Weihnachten in Kreuzberg – oder: heute ist nur noch das Koks weiß

Von Pauline Schwarz | Wenn das Corona-Virus gerade nicht dafür sorgen würde, dass wir uns gegenseitig die Köpfe einschlagen, Tobsuchtsanfälle bekommen und uns über unseren Impfstatus zerstreiten, wäre jetzt vor allem eines: die Vorweihnachtszeit. Dann würde es darum gehen, wo dieses Jahr die Familienfeier stattfindet, wer die schönste Weihnachtsgans macht und wo man noch schnell ein 08/15 Geschenk für die Tante dritten Grades bekommt, die man eigentlich sowieso nie leiden konnte. Die Gedanken wären ganz bei Glühwein, Leberpasteten, Schlittenbahnen, Weihnachtsbäumen und vielleicht noch bei Winterreifen und Frostschutzmittel – nicht bei Inzidenzzahlen, Zwangsimpfung und Testknappheit. Gerade Kinder sollten jetzt doch vor allem an den Weihnachtsmann und ihr nächstes Schnee-Abenteuer denken können. Für mich gab es früher jedenfalls nichts Tolleres als Rodeln, Schneemännerbauen, Weihnachtsengelformen und das ungeduldige Warten auf die heiß ersehnten Geschenke. Selbst in Berlins berühmt berüchtigten Bezirk Kreuzberg gab es mal eine Zeit, in der man die frostige Winterzeit und Weihnachten nahezu genießen konnte. Damals war allerdings alles noch ein bisschen anders als heute.

Als Kind habe ich den Winter geliebt. Sobald der erste Schnee fiel, sauste ich raus in den Hof und lief so lange barfuß durch die weißen Flocken, bis mich meine Mutter wieder einfangen konnte und in einen kleinen Schneeanzug oder zumindest eine Schneehose stopfte. Ich war im Gegensatz zu heute nicht besonders kälteempfindlich und mochte die dicken unbeweglichen Hosen nicht – ließ mich nach anfänglichem Meckern aber trotzdem gerne in ein kleines Michelin-Männchen verwandeln. Weil ich genau wusste, was als nächstes kam: Ab in den Keller und hoch mit dem geliebten alten Holz-Schlitten! Ich weiß noch, wie meine Schwester und ich mit Liebe die Kufen geschliffen und eingefettet haben, damit wir ja die schnellsten auf der Rodelbahn sind – naja, und um unser tägliches Vorankommen zu sichern. Sobald genug Schnee lag, bewegte ich mich freiwillig nämlich keine fünf Meter mehr zu Fuß. Meine arme Mutter musste uns überall auf dem Schlitten hinziehen. Zum Auto, zum Einkaufen, zur Schule und zur nächsten Rodelstrecke. Und da gab es für mich als Kind eigentlich nur eine einzig wahre in Berlin: Die große Kuhle im Görlitzer Park. Die meisten werden es mir wohl kaum glauben, aber damals gab es noch keinen einzigen afrikanischen Drogendealer weit und breit.

Zu dieser Zeit war es im Görli sogar richtig schön: der weiße Schnee bedeckte Hundehäufchen und Abfall, als hätten sie nie existiert. Alles wirkte sauber, sicher und friedlich – zumindest, wenn nicht gerade die traditionelle Schneeballschlacht zwischen Kreuzberg und Neukölln durch den Park tobte. Da ging´´‘s immer heiß her – für einen kleinen Möpp wie mich, war das noch nichts. Ich jagte in meinem Schlitten lieber den ganzen Tag schreiend und quietschend den kleinen Abhang hinunter, nur um Sekunden später mit pochendem Herz und keuchendem Atem wieder heraufzukrabbeln. Kurz vor Weihnachten war der Görlitzer Park ein echtes Winter-Wunder-Land für uns Mini-Kreuzberger – eine Erinnerung, die mir heute richtig surreal erscheint. Da, wo früher Kinder durch den Schnee tobten und Schneemänner bauten, denen sie Karotten als Nasen und kleine Steine für Mund und Augen ansteckten, stehen heute überall Drogendealer – die keine Hemmung haben, selbst Zehnjährigen Kokain anzubieten. Auf den Spielplätzen liegt Spritzenbesteck und Alufolie. Familien sieht man nur noch sehr vereinzelt. Dasselbe Bild zeigt sich auch um den Park, etwa am Spreewaldplatz.

Seit ich denken kann werden vor der Schwimmhalle jedes Jahr Nordmann-Tannen verkauft – dieses Jahr, habe ich zum ersten Mal gesehen, dass der Baumverkäufer Werbung machen musste. Das hat er früher nie nötig gehabt. Wir haben unseren Weihnachtsbaum, wie jeder andere, immer am Spreewaldplatz gekauft. Jeden Tag herrschte Trubel – heute sieht man kaum jemanden die Bäume begutachten, an den Zweigen rütteln oder um den Preis feilschen. Aber das ist auch kein Wunder, wenn zehn Meter weiter die ersten Drogendealer auf Kundenfang gehen und vorbeieilende Familien anzischen. Jeder, der noch etwas bei Verstand ist, meidet die Ecke großflächig – vor allem wenn man kleine Kinder hat. Für mich war es mit den Nordmann-Tannen aber schon vorbei, bevor die ersten ominösen Gestalten den Platz belagerten. Die Tannen wurden irgendwann einfach zu teuer, der Verkäufer war so verwöhnt mit Kunden, dass er wahre Wucherpreise verlangte. Davon kann er heute wahrscheinlich nur träumen. Die Kreuzberger machen es den Dealern sei Dank wohl so, wie wir damals: Ab ins Auto, auf zum Baumverkauf am Ostbahnhof.

