Wenn man der einzige Ungeimpfte in der Klasse ist

Von Michael Friese | Der Druck auf Ungeimpfte steigt von Tag zu Tag und beschränkt sich lange nicht mehr auf die Maßnahmen der Regierung – seien es die “G-Regeln” oder gar eine Impfpflicht, wie es sie in Österreich geben soll. Auch im hiesigen Klassenzimmer wird der soziale Druck auf Ungeimpfte stetig größer. Ich selber bin glücklicherweise noch nie aufgrund meines Impfstatus in einer respektlosen Art und Weise von meinen Klassenkameraden angegangen worden. Dass das aber nicht selbstverständlich ist, zeigt die Geschichte einer Freundin von mir, die durch ihre Klassenkameraden zurück in den Fernunterricht gegruselt wurde.

Es fing bereits an, als das neue Schuljahr startete. Man musste sich vor versammelter Mannschaft und vorne am Pult testen lassen und bereits da kamen die ersten Kommentare auf wie „Seid ihr etwa immer noch nicht geimpft?“. Zu der Zeit war Laura* noch nicht die einzige, die nicht geimpft war, jedoch hatten die anderen beiden bereits ihre eigenen Impftermine ausgemacht, sodass sie bald alleine unter Geimpften war. Und da Minderheitenschutz in der Klassengemeinschaft alles andere als groß geschrieben wird, kann man sich bereits denken, wie die Stimmung in der Klasse in der nächsten Zeit gewesen ist.

Die Missgunst der Klassenkameraden zeigte sich immer weiter über die nächste Zeit. Meistens handelte es sich dort um aufstachelnde Kommentare, warum man denn noch nicht geimpft sei. Aber auch Sprüche wie „Nur wegen euch haben wir noch diesen Scheiß!“ waren keine Seltenheit. Es ging aber auch subtiler: Wenn man in seinen Gesprächen über die Impfung redet, erwähnt man einfach in einem abfälligen Ton, dass manche Leute sich immer noch nicht haben impfen lassen. In solchen Situationen fühlte es sich für Laura* dann immer an, als würde sie von allen angestarrt werden. Sie wurde mit diesem herabwürdigendem Ton schließlich indirekt angesprochen. In solch einer Situation braucht man die betroffene Person nicht einmal anstarren, damit sie sich beobachtet und verurteilt fühlt. Zu allem Überfluss kommt noch hinzu, dass dieses Verhalten nicht nur von Mitschülern ausging, mit denen sie zuvor nichts zu tun hatte oder vielleicht vorher schon Streit hatte. Selbst die Leute, mit denen sie sich vor Corona sehr gut verstanden hatte, schlossen sich dem Gezeter an.

All dies spielte sich im Zeitraum von nur einer Woche ab. Danach zog sie die Reißleine und bat darum, wieder in den Fernunterricht gehen zu können – sie hatte keine Lust mehr auf das respektlose Verhalten ihrer Klassenkameraden. Der Fernunterricht wurde auch gebilligt und seitdem muss sie nicht mehr in dieser toxischen Klassen“gemeinschaft“ lernen. Wer übrigens denkt, dass die Lehrer etwas gegen diese desaströsen Zustände unternommen hätten, denkt falsch. Die Lehrer an ihrer Schule waren diesbezüglich so nützlich wie ein Löffel beim Kanupaddeln. Von deren Seite aus kam nur, dass man dagegen ja „nichts machen“ könne, was vermutlich die wackeligste, aber auch bekannteste Ausrede eines Lehrers überhaupt ist.

Das ein solcher Zustand inakzeptabel ist, brauche ich vermutlich nicht zu erwähnen. Es ist die freie Entscheidung eines jeden Bürgers, sich gegen das Corona-Virus impfen zu lassen und es gibt valide Argumente für die eine und die andere Seite. Wer sich aber nun etwas auf seinen „richtigen“ Impfstatus einbildet und andere Leute – vor allem, wenn diese in der Unterzahl sind – aufgrund dessen herabwürdigt und anmacht, etabliert ein Gesellschaftsbild, welches eine Menschengruppe pauschal über eine andere stellt. Das ist die klassische Definition des Chauvinismus. In diesem Fall ist es der Chauvinismus der Geimpften: Der Impfchauvinismus.

* Name wurde von der Redaktion geändert


Michael Friese, Schüler aus Schleswig-Holstein, Baujahr 2003 und Sozialschädling vom Dienst. Schreibt hier auf Apollo hauptsächlich über gesellschaftliche Themen wie Kultur oder – derzeit ganz prominent – Corona. Auch andere Themen wie Migration oder Gender gehören dazu. Hat ein durch und durch freiheitliches Gemüt und versucht immer, anderen Meinungen gegenüber offen zu sein. Leider sieht sich diese freiheitlich Denke seit ungefähr eineinhalb Jahren großem Artilleriebeschuss ausgesetzt; das zu adressieren und zu kritisieren ist aktuell der Fokus. Schreibt gerne in Bildnissen.


 

2 Antworten

  1. Neo sagt:

    Vor allem im Politik Unterricht, indem bei mir der Konsens herrscht, dass Ungeimpft Mörder seien ist das zur Schule gehen wirklich eine einzige Überwindung.

  2. malus sagt:

    Kann ich gut nachvollziehen.
    Bin hier der Einzige unter 19 über 70-jährigen meiner Tennismannschaft, der nicht geimpft ist.
    Die Reaktionen der Kollegen sind ähnlich.
    Man fühlt sich als Aussätziger.