Wer am lautesten schreit, gewinnt – vom Klassensprecher zum Bundestagsabgeordneten

Von Johanna Beckmann | Das erste Mal kandidieren, Wahlreden halten und wählen – das waren die Klassensprecherwahlen in der Grundschule. Jedes Jahr, wenn unsere Lehrerin die Wahl ankündigte, gab es zwei Leute, die den ganzen Raum übertönten, um schreiend und schnipsend ihre Kandidatur zu verkünden: Ich, ich möchte Klassensprecher werden.Der Rest meiner Klasse meldete sich ebenfalls, war dann aber meist eingeschüchtert und es blieben nur noch wenige Kandidaten, diese hielten dann ihre Reden. Bei uns sagten die Schüler immer das gleiche: Ich will verlängerte Pausen und weniger Unterricht.Gegen diese Forderungen kamen Schüler, die sich gefüllte Handtuchspender wünschten, natürlich nicht an. Wenn die Klassensprecher dann gewählt waren, gab es nicht weniger Unterricht, was zu erwarten war. Die „Arbeit“ unserer Klassensprecher, sah meist so aus: Spielen im warmen, während alle anderen Schüler draußen froren.

Eigentlich würde man erwarten, dass es sich auf der weiterführenden Schule bessert, da jeder von uns älter wird. Das geschah jedoch nicht, mit der Ausnahme, dass jetzt niemand mehr schulfrei fordert. Seit der 9. Klasse dürfen sich unsere Klassensprecher für Posten, wie zum Beispiel Schulsprecher, bewerben. Hierfür wählte meine Klasse dann eine Schülerin, deren einzige Qualifikation es war, nicht den ganzen Raum zusammen zu schreien. Sie bewarb sich für einige Posten. Wie ich es erwartete bekam sie keinen von diesen, da andere Klassen zum wiederholten Mal Schreihalse gewählt hatten. Einer von diesen wurde dann unserer Schulsprecher.

Bei seiner Kandidatur guckte er sich Verhaltensweisen von Politikern ab: Forderungen vortragen und sie aufgrund des Widerstandes ändern, um dann eine aussagelose vorzutragen, konnte er gut. Zuerst wollte er eine Arbeitsgemeinschaft zum Thema Schule ohne Rassismus, Schule mit Courageeinführen, da niemand länger in der Schule bleiben wollte, stoß diese auf Widerstand. Nun war seine Forderung: Ich möchte euch den Schultag erleichtern.Gegen diese Forderung hatte natürlich keiner von uns etwas einzuwenden, wenn wir gewusst hätten, welche Taten auf dieses Versprechen folgen sollten, hätten wir gegen ihn gestimmt.

Wir hatten dann Periodenprodukte auf der Männertoilette, welche ihre Funktion nur in der Verstopfung der Abflüsse fanden.

Außerdem waren dann die meisten anderen eingeschüchtert, da er die Forderungen mit einen unglaublich großen Selbstbewusstsein vortrug. Da konnte jeder nur denken, dass es das Beste, das man jemals gehört hat, wäre. Wir hatten dann Periodenprodukte auf der Männertoilette, welche ihre Funktion nur in der Verstopfung der Abflüsse fanden. Außerdem richtete er einen Dienst ein, der jede Pause die Sauberkeit der Toiletten kontrollierte – für jede bemalte Toilettenwand wurde eine Tür abgenommen, manchmal wurden Toiletten sogar abgesperrt. Für uns hieß die „Erleichterung des Schultages“ Spaziergang durch das gesamte Schulhaus, um eine funktionstüchtige Toilette zu finden. Ich weiß ja nicht, ob es uns abseits des kostenlosen Fitnessprogramms den Schulalltag erleichtert hat.

Zur Realisierung seiner Projekte hat unser Schulsprecher einen Aufenthaltsraum, in dem theoretisch Dinge, die den Schulalltag angenehmer gestalten könnten, besprochen werden sollen. In der Realität sitzt dort der Schulsprecher mit seinen Freunden unterhält sich, kocht Tee und isst Instant Nudeln, da es dort einen Wasserkocher gibt. Natürlich alles, um den Alltag für die gesamten Schüler angenehmer zu gestalten. Nun sitzt also unsere Schulsprecher in einem warmen Raum, genießt sein Menü und freut sich über seine gute Arbeit, während die meisten Schüler auf dem Schulhof stehen, frieren und ihr mitgebrachtes Mischbrot essen.