Mit unserem kleinen, roten Auto zu fahren, war im Winter immer ein Abenteuer. Man wusste nie genau, ob „Rudi Rotnase“ genug Kraft aufbringen konnte, um seinen Motor auch bei Minusgraden in Fahrt zu bringen. Und selbst wenn er ansprang, musste man erstmal irgendwie aus der verschneiten Parklücke rauskommen. Das konnte ein echtes Problem werden, wenn die Räumfahrzeuge mal wieder regelrechte Mauern vor den Autos aufgebäumt hatten. Dann mussten schonmal ein paar kräftige Männer von der Straße zum Schieben rekrutiert werden – und im schlimmsten Fall half selbst das nichts. Ich bin mehr als einmal zu spät zur Schule gekommen, weil wir uns allen Mühen zum Trotz nicht vom Fleck bewegen konnten. Kam der alte Rudi tatsächlich in Bewegung, war der Spaß aber noch nicht vorbei. Einmal war es so kalt, dass die Türen über Nacht eingefroren waren und, nachdem wir sie mit Gewalt auf und wieder zu gemacht hatten, bei voller Fahrt mitten auf der Straße plötzlich aufsprangen. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich panisch versucht habe, die Tür neben mir wieder einzufangen, während meine Mutter am Steuer wahrscheinlich fast einen Herzinfarkt erlitt. In den Tagen danach mussten wir die Hintertüren immer mit einem Fahrrad-Spanngummi sichern, das von einer zur anderen Seite reichte – Impro auf Kreuzberger Art. Ich saß in der Mitte und hielt die selbstgebastelte Konstruktion fest. Das war vielleicht ein „ganz kleines bisschen“ gefährlich, aber ich fand’s mit meinen neun Jahren ziemlich lustig.

Am aller spannendsten war aber natürlich der Weihnachtsabend – da kam keine Schneeballschlacht, keine noch so wilde Schlittenfahrt und auch kein Abenteuer mit Rudi ran. Bevor wir am Abend unsere Geschenke bekamen, wurden meine ungeduldigen, kindlichen Nerven immer auf die Probe gestellt. Nachdem wir diverse Spiele und das Weihnachtsessen hinter uns hatten, war es immer noch nicht so weit. Meine Schwester und ich mussten immer erst etwas Kleines leisten, bevor wir etwas bekamen – meine Schwester sang meistens ein paar Lieder vor, während ich „Ihr Kinderlein kommet“ auf der Blockflöte performte. Und dann war es endlich dunkel. Wir mussten auf unser Zimmer und solange warten, bis wir die Weihnachtsglocke hörten, die „der Weihnachtsmann“ immer läutete, bevor er mit seinem Schlitten weiter zu den nächsten Kindern zog – eine nette Geschichte, aber ich wusste natürlich, dass in echt meine Mutter klingelte. Doch völlig Wurscht. Ich flitzte ins Wohnzimmer und bestaunte meine Geschenke unter unserem hübsch geschmückten Baum. Ich wütete immer wie ein kleiner Berserker, während meine Schwester mit Engelsgeduld ganz vorsichtig jedes Geschenk öffnete – und mich damit zur Weißglut trieb.

Weihnachten war bei uns immer mit einigen Streitigkeiten und Stress verbunden, insgesamt freute ich mich aber und genoss die ganze Vorweihnachtszeit – zu Hause, im Schnee und in der Schule. Auch meine Grundschule war nämlich trotz Multi-Kulti-Indoktrination zu dieser Zeit in voller Weihnachtsstimmung. Das ging aber wahrscheinlich nur, weil fast alle meine türkischen Klassenkameraden auch Weihnachten feierten – nicht, weil sie so super toll integriert waren oder sich an die christlichen Werte anpassen wollten, sondern weil sie die Festlichkeit einfach schön fanden und die Kinder unbedingt auch Geschenke haben wollte. Das waren noch Zeiten – Weihnachtsstimmung, keine Dealer, kein Corona. Heute bin ich froh, wenn ich über Weihnachten aus Kreuzberg, und auch generell aus dem ganzen Wahnsinn in Deutschland, wegkomme. Ich liege lieber tausende Kilometer entfernt am Strand und lass mir die Sonne auf den Pelz scheinen – ein kleines Geschenk und gutes Essen gibt’s am Weihnachtsabend trotzdem.

1 Antwort

  1. Claudia Mahlmann sagt:

    Wunderbar beschrieben, sehr schön und sehr traurig!