in lieber Schüler-Stimme: „Entschuldigen Sie bitte, ich meinte: ‚Wir machen das!‘“. Es ist Slapstick.


https://www.youtube.com/shorts/von8QSU23SE


Dann gibt es auch noch die 50-jährige Martina, die zusammen mit ihrer Tochter teilnimmt und sich – das strahlt sie mit jeder Pore aus – für das bessere Model hält. Da kriegt man wirklich ganz ekelige Gefühle, wenn man diese hagere, magere Frau mit Kurzhaarfrisur sieht, die darüber schwadroniert, dass sie ja schon sehr viel Modelerfahrung habe und sehr erfolgreich gewesen sei, sich dann aber doch erst für eine Karriere als – hab ich vergessen – entschieden habe. Jetzt aber, erklärt die Martina, wolle sie sich einen Traum erfüllen und habe sich deshalb – VOR ihrer Tochter, das ist ihr merkbar wichtig – für die Sendung beworben.


https://www.youtube.com/watch?v=nW8NUJ3WOVo


Also Heidi, jetzt mal Tacheles: Brechen deine Einschaltquoten so ein, dass dir jetzt jedes Mittel recht ist, um neue Zuschauer zu gewinnen? Es gab eine Zeit, da ging’s in deiner Sendung darum, das schönste Model zu küren – jetzt nennst Du deine Models nur noch „divers“, als ob das ein Kompliment wäre, über das sich eine Frau freut. Und noch was: Du denkst doch nicht wirklich, dass Du deinen Zuschauern vorgaukeln könntest, dass es heutzutage in der Modewelt nicht mehr um‘s Aussehen ginge? Wenn die Models nicht mehr ihr Äußeres verkaufen sollen – mit was sollen sie denn stattdessen Geld verdienen? Mit ihrer Persönlichkeit, ihrem Grips? Im Ernst? Verdienst Du nicht selbst mit fast 50 noch einen Großteil deines Geldes mit Instagram-Fotos?


Naja, ich will aber mal nicht so sein und trotzdem verraten, dass mir eine Szene mit deinen Rentnerrinnen sehr gefallen hat: Die Mädels sind auf Mykonos, es windet wohl und die Mädchen müssen in hohen Schuhen unebene Steintreppen hinunter gehen – großes Geheule, schreckliches Drama. Dann werden die Alten gezeigt. Seelenruhig stehen sie da und sagen in die Kamera: „Also wir verstehen das Gejammer nicht, uns macht das alles nichts aus – liegt wohl daran, dass wir noch aus der Leistungsgeneration kommen.“ Verschmitztes Lächeln der Omis, Cut.

1 Antwort

  1. Katharina sagt:

    Also Frau Fusser jetzt fühl ich mich ganz schön diskriminiert von Ihnen. Ich bin nämlich auch schon ein bisschen älter und frage mich, warum Sie Models so engstirnig betrachten. Mathematiker müssen doch heute das kleine 1×1 auch nicht mehr beherrschen!