Man kann nirgendwo so schnell Karriere machen und ein sehr hohes Gehalt erhalten, wie in der Politik.

Wenn sich junge Menschen, oft die gleichen, die früher Schulsprecher waren, dafür entscheiden, nach der Schule in die Politik zu gehen, läuft es nicht besser. Oft sehen diese jungen Menschen keine beruflichen Alternative. Dann geht es direkt nach dem Studium, oft sogar nach ein paar abgebrochenen Semestern auf hohe Polit-Posten. Ich glaube, man kann nirgendwo so schnell Karriere machen und ein sehr hohes Gehalt erhalten, wie in der Politik.  Andere Menschen kämpfen zum Beispiel in der Wirtschaft ihr ganzes Leben um eine Beförderung. Eigentlich wäre es ja wichtig, den Kontakt zur realen Berufswelt nicht zu verlieren, denn man kann die Bevölkerung nicht vertreten, wenn man wie Schulsprecher in einem beheizten Raum sitzt, sich über seine Forderungen freut, Nudeln kocht und der Rest draußen sitzt,  friert und Mischbrot isst.

Kevin Kühnert – das Sinnbild eines Klassensprechers

Der Politiker Kevin Kühnert erinnert mich sehr an den Schulsprecher meiner Schule und auch er war mal Schulsprecher. Er forderte bei seiner Abschiedsrede von den Jusos dazu auf, weiterhin umrealisierbare Forderungen zu stellen, um Aufsehen zu erregen. Auch unser Schulsprecher, der uns den Schulalltag erleichtern wollte, setzte seine Versprechen eher weniger gut um. Jedoch brach Kühnert nach seiner Schulzeit sein Studium ab und ist jetzt seit Oktober 2021 im Bundestag.

Er hat es geschafft: schneller Aufstieg zum stellvertretenden SPD-Vorsitz und ein hohes Gehalt ohne ein abgeschlossenes Studium. Nicht einmal ernstzunehmende Berufserfahrung hat er. Demnach wäre auch ich als Schülerin perfekt für den Bundestag geeignet. Eigentlich ist man, wie man am Beispiel von Kühnert sehen kann, ohne Studium einfach ein besserer Politiker. Um Forderungen wie die Überwindung des Kapitalismus und die Kollektivierung von Konzernen zu veröffentlichen, braucht man keine Ausbildung oder Berufserfahrung. Aber er hat es geschafft, er hat gewonnen. Er hat den Aufstieg geschafft vom selbstbewussten Schulsprecher zum Politiker mit sehr hohem Gehalt.

3 Antworten

  1. jaybee666 sagt:

    grosses kino (nicht)! für jeden noch so unwichtigen kram braucht man in diesem land ein diplom, eine lizens, eine befähigung, einen schein, ein zeugnis und eine erlaubnis…und wehe, man angelt ohne angelschein! aber berufspolitiker werden darf jeder vollpfosten, siehe existenzen wie kühnert, lang, ziemiak… mir schwant übles! bereits jetzt fahren wir die ernte für diese zustände ein…

  2. Franz Günter sagt:

    In unseren Parlamenten sitzt eine Negativauslese, wie das Dr. M. Krall einmal so schön beschrieben hat: 1. Einen Platz auf der Wahlliste ergattern durch intensives Dienern und ja-sagen, 2. mit dem Gehalt eines MdB einen großen Sprung machen von dem vorherigen Dasein.
    Damit uninteressant für im Beruf erfolgreiche Menschen. Die verdienen in ihrem Beruf mehr und sind es nicht gewohnt, permanent ja zu sagen.
    Folgerung: Änderung des Auswahlverfahrens. Wird nicht passieren, sonst haben die Minderleister keine Chance mehr. QED.

  3. Dieter sagt:

    Ganz prima, ich habe auch den Eindruck, dass man nur in deutschen Parlamenten ohne abgeschlossene Ausbildung so viel Geld verdienen kann.